Ist das Hochstift ein geeigneter Standort für ein Hospiz?

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Ein offener Brief von Dr. Christoph Kern (1. Vorsitzender Rheinhessen Hospiz e.V.)

Mit dem nachfolgenden offenen Brief vom 9.4. an den Caritasverband nimmt Dr. Christoph Kern, Vorsitzender Rheinhessen Hospiz e.V. Stellung zu Herausforderungen des Standortes Hochstift:Foto: Dennis Dirigo

Sehr geehrter Herr Diederich,

als Internist und Palliativmediziner und aus meiner langjährigen Berufserfahrung in der Begleitung sterbender Menschen habe ich mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, offene Fragen – vielleicht auch unbequeme – in Bezug auf die Einrichtung eines Hospizes in einem Gebäude des ehemaligen Krankenhauses Hochstift anzusprechen.

Die Einsicht in die Notwendigkeit hospizlicher Betreuung, sei es ambulant beim Patienten zu Hause oder, wo dies nicht mehr leistbar ist, stationär in einem Hospiz setzt sich in unserer Gesellschaft immer mehr durch. Das halte ich für einen großen und begrüßenswerten Fortschritt, denn als ich vor zehn Jahren die erste Palliativstation mitten in Rheinhessen am DRK-Krankenhaus in Alzey aufgebaut habe, hatte das Nachdenken über ein gutes und menschenwürdiges Sterben noch mit vielschichtigen Tabus und Abwehrreaktionen zu kämpfen. Ich bin überzeugt davon, dass man die Menschlichkeit einer Gesellschaft nicht zuletzt an ihrem Umgang mit den Ärmsten der Armen, nämlich ihren Sterbenden ablesen kann. Daher sehe ich unsere Gesellschaft heute mit ihrem zunehmend offeneren und weniger verdrängenden Dialog über eine gute hospizliche Versorgung auf einem guten und ermutigenden Weg.

Diese Einsicht und Offenheit sind ungemein hilfreich, erspart uns aber noch nicht das fachliche Nachdenken darüber, unter welchen Rahmenbedingungen Pflege, Betreuung und Seelsorge bestmöglich angeboten und geleistet werden können. Natürlich ist der „Menschliche Faktor“, die Empathie, Hingabe und Liebe der in der Pflege Tätigen die alles entscheidende Größe. Dennoch wirken sich die organisatorischen, baulichen oder kapazitativen Rahmenbedingungen, unter denen diese unschätzbare Arbeit geleistet wird, fraglos förderlich oder hinderlich auf Patienten, Pflegende und Angehörige aus. Daher sollten bei der Gestaltung eines Hospizes – nach meiner Erfahrung – die Bewohner und ihr Leben in diesem Refugium am Anfang aller Überlegungen stehen sodann die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals und schlussendlich die ebenso legitimen Bedürfnisse der begleitenden Angehörigen.

Mit Blick auf die Einrichtung eines Hospizes im ehemaligen Hochstift, stellen sich folgende Herausforderungen:

Die Patientenzimmer eines neuen Hospizes sollten auf einer Ebene / einem Stockwerk liegen.

Ja, es gibt gute Hospize mit mehreren Stockwerken, doch die Zimmer der Patienten liegen – wie z.B. auch in Bensheim – auch dann auf einer Ebene. Warum ist das so wichtig? Wenn die Nachtschwester einem sterbenden Patienten im 6. Stock beisteht und es klingelt ein Bewohner vom anderen Stockwerk, so ist das mehr als eine räumliche Entfernung, es ist für die Mitarbeiter auch eine mentale Belastung, nicht alle Bewohner so zügig betreuen zu können, wie sie es ja gerne wollen.

Auch tagsüber bei höherer Personalverfügbarkeit entwickeln sich so – ähnlich wie in einer Klink – leicht zwei „Abteilungen“, die nebeneinander her leben. Die Patienten suchen aber in Ihrer Situation bewußt keine Klinikatmosphäre, sondern die Geborgenheit einer überschaubaren Hausgemeinschaft. Gerade dieser häusliche Charakter entfaltet, so habe ich es in der Palliativstation Alzey erlebt, einen hohen Wert.

Geschwächte Patienten vertragen den Wind nicht gut, wie er auf einer Dachterrasse oder auf Balkonen in oberen Stockwerken zu erwarten ist.

Für Gesunde ist es durchaus erholsam, sich „frischen Wind um die Nase wehen zu lassen“, für Schwerstkranke wäre dies riskant und aufgrund des notwendigen zusätzlichen Ankleidens eher be- als entlastend.

Wir müssen uns auch in diesem Punkt davor hüten, unsere „gesunden“ Präferenzen mit jenen von Menschen in einem finalen Stadium gleichzusetzen.

Aufzugfahrten trennen Pflegende von zu Pflegenden.

Wenn eine Schwester, um ein Utensil aus dem Lager zu holen, über mehrere Stockwerke in den Keller fahren muss, ist sie so lange nicht da. Das ist schlecht für die Bewohner, aber auch psychisch belastend für die Pflegkraft. Und trotz des prinzipiell guten Personalschlüssels in einem Hospiz, gibt es auch dort keine Laufburschen o.ä., die dem Pflegepersonal solche entlegenen Besorgungen abnehmen könnten.

Eine Baustelle ist kein guter Ort, um in Ruhe Sterben zu können.

Das anvisierte Haus A des Hochstifts ist jüngeren Datums und mag in der einen oder anderen Form ungenutzt werden. Dies gilt allerdings nicht für die Mehrheit der benachbarten einstigen Krankenhausgebäude. Sie werden sehr wahrscheinlich abgerissen werden müssen, bevor an gleicher Stelle neue Gebäude errichtet werden können. Das hätte eine mehrjährige Großbaustelle neben einem Hospiz Hochstift zur Folge. Kein guter Ort zum ruhigen Sterben.

Ein stationäres Hospiz ist keine soziale Einrichtung, die den unterschiedlichsten vorgegebenen Bauten „untergebracht“ werden könnte, sondern ein sensibles Gebilde, in dem Menschen – so habe ich es erlebt – umso besser aufblühen können, je weniger Einschränkungen und Belastungen sie dabei begrenzen.

Wenn in Worms ein Hospiz konzipiert wird, dann wäre es nach meinen Erfahrungen grundlegend wichtig, den Bau so optimal wie möglich für jene Menschen zu gestalten, die darin arbeiten, leben und auch sterben werden. Ich bin überzeugt, dass sich bessere Räume finden oder errichten lassen, als eine solche Bestandsimmobilie es erlaubt. Dafür wünsche ich den Projektträgern fachkundige Beratung und eine glückliche Hand.

Sehr gern können wir die aufgeworfenen Fragen im Gespräch vertiefen.

 

Dr. Christoph Kern

  1. Vorsitzender

Rheinhessen Hospiz e.V.