KAUFHOF AUS NACH 90 JAHREN

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Eigentümer geben Schließung der Wormser Filiale bekannt

Update 03.07.: In der Stadtratssitzung am 01.07. beschloss man nach einem Eilantrag der CDU und SPD, dass die Stadtverwaltung eine externes Büro zur Weiterentwicklung der Einkaufsinnenstadt beauftragt. Dabei sollen Ziele und Visionen gemeinsam mit Akteuren des Einzelhandels, der Wirtschaft, Politik und Kultur entwickelt und eine Fortschreibung vorhandener Konzepte ermöglicht werden. Dazu stellt der Stadtrat ein Budget bis zu 100.000,00 Euro zur Verfügung. Tim Horst hierzu: „Hintergrund, aber nicht nur, ist die Schließung des Kaufhof. Günter Neureuther bemerkte: „Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, kommt aber zwei Jahre zu spät“. Widerspruch in Anbetracht klammer Stadtkassen gab es nicht. Auch nicht dahingehend, dass die Probleme der Innenstadt bereits seit Jahren auf der Hand liegen und auch von einer externen Firma nicht gelöst werden können. Mehr dazu lesen Sie in unserer August-Ausgabe.

Es war eine Nachricht wie ein Paukenschlag, als am 19. Juni nach bangen Wochen feststand, dass das Unternehmen Galeria Karstadt Kaufhof 62 seiner Filialen unwiderruflich schließen wird, darunter auch die traditionsreiche Filiale in Worms. Ein Schock nicht nur für die Wormser Innenstadt, sondern auch für die 43 Mitarbeiter.

Seit 1965 prägte das Gebäude das Gesicht der Kämmererstraße und wurde zum Zeugen des Wandels, dem es schließlich selbst zum Opfer fiel. Vor zwei Jahren feierte die Wormser Filiale ihren 90. Geburtstag. Zwar war das Unternehmen bereits zu diesem Zeitpunkt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, dennoch zeigte man sich optimistisch. Noch wenige Wochen, bevor im Juni das Aus feststand, führte die Stadt Gespräche mit der Geschäftsführung der Wormser Filiale. Wie Oberbürgermeister Adolf Kessel (CDU) im Gespräch mit unserem Magazin erklärt, hatte man damals noch die Hoffnung, dass das Warenhaus nicht den wirtschaftlichen Sanierungsmaßnahmen zum Opfer fallen würde. Umso größer war die Überraschung. Am 19. Juni blieben schließlich die Türen zu und man informierte in einer Betriebsversammlung die Mitarbeiter, die zum Teil seit vielen Jahrzehnten dort arbeiteten. Nach dem ersten Schock stellt sich nun die Frage, wie es weitergeht? Für Adolf Kessel steht fest, dass an erster Stelle das Wohl der Mitarbeiter steht. Doch was kann die Stadt tun? WO! gegenüber erklärt Kessel, dass er Kontakt mit dem Betriebsrat aufgenommen hat. Doch viel mehr als beratend tätig zu werden, wird ihm nicht bleiben. Wie Kessel sagt, sollen die Mitarbeiter in eine Transfergesellschaft überführt werden. Der OB hofft in diesem Zusammenhang, dass es einzelnen Mitarbeitern ermöglicht wird, in anderen Filialen, wie z.B. in Mannheim, weiterarbeiten zu können. Der Eigentümer der Warenhauskette hüllt sich bisher in Schweigen.

Eine Innenstadt im Wandel
Eigentümer ist die österreichische Unternehmensgruppe Signa des Gründers René Benko. Der übernahm 2019 die Anteile des kanadischen Unternehmens HBC, das damit sein kurzzeitiges Engagement in Deutschland nach einer Reihe von Fehlentscheidungen beendete. Bereits kurz nachdem die Übernahme vollzogen war, kündigte Benko an, Stellen abzubauen, um den schlingernden Riesen Galeria Karstadt Kaufhof wieder konkurrenzfähig gegenüber dem mächtigen Onlinehandel zu machen. Ein Zeitpunkt, wann das Wormser Kaufhaus endgültig seine Pforten schließt, steht noch nicht fest. Zu hören ist, dass ein Termin im Herbst anvisiert wird. Jens Guth, Stadtrat SPD und MdL, hofft, dass zumindest das lukrative Weihnachtsgeschäft noch mitgenommen wird. Wann auch immer das Gebäude seine Türen schließt, fest steht für die Wormser Politik und Wirtschaftswelt, dass ein langanhaltender Leerstand vermieden werden muss. Wer durch die Wormser Innenstadt schlendert, bemerkt bereits seit Jahren eine Veränderung. Immer wieder schließen langlebige inhabergeführte Geschäfte oder namhafte Ketten. An deren Stellen rückten zumeist weniger zugkräftige Geschäfte. Es scheint wie die Quadratur des Kreises. Durch die Abwanderung vieler Menschen ins Internet oder auf die grüne Wiese, fehlte es der Innenstadt an Einnahmen. Die Folge, die Attraktivität nahm für Kunden erneut ab, die sich wiederum darüber beschwerten, dass es sich kaum noch lohne, in den Fußgängerzonen von Worms einkaufen zu gehen. Um diesem Negativtrend entgegen zu wirken, trafen sich die beiden größten Stadtratsfraktion, gemeinsam mit Oberbürgermeister Kessel, bereits montags nach Bekanntwerden des Kaufhof-Aus zu einem Koalitionsgespräch, um gemeinsam Konzepte zu entwickeln, wie es weitergehen könnte.

Ist ein Rathaus II Teil der Lösung?
Eine erste Idee, die die Runde machte, äußerte Jens Guth im Gespräch mit WO! Schon lange ist klar, dass die Stadtverwaltung am Adenauerring aus allen Nähten platzt. Warum also nicht aus der Not eine Tugend machen, schließlich besitzt das Kaufhofgebäude jenseits der bekannten Verkaufsflächen jede Menge leerstehende Räume, die sich für eine Verwaltung bestens eignen würden. Wir fragten Adolf Kessel, wie realistisch diese Variante ist. „Natürlich müssen wir zuerst mit dem Immobilieneigentümer sprechen, denn das Gebäude selbst gehört nicht Signa“, erklärt Kessel. Tatsächlich ist das gewaltige Haus im Eigentum des Starnberger Projektentwicklerunternehmens ehret + klein, das 2018 die Immobilie erwarb. Das Unternehmen ist in Worms kein unbekanntes. 2019 stellte Firmeninhaber Michael Ehret in Worms die Pläne vor, das ehemalige Rheinmöve Gelände zu einem Wohnkomplex umzugestalten. Gekauft hatte man das Grundstück vom Einrichtungshaus Möbel Boss, das wiederum an die Klosterstraße ziehen wird. Kessel kennt aus dieser Zeit Michael Ehret und ist zuversichtlich, dass man gemeinsam Lösungen finden wird. Das Unternehmen selbst möchte sich aktuell noch nicht zu den jüngsten Vorgängen äußern, da ihnen zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses noch keine weiteren Informationen von Signa vorlagen. Offiziell geht der Mietvertrag bis Ende 2021. Sollten die Gespräche, eine Verwaltung in Teilen des Gebäudes zu etablieren, positiv verlaufen, wird es dennoch einige Zeit dauern, bis das Gebäude wieder mit Leben gefüllt werden kann. Bevor die Verwaltung einziehen würde, müssten natürlich zuerst die Bausubstanz geprüft, ein Bauantrag gestellt und weitere Arbeiten vollzogen werden. Klar ist auch, dass man für Parkflächen sorgen müsse. Dr. Jürgen Neureuther, Stadtrat FDP, ist wenig begeistert von diesen Plänen: „Eine angedachte Verlagerung des Rathauses 2 in das Kaufhof-Gebäude bringt keinen einzigen Kunden und vor allem keine weitere Kaufkraft in die Innenstadt und kann bestenfalls als ultima ratio dienen. Sie ist aber Ergebnis einer ausgeprägten Ideenlosigkeit der amtierenden Groko im Hinblick auf die nun eingetretene Lage“.

Ein „runder Tisch“ muss her!
Den politischen Akteuren ist natürlich klar, dass die Verwaltungsidee nicht die einzige sein kann. Ein großes Interesse, den Kaufhof wieder mit attraktiven Warenangeboten zu füllen, hat natürlich auch die Geschäftswelt, weswegen Kessel im regen Austausch mit Jens Buschbacher steht. Buschbacher ist Center Manager der Kaiser Passage und Vorsitzender des Einzelhandelbeirates. Wie Kessel verrät, möchte sich Buschbacher umgehend auf die Suche nach Interessenten machen. Doch das dürfte nicht einfach werden. Entscheidend für attraktive Geschäfte ist die Kaufkraft in der Stadt und das ist ein Problem, auf das wir in unserem Magazin schon des Öfteren hinwiesen. Alleine der Jobcenter betreut mehr als 8.000 Wormser, die entweder das ALG II beziehen oder sogenannte Aufstocker sind. Die zahlreichen Kurzarbeiter durch die Corona-Krise dürften der Situation auch nicht zuträglich sein. Ein Problem, auf das auch Buschbacher bei einem Gespräch mit der Wormser Zeitung 2018 hinwies. Für Stefanie Lohr (CDU), MdL und Ortsvorsteherin Worms-Abenheim, steht fest, dass möglichst bald ein „runder Tisch“ einberufen werden muss, um ein Konzept zu entwickeln, wie man sich gegen die Übermacht von Handelsriesen wie Amazon zur Wehr setzen kann. Zu dieser Runde gehören das Stadtmarketing, genauso wie die Politik und die Besitzer leerstehender Immobilien. Von Adolf Kessel wiederum wollen wir wissen, ob es nicht möglich ist, durch eine erweiterte Gestaltungssatzung die Ansiedlung bestimmter Gewerbe besser zu lenken. „In Teilen haben wir das getan, wie z.B. in Bezug auf Spielhallen“, führt er aus und ergänzt: „Allerdings ist das eine rechtlich diffizile Angelegenheit, da letztlich der Eigentümer entscheidet und vermietet“. Wohin auch immer die Pläne tendieren werden, feststeht, dass keiner ein Interesse daran hat, dass das Gebäude in einen langjährigen Dornröschenschlaf verfällt. Wie es gehen kann, zeigt derzeit ehret + klein in Landau, wo ihnen ebenfalls ein Kaufhofgebäude gehört. Dort plant man einen Wohn- und Gebäudekomplex, der bis 2024 fertiggestellt sein soll.