„Ich bin gegen den Tod, komplett dagegen!“

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WO! im Gespräch mit Fernsehlegende Hugo Egon Balder (66 Jahre)

Hallo Herr Balder, schön, dass Sie noch leben, nachdem Sie bereits 2014 von Sat 1 beerdigt wurden!
Natürlich, ja klar!

Wie kam es zu dieser Folge?
Ja, das war eine Bastian Pastewka Folge, da spielt man sich immer selber. Chris Geletneky, der Autor, den ich schon lange kenne, hatte vorher angerufen. Sonst ruft er nie an, wenn er irgendetwas schreibt. Aber hier hat er vorher angerufen und gefragt, ob er das machen kann und ich habe gesagt, natürlich.

War das ein Moment, an dem Sie angefangen haben, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen?
Nee, ich bin gegen den Tod. Komplett dagegen!

Gegen den Tod? Was heißt das?
Komplett, ja.

Das ist doch sehr schön, wissen Sie, wie Sie das erreichen?
Das weiß ich nicht, keine Ahnung, ich ignoriere ihn einfach!

Man sagt, dass Menschen, die ein zufriedenes Leben hatten, diesem Punkt entspannt gegenüber stehen. Sind Sie rückblickend mit Ihrer Karriere zufrieden?
Ja, auch mit den paar Fehlentscheidungen, die gehören schließlich dazu.

Gibt es etwas, was Ihnen Angst macht?
Mir macht eigentlich nicht mehr viel Angst. Die Zukunft meiner Kinder macht mir bisschen Angst, aber da ich das nicht erlebe, kann ich es auch nicht ändern.

Ein wichtiger Punkt Ihrer Karriere waren zwei Sendungen in den Achtzigern! Nervt Sie es, heute immer noch auf die beiden Sendungen „Alles nichts oder“ und „Tutti Frutti“ angesprochen zu werden?
Überhaupt nicht, nein.

In einem Artikel stand, dass man Ihnen noch heute gerne den Ausspruch „Chin Chin“ aus „Tutti Frutti“ hinterher ruft. Ist das so?
Natürlich, natürlich, aber die Leute sterben langsam aus… …andererseits ist meine Generation noch jung genug, dies noch ein wenig länger zu rufen! Ja, das ist richtig, aber die orientieren sich mehr an den anderen Sachen. An den neueren Sachen. Wissen Sie, das ist ein Teil meiner Vergangenheit Es wäre traurig, wenn ich das ablehnen würde.

Haben Sie selbst eigentlich die Regeln von Tutti Frutti verstanden?
Ja, die Sache ist einfach zu erklären. Es gab zwei Kandidaten, ein Männlein und ein Weiblein, die mussten Fragen beantworten, entweder per Knopfdruck oder wie auch immer. Wenn sie die Frage richtig beantwortet haben, dann waren sie im Vorteil und irgendeiner hat dann verloren. Der konnte dann aber gleich ziehen, in dem er z.B. ein Kleidungsstück ablegte. Das waren dann die Spielregeln. So und jetzt geht’s los. Wenn ich jetzt gesagt hätte, dir fehlen 3 Punkte und das Jackett bringt dir 3 Punkte, wenn du das ausziehst, dann hätte das jeder verstanden. Wir waren allerdings in Italien. Wir haben das in Mailand aufgezeichnet und zwar im Original Studio, es war ja eine italienische Serie und da ging es um Lire. Weil es zu teuer war, haben wir den Computer nicht geändert, wodurch dann immer in Lire gerechnet wurde, d.h. ich habe nicht einen Punkt vergeben, sondern 100.000 Punkte oder 800.000 Punkte Und da war jeder Deutsche überfordert. Mehr war das nicht.

War die Sendung Ihre Idee?
Nein, die von Helmut Thoma (ehemaliger Intendant von RTL, Anm. der Red.)

Bei „Alles nichts oder“ bekamen Sie sehr häufig Torten ins Gesicht geworfen, haben diese eigentlich geschmeckt?
Nein, die waren aus geschlagenem Eiweiß mit Lebensmittelfarbe.

Hat das Spaß gemacht?
Ja, es war fröhliche Anarchie. Mit Frau von Sinnen kann man nichts anderes machen als fröhliche Anarchie.

Sie haben in Ihrer Karriere sehr viele unterschiedliche Dinge getan. Gibt es etwas, dass Sie bevorzugt tun?
Ja Gott, sagen wir es einmal so, ich bin mit Musik aufgewachsen.

Ja genau, damit ging Ihre künstlerische Laufbahn auch los!
Die Musik ist etwas, zu der ich immer wieder zurückkehre. Ich bin allerdings froh, dass ich so etwas nicht hauptberuflich machen muss, sonst würde ich heute wahrscheinlich noch Pizza ausfahren oder wahlweise Taxi. Heute mache ich Musik in meiner Hamburger Kneipe. Es ist aber ein reines Hobby.

Sie haben einmal den schönen Satz gesagt, dass alles, was Sie in Ihre Karriere getan haben, immer irgendwie „unterste Stufe“ war. Ist das etwas, was Sie persönlich stört?
Nein, überhaupt nicht, ich habe immer versucht, was anderes zu machen, als die anderen. Für mich war das ziemlich schnell wichtig. Ich war 7 Jahre am Staatstheater, am Schiller Theater und habe dort Sachen gemacht, die mir nicht gefallen haben. Ich musste Theaterstücke spielen, wo ich dachte: „Was mache ich hier eigentlich?” Das ging mir auf den Keks. Es gab stundenlange Diskussionen, wie legt man was an, wie geht man von wo nach wo und wie guckt man. Ich fand das alles irgendwie albern und dann bin ich zu Radio Luxemburg gekommen. Dort habe ich sehr schnell gelernt, dass es in diesem Beruf nur um eines geht, nämlich Leute zu unterhalten. Um nichts mehr und nichts weniger. Man ist im Prinzip nichts anderes als ein Dienstleister und das habe ich mein Leben lang immer versucht. Manchmal ist es mir gelungen, manchmal ist es mir nicht gelungen.

Ist es für Sie ein herber Rückschlag, wenn eine Sendung Aufgrund von schlechter Quote wieder eingestellt wird?
Nein, das gehört dazu, da bin ich sehr pragmatisch. Es gibt Leute, die trauern bei solchen Geschichten noch ewig lange hinter her. Ich hake das sofort ab. Obwohl man natürlich sagen muss, dass es in früheren Zeiten einfacher war, neue Formate auszuprobieren. Früher hatten Leute wie Thoma und Marc Conrad von RTL einen längeren Atem. Die haben nicht nach der 2. Folge gesagt, das lassen wir mal jetzt. Die sagten, das machen wir mal weiter, das erholt sich wieder.

Heute kommt vermutlich noch erschwerend die Konkurrenz durch das Internet hinzu?
Das ist richtig.

Ist das eine Plattform für Sie?
Die Frage ist, was macht man? Man braucht ja irgendwelche Inhalte. Meine Kinder z.B., die sind 14 bzw. 15 Jahre alt. Was die bei You tube sehen, dass finden die saukomisch. Da denke ich mir, ich kann mich auch an einen Baum stellen und sagen „Uhhhhaaahhhuuuhhhuhhh“ und umfallen, aber das bringt mir persönlich nicht so viel. Ich müsste also Inhalte haben und da hapert es noch ein bisschen.

Gibt es in Ihrer künstlerischen Biographie etwas, was Sie noch gerne machen möchten, bevor irgendwann einmal der Sensemann vorbei kommen sollte?
Also ich hab noch viele Sachen, die ich noch gerne machen möchte, aber es lohnt sich nicht darüber zu reden, weil sie eh kein Sender macht. Die werden eh nicht gemacht, weil die Sender oft mutlos geworden sind.

Woraus erklären Sie sich diese Mutlosigkeit der Sender?
Aus Unfähigkeit. Da sitzen einfach Leute, die unfähig sind bzw. die mit Fernsehen nicht so viel zu tun haben. Man muss sich das einmal so vorstellen. Die Öffentlich-Rechtlichen Sender sagen, dass sie zu wenig Geld haben, obwohl es nicht stimmt. Die könnten viel mehr machen, weil sie einfach viel mehr Möglichkeiten haben. Die Privaten wollen einfach nur Geld verdienen, das ist eine reine Kommerzgeschichte, das ist ja auch in Ordnung. Aber deswegen darf man nicht wie SAT 1 das Programm vernachlässigen und zum reinen Abspielsender werden. Das ist langweilig und RTL macht im Prinzip auch nichts Neues mehr. Die machen nur noch alte Formate, was irgendwie funktioniert. Man muss sich mal vorstellen, dass dort Redakteure sitzen, die sind verheiratet, haben Kinder, die wollen ihren Job nicht gefährden. Also halten sie lieber die Fresse, denn wenn die zwei Flops produzieren, sind die weg vom Fenster

Wie kam es eigentlich zu Ihrer aktuellen Komödie „Aufguss“?
Ich komme ja vom Theater und mir war klar, dass ich ab einem gewissen Alter wieder Theater spielen werde, weil man in einem bestimmten Alter einfach die interessanteren Rollen kriegt. Ich kann mit 66 keine Hit-Giganten mehr moderieren oder so ein Quatsch, das soll ein 30 Jähriger machen. Beim Theater ist das etwas anderes, da kenne ich René Heinersdorff (Autor und Darsteller, Anm. der Red.) schon ne ganze Weile…

Sie haben schon mal mit ihm gespielt…
Mehrere Male schon und das ist einfach ein himmelweiter Unterschied zwischen Theater und Fernsehen. Er hat ja auch ein eigenes Theater in Düsseldorf, ist Direktor vom Theater am Dom. Sozusagen alles aus einer Hand. Das geht ruckzuck. Von der Entstehung dieses Stückes bis zur Premiere sind gerade mal 1,5 Monate vergangen. Da reden keine 500.000 Leute mit und wir proben auch nicht 8 Wochen, sondern maximal 3, wenn es hoch kommt und das auch nur 2 Stunden am Tag.

Das Stück läuft jetzt schon seit 2014!
Richtig, im Februar vor zwei Jahren hatten wir Premiere in Düsseldorf. Wenn Stücke laufen und es ergibt sich, dass die Zuschauer rein wollen, dann ist das doch was Schönes. Eine Komödie/ Boulevard heißt immer, es ist Unterhaltung. Zwar blicken die Kollegen vom Staatsschauspiel immer ein bisschen herablassend herunter, aber ich sage es mal ganz ehrlich, ein Drama ist einfacher… viel einfacher…

Sind Sie selbst Saunagänger?
Ich? Nein, überhaupt nicht. Meine Kollegen alle – ich nicht. Ich hasse Sauna. Ist mir alles viel zu heiß, viel zu umständlich, viel zu warm.

Herr Balder, wir danken Ihnen für das Gespräch!