Probenstart hat Gold im Mund

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Probenauftakt der Festspielinszenierung „GLUT. Siegfried von Arabien“

Wer vor der Kamera oder auf der Bühne steht, der weiß, dass das Proben das „A“ und „O“ für eine erfolgreiche Aufführung ist. Insofern befindet man sich in Worms seit dem 20. Juni auf einem guten Weg, denn da traf sich erstmals das gesamte Ensemble der Nibelungen-Festspiele 2017.

Ein etwas anderes Klassentreffen

Bei bestem Wetter versprach KVG-Geschäftsführer Sascha Kaiser kurz vor Beginn der ersten Probe, dass, wenn am ersten Probentag die Sonne scheine, dies auch ein gutes Zeichen für die Aufführung des Stückes in der Zeit vom 4. August bis 20. August sei. Das würde natürlich in der Tat von einer sprichwörtlichen Gluthitze profitieren, spielt doch das aktuelle Stück im Nahen Osten und schildert die ereignisreiche Reise einer als Gauklertruppe getarnten Agententruppe. Bevor die eigentliche Probe begann, gab es im Foyer des Wormser Theaters erst mal ein großes „Hallo“. Viele Teammitglieder, wie die Komponisten-Brüder Bhatti oder die Ausstatterin Irene Schicketanz, kennen sich aus der Zusammenarbeit mit Regisseur Nuran David Calis bereits seit vielen Jahren. Wie alte Bekannte begrüßten sich auch Schauspieler wie Dennenesch Zoudé, Sascha Göpel und Ismael Deniz, der sich erstmal für sein dezent beflecktes T-Shirt entschuldigte. Alle drei spielten in der letztjährigen Erfolgsaufführung „Gold. Der Film der Nibelungen“ mit. Zoudé verglich die Zusammenkunft dann auch mit einem kleinen Klassentreffen. Frei nach dem Motto „aller guten Dinge sind drei“ kehrt die Schauspielerin Alexandra Kamp schon zum dritten Mal nach Worms zurück und zeigte sich gut gelaunt. Kamp spielt die Rolle der Gertrude Nachtigall-Bellhof, einer Figur, die an die Sagenfigur der Brünhild angelehnt ist. Überhaupt finden sich in dem Stück ausschließlich Doppelbesetzungen.

Erster Weltkrieg und die Nibelungen

Ostermaier entschied sich nämlich für den Story-Kniff, den Nibelungen ein deutlich moderneres Korsett zu verpassen. Angesiedelt ist die Geschichte im Jahr 1915. Die realen Ereignisse um den deutschen Hauptmann Fritz Klein bilden den Hintergrund für Ostermaiers Nibelungengeschichte. Es ist eine fast unglaubliche, aber reale Geschichte, die sich an kaum bekannten entlegenen Kriegsschauplätzen des Ersten Weltkriegs abspielte, nämlich im Osmanischen Reich und dem Reich des persischen Löwen. Die Ereignisse führen zurück zu den Ursprüngen aktueller Themen der Gegenwart, wie der Kampf ums Öl, Heiliger Krieg, die Konflikte auf der arabischen Halbinsel und im Iran oder die Frage eines deutschen Militäreinsatzes im orientalischen Raum. Unter der Leitung von Hauptmann Klein (1877-1958) und seinem jüdischen Adjutanten Leutnant Stern (1883-1972) führten die Soldaten – gemeinsam mit arabischen und persischen Stammeskriegern – einen erfolgreichen Entlastungskrieg gegen weit überlegene britische und russische Truppen. Ziel war es, die britische Pipeline am Persischen Golf zu sprengen. Bei Ostermaier tarnen sich die Soldaten als Gauklertruppe, die auf dem Weg zu Scheich Omar (Mehmet Kurtulus) sind, der gleichbedeutend mit der Figur des König Etzel ist. Im Kontext der Nibelungen entspricht dieser Klein (Heio von Stetten) der Figur des Hagen, während Siegfried seine Entsprechung im Soldaten Leutnant Stern (Til Wonka) findet. Natürlich hat Ostermaier die Ereignisse dramatisch verdichtet und an den Handlungsverlauf des Nibelungenliedes angepasst, sprich: die Hasardeure im „Bagdad-Express“ alias „Orient-Express“ entsprechen der Burgunder Sippe, die sich auf die unvermeidbare Katastrophe zubewegt. Kurtulus verspricht in diesem Zusammenhang: „Es wird ein Gemetzel geben!“, wobei er im Gespräch mit WO! (zu lesen in unserer August-Ausgabe) erläuterte, dass er die Figur des Etzel auch als das große Opfer in der Geschichte sieht.

Wüstenzeit vorm Wormser Dom

Um zu verdeutlichen, wie die reale Welt aussah, die Hauptmann Klein 1915 vorfand, waren an diesem Probenstart unzählige Originalaufnahmen im oberen Foyer des Theaters aufgehängt. Auf den Bildern waren Kinder in zerrissener Kleidung zu sehen, stolze Soldaten, deren Uniformen auf das Osmanische Reich verweisen, deutsche Soldaten mit Pickelhaube im Gespräch mit osmanischen Soldaten, Beduinenzelte oder auch der fotografisch dokumentierte Verlauf einer Pipeline. Direkt nebenan befand sich eine Pinnwand, auf der Kostümskizzen für das Stück zu sehen waren. Für die Kostümbildnerin Amélie von Bülow stellte sich die Herausforderung, für jede Figur zwei Kostüme zu gestalten. Eins für die reale Figur und eins für die Nibelungen-Entsprechung. Abwechslungsreich zwischen „authentisch“ und „fiktiv“ versprechen die Kostüme exotisches Flair, genauso wie das präsentierte Bühnenbild eines Zuges, der durch ein Wüstensetting im Schatten des Doms reist. Nachdem schließlich alle Ensemblemitglieder im oberen Foyer von Sascha Kaiser, Regisseur Calis und Autor Ostermaier in einer kurzen Ansprache begrüßt wurden, durfte die versammelte Presse den Nachhauseweg antreten, so dass die erste Probe beginnen konnte.