Die Nibelungen neu entdecken

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Material Nibelungen: Lust am Mythos – Ein transmediales Labor

09. August 2015
Das Wormser Theater:

Das Rahmenprogramm der Nibelungen Festspiele ist immer für eine Überraschung gut. Mysteriös klang in diesem Zusammenhang die Veranstaltung „Stationentheater: Material Nibelungen“, die an einem wunderschönen Sonntagnachmittag die Möglichkeit bot, Theater einmal anders zu erleben.

Foto: Andreas Stumpf
Foto: Andreas Stumpf

Eingeladen hatten zu dieser ganz besonderen Veranstaltung Studenten der Filmakademie Baden Württemberg, der Akademie der Darstellenden Künste sowie der ABK. Diese hatten die Aufgabe, den Mythos der Nibelungen neu zu entdecken und für das Publikum aufzubereiten. Diese Infos waren im Vorfeld gerade Info genug, um die Neugier zu wecken. Bereits nach der Ankunft im Foyer des Wormser Theaters wurde klar, dass dies kein normaler Theaterabend werden würde. Statt in den großen Theatersaal ging es in die weitverzweigten Räume des Theaterkomplexes, zuvor wurden die Besucher in zwei Gruppen eingeteilt. Bereits nach einigen Metern wurde man von einer jungen Schauspielerin abgefangen, die einem als alte Bekannte ziemlich direkt begrüßte. Mit ihr ging es in eine dunklen Raum, dessen einzige Ausstattung aus einer alten Kommode bestand, auf der zwei Glaskaraffen sowie mehrere Gläser standen. Die Mitte der Probebühne war ausgekleidet mit weißem Stoff. Zur Begrüßung gab es einen Wodka, anschließend sollte zur imaginären Musik das Tanzbein geschwungen werden, was dem WO! Autor nicht so ganz passte. Dies führte dazu, dass die Schauspielerin ihn zu einem Ringkampf aufforderte! Das nennt man wohl interaktives Theater. Allerdings sollte das erst der Anfang sein. In der Mitte des Raumes erhob sich wie aus dem Nichts ein Paar aus dem weißen Stoff. Begleitet von sphärischer Musik, bewegte sich das Paar auf die Gruppe zu und zog vereinzelt jemanden raus, dabei immer wieder verführerisch sagend: „Komm mit uns! Wir zeigen dir einen besseren Ort!“ Folgte man ihnen, wurde man in die Mitte des Raumes geführt. Unter dem Namen „Vogeljagd“ wurde man Zeuge, wie Siegfried versuchte, Brünhild habhaft zu werden. Währenddessen räkelte sich selbige in luftiger Höhe und hangelte sich akrobatisch von einem langen Schal zum nächsten. Höhepunkt dieses Rundgangs, bei der der Zuschauer immer wieder aktiv in das Geschehen integriert wurde, war ein Gang in die Katakomben des Theaters, wo man sich urplötzlich in einer Art Vorhölle wieder fand. Unter dem Titel „Das Rinnsal Rhein der Totenfluss“ wurde man Zeuge einer absolut verstörenden Performance. Gefangen an diesem Ort, gezeichnet vom Wahnsinn, bewegten sich Kriemhild, Hagen und Brühnhild um den Toten Siegfried und die Frage: „Wer ist hier der Held?“ Eindrucksvoll gespielt und effizient gestaltet, könnte die Station auch von dem legendären Horrorfilm Klassiker „Hellraiser“ inspiriert gewesen sein. Leider war es unmöglich, alle Installationen und Performances erleben zu können, aber vielleicht gibt es im nächsten Jahr erneut die Möglichkeit, die Nibelungensage so hautnah zu erleben. Neben diesen geschilderten interaktiven Theatermomenten gab es noch eine Soundinstallation mit dem Namen „Siegfrieds Gedankenraum“ sowie die Premiere eines 360 Grad Videos, für das man eine spezielle Brille tragen musste, zu bestaunen. Möglicherweise sind diese Spielarten die Zukunft des Kinos bzw. des Theaters.

Foto: Andreas Stumpf
Foto: Andreas Stumpf

Fazit: Verstörend, faszinierend, beeindruckend. Ein äußerst innovativer Beitrag von Studierenden verschiedener Akademien, der zeigte, dass die Nibelungen ein Stoff sind, der längst noch nicht auserzählt ist und möglicherweise einen vagen Hinweis darauf gibt, wie die Festspiele der Zukunft aussehen könnten.