Ich will nicht erwachsen werden…!

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Es geht hier um ein jüngeres Phänomen in unserer Gesellschaft, was zwar nicht so ganz neu ist, doch scheint es sich merklich zu steigern. Einerseits ist diese Entwicklung als ziemlich bedenklich anzusehen, andererseits ist sie für den psychologisch Interessierten recht interessant.

Autor: Heinz Dierdorf

„O selig, ein Kind noch zu sein“, dieser Gedanke wird manchen Erwachsenen bewegen, ist doch die Welt in mancher Hinsicht ein „Jammertal“, wie es in der Bibel schon heißt. Und der Mensch sehnt sich nach einem bequemen und sorglosen Leben, was in unserer krisengeschüttelten Welt immer schwerer zu schaffen ist. Jedoch sucht und findet „Otto Normalverbraucher“ an manchen Orten noch ein Stück „Heile Welt“ und Ablenkung von fast allen Beschwernissen unserer Tage. Ihn unterstützt dabei die moderne Technik im Haushalt und unterwegs. Am stärksten und im Übermaß benutzt er die neue und neueste Unterhaltungs-Elektronik.

Dass so viele nicht richtig erwachsen werden wollen, erkennt man daran, wie sie sich am „Ernst des Lebens“ vorbeimogeln. Bei diesem Kapitel muss man unweigerlich an das antike Rom denken, als für das Volk „Brot und Spiele“ verordnet wurde. Dem Aufmerksamen ist längst der moderne Jugendlichkeits-Wahn aufgefallen. Früher gab es schlicht und einfach „Altersheime“, heute fast nur noch „Seniorenheime“. Bei den Kosenamen heißt es oft „Mausi“ oder „Baby“. Die Männer werden „Bubi“, „Hansi“ oder „Kläuschen“ gerufen. Bei den großen „Events“ und „Happenings“, die viel Raum bei der jüngeren und „älteren Jugend“ in ihrem Leben einnehmen, sind Menschenmassen, wie kleine Kinder, mitunter stundenlang nur passive Beobachter. Nicht umsonst sprechen Fachleute neuerdings von „man wird gelebt“.

Selbst bei der Ernährung findet man Anzeichen von Verkindlichung. Man denke nur an Thomas Gottschalk, der allen „Gummibärchen“ empfiehlt. Fast Food, Döner und Drogen aller Art, sowie Tabletten, noch und noch, ähneln doch sehr der Babynahrung. Auf der Unterhaltungsseite hat sich in den letzten fünfzig Jahren auch ein größerer Wandel getan. Handy und Internet werden kaum noch zum Telefonieren bzw. zur Belehrung genutzt, dafür umso mehr zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib. Ganz ähnlich ist es bei Auto und Motorrad, die mehr zum reinen Vergnügen (mit viel Krach!) genutzt werden, als zum Gelangen an ein bestimmtes Ziel. Ferner, jeglicher Drogenkonsum ist m.E. weitgehend der Infantilität (Kindbleiben) zuzurechnen. Denn mit Alkohol und Nikotin verdrängt man nur die Probleme, niemals können diese Probleme lösen. Und hierbei meine lustige Bezeichnung für die Zigarette, die bei mir treffender und zu Deutsch „Feuerschnuller“ heißt.

Damit meine Kolumne mehr und intensiver gelesen wird, muss ich sie möglichst kurz fassen. Zur Unterstützung obiger These zitiere ich einen Großen unserer Geschichte. Diesmal ist es (nochmals) G.E. Lessing (1729 – 1781). Er sagte: „Das Spiel soll den Mangel der Unterredung ersetzen. Es kann daher nur denen erlaubt sein, die Karten beständig in Händen zu haben, die nichts als das Wetter in ihrem Munde führen.“

Und zum guten Schluss zitiere ich meinen „Kronzeugen“, Wilhelm Busch:

„Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Schlechte, das man lässt.“

Ihr Heinz Dierdorf