Halbe Wahrheiten…

, , Kommentar schreiben

… sind meistens ganze Lügen. So lautet eine bekannte Volksweisheit. Damit wäre bereits Wesentliches zum Thema gesagt. Gestatten Sie mir gleich noch einen Spruch (von mir) zu äußern. Er lautet: „Man kann nicht zugleich höflich und ehrlich sein.“ Und in dieser Beziehung sind wir, hier in unserem Lande, ein „sehr höfliches Volk“.

Jetzt weg vom Allgemeinen und hin zum ganz Konkreten! – wenn Sie zum Beispiel ihrem Todfeind einfach einen „guten Tag“ wünschen, dann haben Sie – streng genommen- bereits eine Lüge ausgesprochen. Denn tatsächlich wünschen Sie ihm ja, dass er sich den Hals bricht. Und, wenn Sie einmal hellhörig geworden sind, werden Sie staunen, wie viele halbe Wahrheiten und andere Halbheiten es nur so gibt. Und achten Sie mal darauf, wie oft jetzt das Wörtchen „echt“ zu hören ist, aber wie wenig wirklich Echtes anzutreffen ist.

Dass bei zu viel (?) Ehrlichkeit die Gesellschaft auseinanderfiele, dürften viele für unwahrscheinlich bis unglaublich halten. Doch, warten Sie´s ab! – Wie ich schon auf bisher unbekannte Tatsachen gestoßen bin. Nämlich, dass der Mensch gewöhnlich am Tag etwa 200 Mal lügt. Was zunächst übertrieben oder unglaublich klingen mag, wird eher geglaubt, wenn man es auf eine Stunde herunterrechnet, sind es „nur“ 20 Mal. Wem auch das noch zu viel ist, dem ist zu entgegnen: Manches, was wohl zunächst unglaublich erscheint, ist trotzdem wahr.

Nunmehr lasse ich einen kompetenten Sozialwissenschaftler zu Wort kommen. Es ist Dan Ariely mit seinem Buch „Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge“ mit dem Untertitel: „Wie wir andere täuschen – und uns selbst am meisten“. Es folgen Zitate: „Jeder schätzt sich ehrlich ein, doch in Wahrheit ist es keiner. Unternehmen und Banken fördern unredliches Verhalten. Teamarbeit verleitet zum Betrug – überall wird getrickst und gelogen“. Dan Ariely zeigt, dass man dabei wider Erwarten gar nicht so berechnend vorgeht, sondern eher von irrationalen Kräften (!) geleitet wird. Und das hat überraschende Auswirkungen. Ariely spricht von der menschlichen Neigung zum Schummeln und von Lügen zur Selbsttäuschung, die er auf den Prüfstand stellt. Ich komme nun wieder zu eigenen Betrachtungen.

Der Umgang mit jeglichen Kunden („Kunde ist König“), verlangt vom Verkäufer ein Maximum an Freundlichkeit und Höflichkeit. Da wäre eine strenge Ehrlichkeit total verfehlt. Und der Untergebene will es seinem Chef immer recht machen und benutzt darum jede Menge Lügen und Notlügen. Ebenso muss der Liebhaber gegenüber seiner Geliebten (stets) schmeicheln und loben, aber niemals etwas „Unschickliches“ sagen. Bestenfalls wird der Abhängige oder Untergebene einen Kompromiss in seiner Rede machen, was schon wieder eine halbe Wahrheit wäre. Bei unserem Thema erinnere ich mich an einen Buchtitel von 1993. Dieser lautet: „Wie viel Wahrheit braucht der Mensch?“ Hier ist zu entnehmen, dass die Unwahrheit offenbar unser ständiger Begleiter ist. Und es reizt mich zur Gegenfrage: „Wie viel Schwindel braucht der Mensch von heute?“

Die meisten brauchen jede Menge Harmonie, Be- und Entlohnung, um (gut) zu funktionieren. Das ist wie beim Öl im Getriebe. Außerdem braucht er immer mehr, und eine clevere Werbung redet ihm ein, zu brauchen, was er gar nicht braucht. Sind da also nicht auch schon wieder Halbwahrheiten versteckt? Ferner gibt es den bekannten „Etikettenschwindel“ und die halbleeren Großpackungen. Den Trick, mit Nachlass zu 15%, nachdem man zuvor 30% draufgeschlagen hat, was der Käufer nicht weiß und nicht ahnt. Wiederum Beispiele für Täuschung und Halbwahrheiten.

Jetzt zum Schluss lasse ich gern einen Größeren sprechen, es ist wieder „mein“ Wilhelm Busch. Er sagt: „Der Beste muss mitunter lügen – zuweilen tut er´s mit Vergnügen“. – Auch zum Jahreswechsel dichtet er:

Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
sage Dank und nimm es hin,
ohne viel Bedenken.

Jede Gabe sei begrüßt,
doch vor allem Dingen:
das was, worum du dich bemühst,
möge dir gelingen.

Auch von mir: Alles Gute im neuen Jahr!
Ihr Heinz Dierdorf