Spektakulärer Münzfund am Wormser Dom

Eine Pressemitteilung des Kath. Pfarramt Dom St. Peter und St. Martin Worms:

 

Immer wieder hält die seit nunmehr 25 Jahren laufende Außenrenovierung des Wormser Domes neue Überraschungen bereit. So musste in einer spektakulären Aktion Anfang April die Reiterfigur der „Ecclesia“, die mehr als 700 Jahre das Südportal des Wormser Domes bekrönte, abgenommen und aus konservatorischen Gründen in das Innere des Domes verbracht werden. Es hatte sich herausgestellt, dass die Witterung die Figur so stark geschädigt hatte, dass eine Aufstellung im Freien nicht länger möglich war. Um dieses einmalige Zeugnis mittelalterlicher Bildhauerkunst vor weiterem Verfall zu schützen, musste die auf dem Tetramorphen reitende Ecclesia abgenommen werden. In Präzisionsarbeit wurde dabei die etwa 1,4 Tonnen schwere Sandsteinfigur vorsichtig von ihrem Podest gehoben und nun im Südquerhaus des Domes aufgestellt, wo sie zunächst gereinigt und untersucht werden soll.

Bei dieser Aktion wurde unter der 16 Meter über dem Portal reiternden Figur auf dem dortigen Podest eine mittelalterliche Silbermünze gefunden, die offensichtlich absichtlich von den mittelalterlichen Steinmetzen bei der Aufstellung der Figur dort deponiert worden war. „Wir kennen aus der Bauforschung die Praxis sogenannter ‚Bauopfer‘, bei der kleine Objekte, Münzen oder andere Materialien, gezielt an konstruktiv oder symbolisch bedeutsamen Stellen eines Bauwerks deponiert wurden, etwa in Fundamenten, Schwellen oder Grundsteinen, mitunter als Schutz vor Unheil, als ‚Zeitmarke‘ von Bauabschnitten oder im Zusammenhang mit rituellen Handlungen“, erläutert George Jameson, der als Bauforscher die Sanierungsarbeiten am Wormser Dom begleitet und der die Münze im Zuge der anschließenden Dokumentation der Stelle unter der Reiterfigur entdeckt hat. Ähnlich, wie man auch heute bei Grundsteinlegungen etwa die aktuelle Tageszeitung, Urkunden und andere Dokumente als eine Art Zeitkapsel einmauert, wurde möglicherweise auch hier eine frisch geprägte Münze bewusst an dieser Stelle deponiert.

Mittlerweile konnte die Münze zugeordnet und datiert werden. Geprägt wurde sie zwischen 1300 und 1317 in der Münzstätte Élincourt in Nordfrankreich, ca. 20 Kilometer südöstlich von Cambrai. Durch die eingeprägte Umschrift kann sie einem französischen Adligen, Gui IV. de Saint-Pol, zugewiesen werden.

Damit darf als sicher gelten, dass die Figur der Ecclesia unmittelbar mit der Neugestaltung des Südportals bald nach dem Jahr 1300 an dieser Stelle aufgestellt wurde und seitdem auch nicht mehr abgenommen war. Dass die Münze aus Nordfrankreich stammt, wirft die Frage auf, ob und welche Bezüge es damals dorthin gab, ob möglicherweise Baumeister oder Handwerker von dort stammten. Bislang war nur die stilistische Verwandtschaft mit dem Figurenschmuck am Straßburger Münster bekannt, der Verbindungen der Dombauhütten nahelegte.

Propst Tobias Schäfer freut sich über den überraschenden Fund. Mit diesem Münzfund könne die Baugeschichte rund um das Südportal, zeitliche Einordnungen und Bauabläufe, besser belegt werden. Gleichzeitig aber werfe der Fund auch wieder neue Fragen auf: etwa, welche Beziehungen es damals nach Nordfrankreich gab.

Die Domgemeinde lädt in diesem Zusammenhang zu einem öffentlichen Abendvortrag am Donnerstag, den 21. Mai um 19:00 Uhr in das Haus am Dom ein. Architekt Jürgen Hamm und Britta Hedtke von der kirchlichen Denkmalpflege werden unter dem Titel: „Baustelle Dom: Was tut sich hinter den Gerüsten? – Von Rissen in der Fassade, bröckelnder Ecclesia und einer mittelalterlichen Toilette“ über die laufende Außensanierung berichten. Am Samstag, den 30. Mai haben Interessierte zudem die Möglichkeiten, sich im Rahmen einer Baustellenführung auf den Gerüsten der Südseite vor Ort zu informieren. Für die Baustellenführung ist eine Anmeldung auf der Homepage der Kath. Kirchgengemeinde St. Nikolaus Worms-Wonnegau erforderlich.