„hildensaga. ein königinnendrama“ feiert am 15. Juli seine Premiere

Nachdem die Veranstalter im letzten Jahr die Nibelungen als Thema kurzzeitig verließen und man sich dem Thema „Luther“ widmete, kehrt in diesem Jahr die namenstiftende Burgundersippe wieder zurück. Diesmal werden allerdings die beiden „Hildes“ im Mittelpunkt stehen. Das ist zwar nicht neu, verspricht aber unter der Regie von Roger Vontobel („Siegfrieds Erben“) wieder mal ein optischer Leckerbissen zu werden.

Geplant war die Aufführung eigentlich bereits 2020. Das Buch stand, erste Bühnenentwürfe fanden Zustimmung und Gespräche mit Darstellern wurden geführt. Doch dann kam Coro-na auch in Worms an und damit kurz darauf das Aus für die Premiere der „hildensaga. ein königinnendrama“. Der erfolgreiche Regisseur Roger Vontobel erklärte glücklicherweise frühzeitig, dass er 2022 wieder mit an Bord sei, um sich vor der Prachtkulisse des Doms inszenatorisch auszutoben. Dass er das kann, bewies er mit „Siegfrieds Erben“ im Jahr 2018. Damals beeindruckte vor allem sein Gespür für Bilder. Nicht selten erinnerte seine Art der Inszenierung an großes Kino. Begrenzt durch zwei Türme, die jeweils rechts und links positioniert waren, schuf er eine Art Leinwand, auf der er gekonnt seine Darsteller/innen wie Schachfiguren positionierte. Verstärkt wurde das visuelle Erlebnis durch den Einsatz modernster Videotechnik. Fast schon ikonischen Charakter hat hierbei das Bild, als die Videokünstler den Dom erzittern ließen und so mancher Zuschauer seinen Augen nicht traute. Visuelle Spielereien soll es auch in diesem Jahr geben. Im Mittelpunkt steht jedoch die Geschichte und die rückt die beiden tragischen Frauenfiguren Kriemhilde und Brünhilde ins Zentrum. In einem Gespräch mit der Wormser Zeitung erklärte Vontobel 2020: „Bei dem Stück geht es um Eingriffe in Zeitebenen und eine göttliche Welt. Die Schicksalsgöttinnen und Göttervater Wotan sind als Strippezieher im menschlichen Gefüge ein zentrales Element. Die setzen sich zum Ziel, die Frauen in ein anderes Licht zu setzen. Sie möchten gerne am Schicksal drehen, die Gegebenheiten, die sie als schlecht empfinden, ändern und den beiden Frauen, Kriemhild und Brunhild, eine Emanzipationsermächtigung geben. Sie sollen sich aus der Umklammerung der männlichen Machtverhältnisse begeben. Der Königinnenstreit ist der Dreh- und Angel- punkt der Geschichte.“ Mit der Integration der nordischen Götterebene öffnen sich die Festspiele erstmals dem erweiterten Mythos der Nibelungensage, den man aus Wagners Ringzyklus kennt.

NIBELUNGEN UND DIE GEGENWART

Verfasst wurde das Stück von dem renommierten österreichischen Dramatiker Ferdinand Schmalz, der eigentlich als Matthias Schweiger in Graz geboren wurde. Zahlreiche Bühnenpreise hat er für seine Stücke in den vergangenen Jahren eingesammelt, darunter der renommierte, mit 25.000 Euro dotierte Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis. Die Jury befand damals, dass sein Text „Mein Lieblingstier heißt Winter“, einfach „makellos“ sei. In der Corona Zeit nutzte er die unfreiwillige Theaterpause und arbeitete die Geschichte zu einem Roman aus. Eigentlich eher mit der Gegenwartsliteratur verbunden, bieten wiederum die Nibelungen thematisch eine deutlich größere Bandbreite, als ihm das normalerweise im Theater erlaubt ist. Wie Nico Hofmann bei einem Treffen der Nibelungenfreunde im April verriet, wolle Schmalz diesen Freiraum nutzen, um aktuell den dritten Akt der Geschichte den Ereignissen in der Welt anzupassen. Hofmann betonte aber auch, dass sich in den Nibelungen ohnehin viel widerspiegele, was derzeit im Ukraine Konflikt geschehe. Dementsprechend betonte Regisseur Vontobel, dass es gerade in diesen Zeiten wichtig sei, dass bestimmte Geschichten immer wieder erzählt werden müssten. Damit wolle er jenen widersprechen, die immer wieder kritisieren, dass man sich Jahr für Jahr mit den Nibelungen auseinandersetze. Wie schnelllebig die Zeit ist, zeigte ein Künstlergespräch vor zwei Jahren, bei dem Vontobel erklärte, dass Schmalz‘ Fokus auf der Verhandlung der #metoo Debatte lag. Zwar ist das Thema im Hintergrund immer noch präsent, wurde aber längst von Corona und eben dem Ukraine-Konflikt überholt.

RENOMMIERTE THEATERDARSTELLER VORM DOM

Selbstverständlich ist ein Stück nur so gut wie seine Darsteller, die die Aufgabe haben, die oftmals schweren Dialoge mit Leben zu füllen. Die ganz großen Namen sucht man in diesem Jahr vergeblich. Auch das ist eine Folge der Corona-Krise, da in den Jahren 2020 und 2021 zahlreiche Dreharbeiten verschoben wurden und derzeit nachgeholt werden. Aufgrund dieser Entwicklung waren größere Namen vertraglich anderweitig gebunden. Ganz im Sinne des Gedankens, der Star ist das Stück, setzt das künstlerische Team auf renommierte Theaterdarsteller. Die titelgebenden Hildes werden von Genija Rykova und Gina Haller gespielt. Die Deutsch-Russin Rykova übernimmt dabei die Rolle der kühlen Isländerin Brünhild, während Haller Kriemhild spielt. Rykova spielte zuletzt bei den Salzburger Festspielen und ist auch im TV kein unbekanntes Gesicht. In zahlreichen TV-Serien wie „Friesland“ oder dem „Tatort“ trat sie ebenso auf wie in Fern- sehfilmen („Schwarze 23 und das mörderische Ich“). Die 1986 geborene Schauspielerin wurde zudem mehrfach für ihr Spiel ausgezeichnet. Gina Haller ist eine reine Bühnenschauspielerin und gehörte zuletzt zum Ensemble des Schauspielhauses Bochum. 2020 kürte sie das Branchenmagazin „Theater heute“ zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres. Zur weiteren Besetzung zählt Felix Rech, der 2018 in dem Stück „Siegfrieds Erben“ den Dietrich von Bern spielte. Welche Rolle er in diesem Jahr übernimmt, war zum Zeitpunkt unseres Redaktionsschlusses noch nicht bekannt. Das gilt auch für die Schauspielerinnen Lia von Blarer und Sonja Weißbenger. Viel Lob gab es für die Schweizerin von Blarer für ihre Darstellung in der Theaterinszenierung „William Shakespeares Blade Runner 0.2“. Weißbenger pendelt seit Jahren immer wieder erfolgreich zwischen Filmkamera und Theaterbühne. Einen Hauch von internationalem Flair bringt der färöische Schauspieler Olaf Johannessen mit. Der 1961 geborene Schauspieler dürfte vor allem Krimifans ein bekanntes Gesicht sein, spielte er doch in den überaus erfolgreichen skandinavischen Krimiserien „Borgen“, „Kommissar Lund“ und „Die Brücke – Transit in den Tod III“ mit.

EINE WASSERWELT ALS BLICKFANG

Teilen müssen sich die Schauspieler die Aufmerksamkeit des Publikums mit dem Bühnenbild, das laut den ersten Illustrationen ein echter Hingucker wird. Gestaltet wird es von Palle Steen Christensen, der seit Jahren zum festen Team von Roger Vontobel gehört und demensprechend auch schon für das Bühnenbild von „Siegfrieds Erben“ verantwortlich war. Christensen verwandelt den Platz vor dem Dom in eine riesige Wasserlandschaft, die sich mit variablen Stegen, gezielten Wassereffekten, Licht und Video permanent verändern soll. In einer Pressemitteilung heißt es, dass die Wasserwelt mal für die ferne Wasserwelt von Island steht, dann wird sie wieder zum opulenten Swimming Pool der Nibelungen und schließlich zur mythischen Zauberwelt, in der sich die Figuren am Ende verirren. Selbst- bewusst scheut man dabei nicht den Vergleich mit dem großen William Shakespeare und dessen „Sommernachtstraum“. Das Wasser dient als Projektionsfläche und Spiegel zugleich. Vontobel erklärt hierzu: „Alles beginnt und endet im Wasser – alles spiegelt sich im Wasser, verliert sich darin und bezieht seine Kraft daraus. Wir haben uns dieses Jahr entschieden, diese Kraft anzuzapfen – eine riesige Wasserlandschaft zu kreieren, die magisch, haptisch und spielerisch immer wieder Ausdruck einer Urbarmachung seitens der Menschen wird.“ Die Wasserwelt soll in einer Breite von rund 30 Metern und zwei Metern Tiefe angelegt wer- den. Wie schon 2018 möchte das Team in diesem Jahr erneut mit den technischen Möglichkeiten arbeiten. Dazu gehört der gezielte Einsatz von Lichteffekten, genauso wie der Einsatz des sogenannten 3D Map- ping, also jenen Videoeffekten, die 2018 den Dom zum Wackeln brach- ten. So dürfte schon jetzt feststehen, dass die Nibelungen zumindest visuell wieder ein Spektakel werden dürften.

Mehr Informationen finden Sie hier: https://www.nibelungenfestspiele.de/nibelungenfestspiele/

Text: Dennis Dirigo

Foto: Palle Steen Christensen