,

Echte Wormsliebe ist mehr als nur ein #

Willkommen im Jahr der Oberflächlichkeit

Worms mag arm an Geld sein, aber dafür reich an markigen Claims. Wer hat noch nicht jenen „#summer in Worms“ vergessen, der inmitten der Corona Zeit Scharen an partywütigen jungen Menschen anlocken sollte? Eigentlich fühlte sich Worms schon immer der großen Geschichte verpflichtet, doch dann kam der „Sum-mer in Worms“ und brachte die Vorboten der neuen Oberflächlichkeit. Statt lutherische Tiefe zu suchen, gab es in Videos gut gelaunte junge Men-schen, Sonnenuntergänge und ganz viel Wein zu sehen. Willkommen im Zeitalter der Oberflächlichkeit!!

Kaum waren wir der Austauschbarkeit der glatten Bilderflut entronnen, wartete bereits mit „Worms wird wow“ der nächste griffige Titel, der zwei Jahre lang das Netz und die Nerven strapa-zierte. Obwohl das Förderprogramm noch bis Ende 2025 lief, geriet erstaunlicherweise der Name langsam in Vergessenheit. Doch viel Zeit zum Durchatmen blieb den Bürgern nicht, denn die Stadt überraschte erneut mit einer Kampagne, die viele irgendwie gut finden, ohne genau zu wissen, was sie damit anfangen sollen. Auch hier dominieren hübsche Bilder, nette Herzen im WO! Orange, putzige Worms Drachen und Instant Tattoos das Geschehen. Die Kampagne versteht sich als Brückenbauer zwischen Stadt und Bürgern. Versehen mit dem Slogan „Gemeinschaft verbindet“, möchte man Positives betonen, oder wie es in einem anderen Slogan heißt „Ideen statt Kritik“.

Die Kampagne verkennt dabei, dass sich die Kritik der meisten Wormser eben nicht auf Worms als Stadt bezieht, sondern auf die Verantwortlichen der Stadt, die Worms gestalten. Und hier kommt die echte Wormsliebe ins Spiel. Liebe zeigt sich durch Empathie und Sympathie und drückt sich oft durch die Macht von Symbolen aus. Und an Symbolen, die zeigen, dass sich die Stadt selbst sehr schwer tut mit echter Wormsliebe, mangelt es nicht. Wenn die Ordnungsbehörde seit nahezu einem Jahr in ignoranter Regelmäßigkeit mit einem Dienstfahrzeug in der Folzstraße direkt unterhalb eines eingeschränkten Halteverbotsschildes parkt, ohne dass der Dienst das erfordert, dann haben wir es mit gelebter Arroganz zu tun.

Es ist sicherlich auch nicht hilfreich, wenn die Stadt im Innenstadtbereich durch aktuell nicht notwendige Verkehrsmaßnahmen künstlich Staus produziert. Ebenso zeugt es nicht von Liebe, Kampagnen zur Stärkung der Innenstadt anzustoßen, wenn man gleichzeitig in großem Maße Parkplätze vernichtet, aber im Anschluss Stellplatznachweise von potentiellen Gewerbetreibenden fordert, die diese aufgrund des mangelnden Angebots nicht nachweisen können. Dadurch wird die Stadt zum Verhinderer statt zum Förderer und die Gewerbetreibenden machen wegen der Trägheit der Verwaltung einen weiten Bogen um Worms. Es zeugt ebenso wenig von Wormsliebe, wenn man einem bestehenden Café am Eingang des Weihnachtsmarktes demonstrativ seit Jahren eine Imbissbude für mehrere Wochen vor die Nase setzt. Es zeugt auch von wenig Liebe, wenn verdiente ehemalige städtische Mitarbeiter wie Mathilde Grünewald oder Ulrich Mieland nach ihrem Tod keinen Nachruf aufgrund persönlicher Animositäten erhalten.

Nun kann die Kampagne selbst nichts für diese Beispiele. Aber sie kann etwas dafür, dies zu ignorieren. #wormsliebe will zuhören, aber dafür sollte man nicht nur der quietsch-bunten Instagram-Community Komplimente zu Worms entlocken, sondern vielleicht auch mal dort nachfragen, wo es weh tut…

Kommentar: Dennis Dirigo, Foto: Andreas Stumpf