Eine Chance für neue Wege

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Das Nibelungenmuseum in der Krise:

Es ist in der Politik immer wieder zu beobachten, dass problematische Sachverhalte als alternativlos dargestellt werden. Auch in der Bauausschusssitzung Ende Januar, als es um die Frage ging, wie es mit dem Nibelungenmuseum weitergeht, entstand der Eindruck, dass es in der Sichtweise von SPD und CDU keine Alternative zum bestehenden Museum gibt. Fast war man dazu verführt, das unsägliche Wort der „Nibelungentreue“ zu verwenden.

Argumentiert wurde immer wieder mit dem Alleinstellungsmerkmal Nibelungen sowie dem Tourismuskonzept, weswegen man an dem Museum festhalten muss. Dass das Thema Nibelungen untrennbar mit Worms verbunden ist, kann man nicht bestreiten. Ebenso wenig, dass es für das touristische Profil der Nibelungenstadt ein essentielles Thema ist. Streiten kann und muss man indes darüber, ob das Nibelungenmuseum der richtige Ort ist, dieses Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten. Dabei geht es nicht einmal um den intellektuellen Anspruch, mit dem das Museum sich diesem deutschen Volksmythos nähert. In der politischen Betrachtung sollte man sich vielmehr die Frage stellen, ob es dem Nibelungenmuseum gelungen ist, in den vergangenen Jahren das Thema adäquat zu vermarkten. An dieser Stelle muss man ehrlich konsternieren: Nein. Die Zahlen alleine sprechen eine deutliche Sprache. Zu Recht merkten einige Mitglieder im Bauausschuss an, dass 18.000 Besucher wahrlich kein Zeichen eines Erfolgs sind. Berücksichtigen muss man zusätzlich, dass sich ein Großteil der Besucher aus Schulklassen rekrutiert, deren Weg im Rahmen des Unterrichts irgendwie ins Museum führt. Hinzu kommen Neubürger, die sich über die Worms-App einen Gutschein für einen kostenlosen Eintritt herunterladen können und Besucher der Nibelungen-Festspiele, die, in der Kombination mit dem Festspielticket, freien Eintritt in Anspruch nehmen können. Der Anteil derjenigen, die sich bewusst gegen Lösen eines Tickets für den Besuch entschieden haben, dürfte in einem eher niedrigen Bereich liegen. Das Problem des Nibelungenmuseums ist, dass es durch seinen verkopften Ansatz keine Leidenschaft für eine eigentlich leidenschaftliche Geschichte entfachen kann. Wer einmal das Museum besucht hat, erfährt sicherlich Spannen-des auf der Tour durch die zwei Türme und bei dem Besuch im Mythenlabor. Es mag sich einem aber nicht wirklich erschließen, warum man für Informationen, die man sich heutzutage auch bequem im Internet erarbeiten kann, durch die Türme bewegen muss und zusätzlich Auszüge aus Wagners „Ring des Nibelungen“ zu hören bekommt. Der Blick aus dem zweiten Turm über Worms ist sicherlich ein schönes Erlebnis, aber letztendlich zu wenig für ein Museum, das den Anspruch hat, ein touristisches Highlight zu sein. Im Übrigen ist es ein schreckliches Versäumnis, dass das Museum bis heute keine Brücke zu den Festspielen schlägt. Zwar erzählt im ersten Turm der Schauspieler Mario Adorf die Nibelungensage mit seiner sonoren Stimme, was er aber mit den Festspielen zu tun hat, erschließt sich dem festspielfremden Gast nicht. Ebenso wenig findet man Kostüme aus dem Fundus der Festspiele, aber dafür welche vom Nationaltheater Mannheim. Stadtmarketing geht sicherlich anders.

INTEGRATION INS ANDREASSTIFT?

Der Künstler Eichfelder, Mitglied der Nibelungenliedgesellschaft, hat bei seinem Plädoyer für das Museum unfreiwillig jede Menge Argumente geliefert, warum es Sinn macht, das Thema z.B. im Kontext des Andreasstifts zu verorten. In einer beeindruckenden Rede stellte der Nibelungenexperte dar, welche historischen Bezüge sich in der Nibelungensage wiederfinden. Das beginnt mit den Burgundern, die sich einst in Worms niederließen, führt über die Königin Brunichildis zu Karl, dem Großen, der immer wieder in Worms Hof hielt und endet bei dem legendären britischen König Richard Löwenherz, der hier gefangen gehalten wurde. Um den Nibelungenmythos zu verstehen, muss man ihn im Zusammenhang mit der Wormser Stadtgeschichte betrachten. Zudem stellt sich die Frage, was mit dem für viel Geld errichteten Kreuzgang im Andreasstift nach der Luther-Ausstellung 2021 geschieht? Wäre das nicht ein Platz, an dem das Nibelungenmuseum eine

Heimat für immer finden könnte, ohne dass Fugen vom Wetter zerfressen werden und die fehlende Krümmung eines Glasdachs permanente Reinigung notwendig macht? Im Stadtrat und vor allem von Seiten der CDU und SPD war in den vergangenen Monaten immer wieder zu hören, dass man sowieso daran interessiert sei, das Andreasstift in Gänze wieder herzustellen. Hier stellt sich in Verbindung mit der katastrophalen Nachricht der enormen Sanierungskosten und den weiterhin anfallenden, ebenso enormen Unterhaltungskosten des Nibelungenmuseums die Frage: Wer soll das alles bezahlen?

EIN WEG IN DIE ZUKUNFT?

Ist es nicht sinnvoller, die Dinge in Zukunft zu bündeln und den Touristen, aber auch den Wormsern, ein nachhaltig beeindruckendes Museum zu präsentieren? Womöglich unter Zuhilfenahme moderner Virtual Reality Technik, wie es jüngst die AfD Worms in einer Presseerklärung vorgeschlagen hat? Ein weiterer Aspekt, der im Nibelungenmuseum mittlerweile negativ auffällt, ist das Fehlen einer durchgehenden Barrierefreiheit. Als Christian Engelke (Bündnis 90/Die Grünen) dies im Zusammenhang mit  dem defekten Aufzug ansprach, erwiderte Uwe Gros (SPD) trocken, dass der Aufzug in dieser Beziehung sowieso nicht viel nützt („Wir können Behinderte auf die Stadtmauer hieven, aber dann kommen sie nicht mehr weiter“). Die Stadt Worms schreibt sich allerdings auf die Fahnen, eine besonders behindertenfreundliche Stadt zu sein. Im Sommer 2015 entschied sich der Stadtrat einstimmig dafür, die UN-Behindertenrechtskonvention in der Nibelungenstadt umzusetzen. Dazu gehört auch Barrierefreiheit. Nun besteht die Chance, auch das Thema Nibelungen barrierefrei zu gestalten. Der Ball liegt nun beim Stadtrat, der sich dafür entscheiden muss, entweder an einem Museum festzuhalten, das eigentlich niemand so richtig liebt, aber viel Geld kosten wird oder das Thema Nibelungen in ein neues Jahrzehnt zu führen und endlich eine breite Begeisterung zu entfachen.

Kommentar: Dennis Dirigo, Foto: Andreas Stumpf