– Wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird
Den meisten Deutschen dürften die Geschehnisse rund um den 20. Juli 1944 in groben Zügen bekannt sein. Damals verübte eine Gruppe um den Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Adolf Hitler. Zugleich versuchten die Verschwörer, mit einem Putsch die Nationalsozialisten zu entmachten. Das Unternehmen schlug fehl und in der jungen Bundesrepublik wurde der Widerstand zum „Aufstand des Gewissens“ stilisiert. Die Historikerin Ruth Hoffmann nimmt in ihrem 400 Seiten starken Buch genau diese Ereignisse in den Fokus und beleuchtet sowohl den „langen Weg zum 20. Juli“, als auch den Umgang mit den Ereignissen bis heute. Bis heute ist der Tag fest verankert in der Erinnerungskultur Deutschlands. Auch in Worms legt der Oberbürgermeister Jahr für Jahr an diesem Datum einen Kranz am „Mahnmal der Opfer des Faschismus“ nieder. In Vergessenheit geraten ist indes, dass die Gruppe der Widerständler über die Beteiligung konservativer Militärs wie Stauffenberg hinausging. In der deutschen Nachkriegszeit hatte diese Tatsache keinen Platz, wie Hoffman auf den folgenden Seiten aufzeigt. Weniger im Duktus eines nüchternen Sachbuchs, vielmehr im Geist erzählender Geschichte, nimmt die Autorin die Leser mit auf eine spannende Reise durch das Nachkriegsdeutschland, das nach Wegen suchte, mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen.
So beleuchtet sie, wie der 20. Juli seit der Gründung der Bundesrepublik politisch instrumentalisiert wurde – zur Abgrenzung von der DDR, zur Diffamierung kommunistischer Widerstandskämpfer und zur Reinwaschung ehemaliger NS-Kollaborateure. Den Finger in die Wunden legend, stellt sie dar, wie viele ehemalige Nationalsozialisten unbehelligt blieben und teils wieder in hohe Ämter gelangten, während die Opfer des Regimes nie oder erst viele Jahre später Gerechtigkeit erfuhren. Die Historikerin lenkt aber auch den Blick in die Vergangenheit und zeigt auf, dass das Narrativ der nicht wissenden Bürger nicht stimmt. So schildert die Autorin, dass bereits 1931 in der hessischen Stadt Bürstadt originale Dokumente gefunden wurden, in denen exakt die Pläne der NSDAP zur Machtergreifung Hitlers aufgezeigt wurden. Auf Drängen des damaligen hessischen Innenministers und Sozialdemokraten Wilhelm Leuschner wurden diese Pläne veröffentlicht. Während die Veröffentlichung politisch folgenlos blieb, endete sie für Leuschner nach 1933 im Gefängnis. Auch der Namensgeber der Wormser Fußgängerzone war später Teil des Widerstands rund um den 20. Juli und bezahlte seinen Kampf am 29. September 1944 mit dem Leben. Für den Leser bleibt indes ein spannender Blick in die deutsche Geschichte, der gerade aufgrund aktueller Entwicklungen wichtiger denn je ist.
Autorin: Ruth Hoffmann
Goldmann Verlag
400 Seiten | 24 Euro
ISBN: 978-3442317226