SCHWIERIGE BILDUNGSPERSPEKTIVEN FÜR WORMS
Sprachprobleme und ein schlechtes Bildungsranking
Deutschland ist nicht reich an Bodenschätzen. Sein Reichtum ist Bildung. Zumindest war das die Währung, mit der das Land in der Nachkriegszeit zur weltweiten Wirtschaftsmacht aufstieg. Doch diese Zeiten scheinen bedroht zu sein. In RheinlandPfalz – und noch stärker in Worms – ist dieses Dilemma geradezu messbar.
Kein guter Bildungsmonitor
Ein beliebtes Mittel, um den Bildungsstand abseits der berühmten Pisa Studie zu messen, ist der sogenannte Bildungsmonitor. Bereits seit 2004 wird diese Studie jährlich erstellt. Bewertet werden 98 Aspekte, darunter auch Schulabbrecherquoten, aber auch Doktor Abschlüsse. Der Bildungsmonitor soll zeigen, inwieweit das Bildungssystem eines Bundeslandes zum Wachstum und Wohlstand der Wirtschaft bei trägt. Gemessen daran steht es um RheinlandPfalz nicht gut. Im Ländervergleich reicht es gerade mal für den zwölften Platz. Nur SachsenAnhalt, NordrheinWestfalen, Brandenburg und Bremen schneiden etwas schlechter ab. Das Monitoring hat insbesondere Defizite in den Bereichen Schulqualität, Bildungsarmut und Bildungsgerechtigkeit/Integration ausgemacht. Ebenso sieht es Verbesserungspotential beim Startchance Programm, einem bundesweit initiierten Programm, das Schulen mit einem hohen Anteil an „benachteiligten Kindern“, finanziell fördert. Ein Programm, das – wie sich in Gesprächen mit Wormser Lehrern später zeigt – in seiner Konstruktion durchaus umstritten ist. Umstritten ist auch die eine oder andere bildungspolitische Entscheidung der vergangenen Jahre. So stößt bis heute das sogenannte „Schreiben nach Gehör“ immer wieder auf Kritik, zumal in RheinlandPfalz der Anteil an Kindern, die nach Abschluss der Grundschule weiterhin erhebliche Sprachdefizite aufweisen, im Ländervergleich sehr hoch ist. Ungefähr 20 bis 25 Prozent der Kinder haben Schwierigkeiten beim Übergang in die weiterführende Schule. Für Kontroversen sorgt auch immer wieder die Umsetzung des inklusiven Gedankens. Seit dem 1. August 2014 haben Eltern von Kindern mit Behinderungen ein vorbehaltloses Recht auf inklusiven Unterricht für ihr Kind.
Im Zuge dessen kam es auch zum Umbau des Schulsystems. Hauptschulen gehörten fortan der Vergangenheit an und die Zukunft gehört seitdem den Realschulen plus und den IGS. Eigentlich gehört es auch zum Plan, Förderschulen abzuschaffen. In Worms wäre das die GeschwisterSchollSchule mit ihren drei Standorten, doch die Praxis zeigt, dass die Schule gefragter denn je ist. So hat sich die Schülerzahl in gerade mal zehn Jahren von 185 auf 325 Schüler stark erhöht. Der Schulentwicklungsplan der Stadt sieht für die Zukunft auch keine Entspannung, sondern weiterhin steigende Zahlen. Dem gegenüber steht der knappe Raum. Abermals müssen Schulcontainer für Abhilfe sorgen, bis irgendwann die Pläne, auf dem Sportplatz ein weiteres Gebäude zu errichten, umgesetzt werden. In anderen Schulformen sorgen die inklusiven Pläne eher wegen Personalmangel, im Kontext mit schlechter finanzieller Ausstattung, für Diskussionen und Kopfschütteln. Kritiker des rheinlandpfälzischen Bildungssystems halten auch den kompromisslosen Rechtsanspruch der Eltern, alleine über den weiteren schulischen Werdegang zu entscheiden, nicht für zielführend. So erleben seit einigen Jahren auch in Worms Gymnasien einen regelrechten Boom. Das sorgt zunächst für überfüllte Klassen und führt statistisch gesehen erstaunlich oft zu einem Schulwechsel nach den Orientierungsstufen. Zuletzt sorgte die Entscheidung des amtierenden Bildungsministers Sven Teuber, unangekündigte Hausaufgabenprüfungen abzuschaffen, für Diskussionen. Betrachtet man das Abschneiden beim Bildungsranking, scheint dies eher die Kritiker zu bestätigen.
Mehr Monolog als Dialog?
Sich den Herausforderungen im Bildungsbereich bewusst, lud die SPD AlzeyWorms den Bildungsminister Sven Teuber zu einem Austausch mit interessierten Gästen. Die kamen in erster Linie aus pädagogischen Berufen, von der Kita bis zu Weiterführenden Schulen und Schülervertretungen. Teuber verwies dabei auf die hohe Zahl von jungen Menschen in Deutschland (50.000), die jährlich ohne Abschluss die Schule verlassen. Zugleich nutzte Teuber diesen Umstand, um auf eine gute Landespolitik zu verweisen und in diesem Zusammenhang weitere Investitionen und pädagogische Programme anzukündigen, die sein Ministerium entwickelt. Zudem habe man in Rheinland Pfalz aktuell eine Rekordbeschäftigung von Lehrern (45.000). Dem gegenüber steht, dass es in RheinlandPfalz generell an Lehrkräften fehle, wie die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kürzlich bestätigte. Zu den weiteren Investitionen gehört auch noch die geplante Lehrmittelfreiheit. Das Ziel ist letztlich Bildungsgerechtigkeit. Doch an der Basis, wo mit den Ideen der Politik gearbeitet werden muss, rumort es. Und das zeigte sich auch beim Bildungsdialog. So ließ eine Teilnehmerin via Facebook wissen: „Während die Presseberichte zum „SPD Bildungsdialog“ vom 2. Dezember in Worms das Bild eines konstruktiven Austauschs zeichnen, blieb für kritische Beobachter vor Ort ein schaler Beigeschmack.“
Ergänzend schreibt sie: „Drei Szenen des Abends ofenbarten exemplarisch, dass unser Bildungssystem in RheinlandPfalz derzeit nicht an Lösungen arbeitet, sondern Mangelverwaltung hübsch verpackt.“ Dabei verweist sie auf die Reaktion Teubers, als dieser das Start Chancen Programm lobte und eine Schulleiterin verneinend den Kopf schüttelte. Statt nachzufragen, habe Teuber das Verhalten defensiv kommentiert. In einem weiteren Moment habe eine KitaMitarbeiterin eindrücklich den schwierigen Alltag im Umgang mit einzelnen verhaltensauffälligen Kindern beschrieben und übte damit scharfe Kritik am politischen Umgang mit Inklusion. Konkret gefragt nach mehr Personal, habe Teuber entgegnet, dass dies aus seiner Sicht nichts nütze. Als „Etikettenschwindel“ sieht die Kommentatorin den Umgang mit den sogenannten „SprachKitas“. Auf die eklatanten Sprachdefizite bei der Einschulung angesprochen, habe der Minister auf die 300 SprachKitas im Land verwiesen. Was gut klingt, ist statistisch irrelevant. Die Autorin erklärt: „2.600 Kitas in RLP erreichen damit gerade einmal ca. 11 Prozent der Einrichtungen.“ Die Folgen dieser sprachlich gescheiterten Integration sind auch an Wormser Grundschulen zu beobachten.
Mulikulti im Klassensaal
In Worms gibt es 15 Grundschulen, davon gelten sieben, von der Diesterwegschule bis zur ErnstLudwigSchule, als innenstadtnah. Eigentlich kein nennenswerter Umstand, wenn das nicht eine ganz bedeutende Rolle hinsichtlich der Sprachkompetenz von Kindern spielen würde. So erklärt der Schulentwicklungsplan der Stadt Worms: „Viele Kinder weisen bei der Schuleingangsuntersuchung nicht den altersentsprechenden Stand bei der Sprachentwicklung auf; die Quote hierbei pendelt jedoch zwischen sieben und 70 Prozent bei den einzelnen Schulbezirken. Die Ergebnisse zeigen, dass die soziale Belastung in der Innenstadt und im Stadtzentrum hoch ist, während sich Sozialräume mit bereits zuvor geringeren Belastungsindikatoren weiter verbessern.“ Sprich: Während in Ibersheim Sprachprobleme eher keine Rolle spielen, ist das in der Karmeliter oder ErnstLudwigSchule deutlich anders. So erklärt eine Lehrerin im Gespräch mit WO!, dass die Sprachdefizite insbesondere bei der Einschulung ein Problem darstellen. Eines der Probleme sieht sie darin, dass die Kinder oftmals keine Kita besucht haben und sowohl sozial als auch sprachlich isoliert aufgewachsen seien. Das führe aber nicht nur zu Sprachproblemen, sondern auch zu Trennungsängsten, sodass eine Beschulung manchmal nicht möglich ist oder in Ausnahmefällen die Mutter zunächst den Unterricht begleiten muss.
In Anbetracht der Klassen stärke von rund 25 Kindern ist das oftmals eine zusätzliche Herausforderung und Belastung für die lehrenden Kräfte. Zudem verweist sie auf die multikulturelle Struktur. „Hier trefen ca. 15 Sprachen aufeinander. Manchmal ist es so, dass ein Kind schneller lernt, türkisch zu sprechen als deutsch“, schildert sie und ergänzt optimistisch: „Manchmal ist es aber aufgrund des Sprachmixes doch einfach deutsch, auf dass sich die Kinder einigen können“. Nach Zahlen gefragt, schätzt sie, dass zu Beginn die Hälfte einer Klasse zumindest rudimentäre Sprachkenntnisse besitze. Ernüchternd sei allerdings die Zahl jener, die am Ende einer vierten Klasse dazu fähig sind, einen nachvollziehbaren Aufsatz zu verfassen, nämlich rund zehn Prozent. Für die Zukunft einer Stadt ist das keine gute Prognose. Aber was würde helfen? Wenn man mit Erziehern und Lehrern spricht, wird oftmals eine KitaPflicht gefordert. Ebenso begrüße man Maßnahmen wie die SprachKitas oder das StartChancenProgramm. Allerdings kritisieren sie die finanzielle Halbherzigkeit, mit der diese Programme unterfüttert werden. Ein Aspekt, der auch für die personelle Ausstattung gelte.
Herausforderung Ganztagesschule
In den vergangenen Monaten richtetet sich Kritik auch vermehrt Richtung Stadt, da am 1. August Eltern von Kindern in den ersten Klassen einen Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung haben und viele Fragen nicht geklärt sind. Der Anspruch soll dann in den kommenden Jahren für weitere Klassenstufen ausgebaut werden. Unklar ist im Moment, wie die Betreuung personell aufgefangen wird, wie hoch überhaupt der Bedarf ist und welche Räume wo genutzt werden können? Lehrerinnen und Lehrer für zusätzliche Stunden am Nachmittag zu bekommen, scheint unwahrscheinlich. Der Gemeinde und Städtebund erklärt in diesem Zusammenhang, dass man an die Betreuung am Nachmittag keine hohen Ansprüche stellen dürfe. Zwei Ganztagesschulen gibt es bereits in Worms. Sowohl die Staudingerschule, als auch die Pestalozzischule bieten eine Nachmittagsbetreuung an. Ein Synergieeffekt ist allerdings nicht zu erwarten.
Wie die Stadt erklärt, seien die Kapazitätsgrenzen der beiden Ganztagsschulen mit einer Teilnahmequote von 65% –bei steigender Gesamtschülerzahl – bereits überschritten. Die ErnstLudwigSchule, die größte Grundschule in Worms, hat wiederum keine Raumkapazitäten, um das Gesetz umzusetzen. So muss beispielsweise der dortige Bedarf woanders aufgefangen werden. Folgen hat das neue Gesetz nicht nur für das Personal, Räume etc., sondern auch für den Wormser Haushalt. Der Bund übernimmt zwar 70 Prozent der Kosten, aber die restlichen 30 Prozent müssen die Kommunen selbst tragen. In Zahlen heißt das: knapp drei Millionen Euro. Fragen rund um die Organisation und wie man mit der Sprachproblematik umgeht, sollen ein Runder Tisch beantworten. Dieser soll laut Sozialdezernent Waldemar Herder unter Anwesenheit von Kita und Grundschulleitungen im Frühjahr stattfinden.
Text: Dennis Dirigo, Fotos: Andreas Stumpf










