„Es ist schön, wieder hier zu sein…“

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„Rock’n’heim 2014“ mit The Prodigy, Beatsteaks, Placebo, Deichkind, Die Fantastischen Vier, Jan Delay & Disko No. 1, Outkast u.a.

15. – 17. August 2014
Hockenheimring in Hockenheim:

… dort, wo wir noch nie waren“ – Jan Delays Begrüßung passte wie die Faust aufs Auge zu einem Festival, das es erst seit zwei Jahren gibt und nach „The Rise to Rock’n’heim“ diesmal mit dem Untertitel „The Return to Rock’n’heim“ aufwartete. 35.000 Besucher pilgerten deswegen zum Hockenheimring…

5000 Besucher weniger als im Vorjahr waren gekommen. Im Vorfeld hatten manche kritisiert, dass allenfalls „THE PRODIGY“ Headliner-Status genießen, während die meisten anderen Bands aus der zweiten Reihe stammen würden. Andere bemängelten, dass – nach dem Start im Vorjahr mit VOLBEAT, NINE INCH NAILS oder SYSTEM OF A DOWN – diesmal eher elektronische Klänge dominierten und das Line Up trotz des „Rock“ im Namen nur wenig davon bereithielt. Dabei hatte der Freitag noch rockig begonnen. Zunächst stellten BILLY TALENT einmal mehr unter Beweis, dass sie im Laufe der Jahre jede Menge Hits angesammelt haben, die ein Festivalpublikum in Wallung bringen. Die Kanadier um Frontmann Benjamin Kowalewicz spielten hierzulande erstmals im Vorprogramm der BEATSTEAKS, die anschließend die Bühne enterten. Beiden kann man bescheinigen, passable Festivalbands zu sein, auch wenn gerade bei den Berlinern der Funke nicht so wie sonst überspringen wollte. Auf der Revolution Stage spielten anschließend OUTKAST ihr einziges Deutschland-Konzert. Von vorangegangen Gig der Comeback-Tour hatte man längst nicht nur Positives vernommen. Selbstredend, dass „Mrs. Jackson“ oder „Hey Ya“ aus zigtausend Kehlen trotzdem beindrucken. Aber für ein überzeugendes Comeback war das ein bisschen mau. So blieb die beste Show des ersten Tages einem DJ aus Kanada überlassen, der mit einer Mausmaske an seinem Pult stand und mit einer ziemlich abgefahrenen Multimedia-3D-Show zu begeistern wusste. Sicherlich sind die Sounds von DEADMAU5 Massen kompatibel aufbereitet, aber sie stammen immerhin von ihm selbst und hatten ordentlich Wumms, um die vielleicht noch 10.000 Besucher, die bis 1.30 Uhr ausgeharrt hatten, zum Massentanzen zu bewegen.

Nach einem sympathischen Auftritt der BROILERS hielt der Samstag bereits um 18.40 Uhr eine Band parat, die vor einigen Jahren als Vorreiter des Nu Metal noch Headliner-Status genossen hat, aber seitdem relativ viel falsch gemacht hat. Umso überraschender, dass KORN diesmal bei vollem Tageslicht einen brachialen Gig mit wenig Firlefanz ablieferten und dank gewohnt starker Publikumsinteraktion zu gefallen wussten. Sänger Jonathan Davis zeigte sich stimmlich von seiner besten Seite. Etwas skurril mutete es schon an, dass anschließend auf der gleichen Bühne mit SKRILLEX ein DJ aus Los Angeles folgte, der zu den Shootingstars der Dubstep-Szene zählt. Klar kann einem Dupstep mit der Zeit gewaltig auf die Eier gehen, aber wie der sympathische Nerd von Sekunde zu Sekunde mehr mit seinen satten Beats und einer ebenso fetten Show aus Monstern, Rauch und Blitzen mitgerissen hat – das war schon großes Kino. Als sich Skrillex unter tosendem Beifall des Publikums verabschiedete, war er zu diesem Zeitpunkt locker schon zum zehnten Mal auf sein DJ-Pult gesprungen. Auf der zweiten Bühne wurde zur gleichen Zeit ZEDD gefeiert, der amtierender Grammy-Gewinner ist, in den USA zu den angesagten Shootingstars zählt und sogar Songs für Lady Gaga, Justin Bieber oder die Black Eyed Peas schreibt. Zudem beindruckte der DJ aus Kaiserslautern (!) mit einer Lasershow zu seinen gefälligen Beats, die sich vor den anderen Electro-Acts nicht zu verstecken brauchte. Nach so vielen elektronischen Klängen lag es kurz vor Mitternacht an JAN DELAY & DISKO NO. 1, noch einmal richtig die Bude zu rocken. Wer „Paradise City“, „Are you gonna go my way“ oder ein Red-Hot-Chilli-Peppers-Medley in seinen Songs versteckt, weiß halt, wie man eine Crowd packen kann. Wer Jan Delay vorwirft, dass sein Rockalbum „Hammer und Sichel“ nicht rocken würde, sollte sich mal live reinziehen, wie tight seine Band Disko No. 1 klingt. Natürlich gehörten auch in Hockenheim „Oh Jonny“ und „St. Pauli“ zu den meist gefeierten Songs des Festivals. Am Samstag, der öfters Regenschauer, aber keinen echten Headliner bereit gehalten hatte, musste FRITZ KALKBRENNER den undankbaren Part des letzten Acts bestreiten. Der Bruder des etwas bekannteren Paul („Berlin Calling“) machte seine Sache aber ordentlich, so dass doch noch ein paar Tausend trotz ungemütlicher Temperaturen bis 3 Uhr blieben.

Für das erste Ausrufezeichen am letzten Tag sorgten PLACEBO mit einer starken Greatest-Hits-Show. Zwar sieht ihr androgyner Sänger Brian Molko mittlerweile aus wie eine chronisch unterschwängerte Bibliothekarin kurz vor der Rente, aber zweifelsohne weiß die Band aus London immer noch, wie man es ordentlich krachen lässt. Noch mehr krachte es anschließend bei THE PRODIGY, die ihrem Headliner-Status mehr als gerecht wurden. Hier war vom ersten Song an („Breathe“) die Marschrichtung klar. Ab da ging es nur noch nach vorne und der Platz vor der Evolution Stage verwandelte sich für die nächsten 90 Minuten in einen brodelnden Tanzkessel mit einem riesigen Circle Pit – Durchkommen unmöglich. Auf der Revolution Stage sorgte gleichzeitig das Konzert der FANTASTISCHEN VIER für Begeisterung, denn die vier Stuttgarter lieferten zu ihrem 25-jährigen Jubiläum, wie schon zwei Monate zuvor bei „Rock am Ring“, einen richtig starken Gig ab. Auch anschließend bei DEICHKIND blieb die Stimmung durchgehend im roten Bereich. Wie schon beim Southside im letzten Jahr entpuppten sie sich als perfekte Schlussband und präsentierten zum letzten Mal die Show zu ihrer legendären CD „Befehl von ganz unten“. Neues Album und neue Bühnenshow (Titel: „Niveau, weshalb, warum.“) sind in Planung. Deichkind beendeten weit nach Mitternacht das letzte Konzert von Rock’n‘ heim 2014“ mit „Remmi Demmi“. Und zum letzten Mal sind die Leute an diesem überraschend sonnigen Wochenende so richtig ausgeflippt.

FAZIT: Das Wetter hielt, die Stimmung war gut (wenn auch nicht immer euphorisch) und die Mischung aus elektronischer und rockiger Musik sorgte für Abwechslung. Gleichzeitig wirft das die Frage auf, in welche Richtung „Rock’n’heim 2015“ geht? Zurück zum Rock oder noch mehr Electro?