Der Star ist das Ensemble

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Ein Kommentar zur diesjährigen Besetzung der Nibelungen-Festspiele

Natürlich gibt es in diesen Tagen, in denen die Welt stets ein bisschen mehr aus den Fugen gerät, drängendere Fragen, als die, wer sich denn im Sommer zwei Wochen lang in das „Gemetzel“ vor dem Wormser Dom begeben darf. Nichtsdestotrotz, oder sogar vielleicht gerade deshalb, ist es umso wichtiger, sich auch mit den angenehmen Dingen des Lebens auseinanderzusetzen und das bietet nun mal die Kultur.

Immerhin gelang es Michael Kissel, mit Nico Hofmann einen der gewichtigsten europäischen Filmproduzenten für die deutschlandweit bekannten Festspiele zu gewinnen. Mit diesem Engagement stieg natürlich auch die Erwartungshaltung, welche Stars der gebürtige Heidelberger in die Domstadt führen würde. Die Messlatte war einigermaßen hoch. Vorgänger Dieter Wedel sorgte schließlich immer wieder dafür, dass bekannte Namen bei den Festspielen vertreten waren, die somit automatisch ein mediales Interesse auf sich zogen. Allerdings waren diese Besetzungscoups auch durchaus diskussionswürdig. Unvergessen solche Perlen wie Anouschka Renzis Busenblitzer, Sonja Kirchberger als seltsam überflüssig wirkende Amazone, Erol Sanders nackte Brust oder auch das mimisch begrenzte Spiel einer Cosma Shiva Hagen, die bei dem legendären Königinnenstreit eher wie eine Göre wirkte. Dem gegenüber standen aber auch tatsächliche Coups wie Rufus Beck, Mario Adorf, Maria Schrader, Joachim Krol und viele große Theaternamen wie Charlotte Puder oder Götz Schubert. Natürlich darf man an dieser Stelle den schauspielerischen Dauergast André Eisermann nicht unterschlagen, dem Dieter Wedel so manch denkwürdigen Auftritt bescherte. Ach, was könnte man in diesem Zusammenhang in Erinnerungen schwelgen, aber da wir schließlich ein nach vorne gerichtetes Magazin sind, ist hier Schluss mit dem Blick in die Vergangenheit.
Wie bereits erwähnt, mit Hofmann erhoffte man sich sogar noch eine Schippe mehr, denn in seinen Filmen hatte er sie alle. Daneben gilt der Produzent und Neu-Intendant auch als ein Mann mit einem ausgesprochenen Gespür für Talente. Ganz in diesem Sinne verkündete er bereits bei einer Pressekonferenz 2014, dass es bei ihm nicht den ganz großen Starauflauf geben würde. Vielmehr betonte er, dass ihm die Qualität des Ensembles wichtiger sei, was nebenbei bemerkt ein bisschen wie ein Seitenhieb in Richtung seines Vorgängers klang. Diese Ansage sorgte allerdings für etwas Irritation, denn bekannte Namen waren ja genau das, was man von einem Hofmann erwartete. Die Verantwortlichen von städtischer Seite waren im Anschluss der Meinung, dass der umtriebige Produzent wahrscheinlich einfach nur ein wenig tiefstapeln würde, um dann doch zu liefern. Umso größer war zunächst die Ernüchterung, als das Trio Hofmann, Schadt und Ostermaier bei einer Pressekonferenz sein Ensemble vorstellte, denn tatsächlich fehlten die ganz großen Namen. Doch was auf dem ersten Blick ein wenig unspektakulär wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein durchaus geschmackvoll zusammengestelltes Ensemble. Statt Film oder TV Stars gibt es in erster Linie renommierte Theaterdarsteller zu sehen. Einzige Ausnahme hierbei ist die gebürtige Ukrainerin Alina Levshin, die in dem kontroversen Film „Kriegerin“ eine rechtsradikale junge Frau spielte und dafür mit Auszeichnungen überhäuft wurde. Ein Name der Nibelungen versierten Festspielfans ein Begriff sein dürfte, ist der von Judith Rosmair. Bereits bei den ersten Festspielen 2002 war sie mit an Bord, verließ jedoch die Spielstätte vorm Dom wieder, da sie sich von Dieter Wedel wenig begeistert zeigte, wie sie WO! im Gespräch verriet. Zwischenzeitlich avancierte die quirlige Schauspielerin zu einem echten Theaterstar, die sich in der Vergangenheit ebenfalls über etliche Preise freuen durfte. Auch auf der männlichen Seite dominiert echte Theatererfahrung, wie zum Beispiel die Besetzung des König Etzel zeigt. Markus Boysen spielt zwar immer mal wieder in diversen TV Krimis, ist aber in erster Linie ein gefeierter Theaterschauspieler. Ähnliches gilt für seinen Kollegen Max Urlacher, der den Hagen mimt und neben seiner Theatererfahrung ebenso als Autor überzeugt. Mit Franka Potente verfasste er unter anderem das Buch „L.A.-Berlin, ein Jahr“.

Sicherlich darf man gespannt sein, wie es in den nächsten Jahren weiter geht. In diesem Jahr dürfen sich die Verantwortlichen, trotz der Abwesenheit richtig bekannter Namen, entspannt zurücklehnen. Letztlich ist der eigentliche Star das Ensemble und natürlich der Name Hofmann, der ohne Frage für Qualität steht.