Fluch der Eile und Segen der Langsamkeit

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Wir leben im Zeitalter des alles beherrschenden Tempos. Es wird kaum von jemandem die Nützlichkeit oder gar die Notwendigkeit dieses Massenwahns hinterfragt. Wer da nicht mitmacht, kommt so oder so unter die Räder. Nur wenige Außenseiter wagen die folgenschweren Schäden für Mensch und Umwelt anzusprechen. Überhaupt wird in einer Epoche von Masse und Materie auf den Menschen und ideelle Werte kaum noch Rücksicht genommen. Die neuen Götzen heißen wirtschaftliche Steigerung und ungebremster Fortschritt der Produktivität. Ironischerweise hat der größere Teil der Bevölkerung davon praktisch gar nichts.

Dass durch übertriebene Eile vermehrt Unfälle mit Personen- und Sachschäden entstehen, dürfte inzwischen fast jedes Schulkind wissen. Auch dass in unserer Zeit die Schere zwischen Arm und Reich skandalös immer weiter auseinandergeht, zum Schaden der minder Privilegierten, ist kein Geheimnis mehr. Verloren gegangen sind uns die alten Weisheiten aus Märchen und Sprüchen. Zum Beispiel das Märchen von Hase und Igel, wo der schnelle Hase doch dem langsamen Igel unterliegt. Auch der knappe Rat „Eile mit Weile“ ist so gut wie ausgestorben. In unseren Tagen leuchtet ein, dass der Fahrer, der am schnellsten fährt, auch am schnellsten aus der Kurve fliegt. Und, dass zu den häufigsten Unfallursachen überhöhte (unverantwortliche) Geschwindigkeit gehört. Ferner verschleißen zu schnell laufende Maschinen und Motoren ungleich schneller. Das gilt ebenso für Menschen, die stets und ständig zu schnell leben wollen. Sie kommen eben auch umso früher unter die Erde, und um ihren stolzen Reichtum schlagen sich alsdann die Erben. Im Augenblick fallen mir noch die (Riesen-)Schildkröten ein, die unglaubliche 300 Jahre und mehr alt werden, zuvor aber gemütlich daherkriechen.

Jetzt aber schnell zu der Langsamkeit mit ihren zum Teil überraschenden Vorzügen. Da wäre zunächst festzuhalten, dass, im Gegensatz zu Obigem, langsam denkende Philosophen, sowie bedeutende Dirigenten, auffallend länger und zufriedener leben, als Workaholics, Manager und Spitzenverdiener. Auch wäre es wohl vernünftiger, das Leben an anderen Werten, als an toten Zahlen und Geldmengen zu messen. Im gelegentlichen Verkehr mit Millionären konnte ich regelmäßig deren „Armut“ an Reife und Zufriedenheit beobachten. Daraus resultierte meine paradoxe Bezeichnung: „die armen Reichen“. Wie schade, dass man Erlebtes und Gefühle nicht anderen vermitteln kann!

Was noch als Lob der Langsamkeit zu erwähnen ist, ist die Kunst zu genießen, die einfach Muße und Zeit braucht. Außerdem sagte ich früher schon mehrmals, dass jeder Spaß nur (ganz) kurz ist, Freude jedoch lange und länger dauern kann. Hier gehört auch das alte Wort „verweilen“ hin, das so gemütlich und angenehm klingt. Auch das ist kaum übertragbar, und, wer nicht verweilen kann, dem kann man nicht helfen! In unserer schnelllebigen (3 x “1“) Zeit fühle ich mich ohnehin als ein fossiler Dinosaurier, aber gerade deshalb „sauwohl“. Nun noch der traditionelle Spaß am Schluss:

„So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der
Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet,
sind sie im Grund noch immer die alten Affen.“

Erich Kästner

Ich wünsche euch allen „gute Besserung“ an allen Ecken und in jeder Beziehung!

Ihr Heinz Dierdorf