Kein Haus der Herzen

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Wenn man sich in ein paar Jahren zurückerinnert, wie das wohl war 2013 und 2014, als sich die Wormser Bevölkerung gegen eine historische Bau-Sünde gewehrt hat, wird die lang anhaltende Kontroverse um ein „Haus am Dom“ als Paradebeispiel dafür dienen, wie man konsequent am Willen der Bevölkerung vorbei entscheiden kann. Dass ganz viele Wormser nicht damit einverstanden sind, dass das neue Gemeindehaus der Domgemeinde ausgerechnet vor der Südseite des Doms gebaut werden soll, der somit nicht mehr in seiner vollen Pracht erstrahlen wird, hat eine Unterschriftenaktion zu Tage gefördert. Das Problem ist nur: Die 17.000 Menschen aus Worms konnten damit rein gar nichts bewirken. Der Bauzaun steht bereits: Das „Haus am Dom“ wird kommen. Es sei denn, es geschieht noch ein Wunder.

An den Weihnachtsfeiertagen konnte man immer mal wieder Fußgänger beobachten, die der Baustelle am Wormser Kaiserdom eine Besuch abgestattet haben, um sich die wahre Dimension des Bauprojektes anzusehen. Der Bauzaun steht schon, aber außer von den Leuten des Bürgervereins Domumfeld e.V. bleibt der große Protest bislang aus. Weil sich die meisten anscheinend nur einmal richtig aufregen oder vielleicht auch vorschnell kapitulieren, wird es den nächsten Aufschrei erst dann geben, wenn der Klotz endgültig gebaut ist. Anfang 2013 begann die Geschichte um ein „Haus am Dom“, die seitdem wie ein Damoklesschwert über den Bewohnern der Stadt hing und Fragen aufwarf wie: „Wollen die wirklich? Dürfen die das?“ Da der erste Entwurf für ein neues Gemeindehaus, mit Cafe im Untergeschoss, auf eine überwältigende Ablehnung in der Bevölkerung stieß, mussten die Domgemeinde und das von ihnen beauftragte Berliner Architekturbüro Heidenreich & Springer zurückrudern. Nachdem genügend Dampf aus dem Kessel schien, wurde fast ein Jahr später ein zweiter Entwurf präsentiert. Ab diesem Zeitpunkt wollte man sich offensichtlich auf keine Kompromisse mehr einlassen, obwohl auch das neue Gebäude den Blick auf den Südteil des Doms nicht unerheblich beeinträchtigt. Das fing an bei der Präsentation, als ein kleinerer Maßstab gewählt wurde und endete damit, dass man bis zuletzt eine Fotomontage aus der gleichen Fußgängerperspektive wie beim ersten Mal abgelehnt hat. Die interne Marschroute schien klar: Diesmal lassen wir uns vom Pöbel nicht noch einmal vorschreiben, ob und vor allem wo wir unser Gemeindehaus bauen wollen. Wer aber die Rolle des Buhmanns einzig und allein der Domgemeinde in die Schuhe schieben will, wird mitunter noch anderswo fündig, ist die Kontroverse doch bis heute eine unsägliche Geschichte, die nur Verlierer hervor gebracht hat. Die BI, die lange gekämpft hat, die Verleumdungen über sich ergehen lassen musste, die hohe Gerichts- und Anwaltskosten hatte und deren Mitglieder Woche für Woche eisern Mahnwachen vor dem Dom abhalten – die aber letztendlich nichts erreicht hat. Die Domgemeinde, die mit den Betrugsvorwürfen gegenüber der BI von Anfang an mit scharfer Munition geschossen hat und deren einzige Überzeugungsarbeit darin bestand, ein paar Handzettel zu drucken und in die umliegenden Briefkästen einzuwerfen. Echte Gesprächsbereitschaft bestand zu keiner Zeit. Verlierer sind aber auch die Politiker der beiden großen Parteien, die sich ungewöhnlich früh auf ein Urteil festgelegt haben. Nicht wenige würden sagen „in blinder Gefolgschaft zu Oberbürgermeister Kissel“, der von Anfang keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Bauantrages gelassen hatte. Wie sich bis dato herausstellte, sollte Kissel damit Recht behalten. Rein juristisch gesehen gilt die Domgemeinde als Privatperson, die auf ihrem Grundstück bauen kann, was sie möchte, sofern das Gebäude sich an die Umgebung anpasst. Genau von diesem verbrieften Recht macht die Kirche Gebrauch. Stadtrat und Gerichte sind mehrheitlich den Vorgaben des Baurechtes gefolgt, weniger dem „moralischen“ Recht, auch wenn noch so viele Wormser proklamieren, dass der Dom ihnen allen gehört. Von einer Organisation Moral zu verlangen, die es in ihrer langen Geschichte nur selten genau mit selbiger genommen hat, wäre womöglich zu viel verlangt, sonst könnte man in Sachen „Haus am Dom“ durchaus fragen, ob der Vorstand der Domgemeinde nicht denen gegenüber moralisch verpflichtet ist, die diesen Dom mit ihrer Kirchensteuer bezahlt haben. Wenn man als Vorstand einer Kirchengemeinde aber so wenig Demokratieverständnis zeigt, dass man nicht mal die eigenen Gemeindemitglieder nach ihrer Meinung fragt, dann zeugt das von einer ziemlich großen Ignoranz. 17.000 Menschen mögen zwar nicht die Mehrheit in Worms darstellen, aber wo die vielen Befürworter sein sollen – auch diese Frage konnte, mangels Masse, nie geklärt werden, da bei den „Promoveranstaltungen“ der Domgemeinde allenfalls ein paar Ministranten an den Infostand beordert wurden. In Internetforen, in Leserbriefen an uns oder an die Wormser Zeitung, scheinen die Befürworter des umstrittenen Bauprojektes deutlich in der Minderheit zu sein und beschränken sich auf den immer gleichen Personenkreis, die zwar hier leben, aber fast alle nicht hier geboren wurden. Echten Wormsern dagegen blutet das Herz bei dem Gedanken, dass ihr Wahrzeichen noch weiter zugebaut werden soll. Trotzdem wird gebaut, weil einige wenige das so möchten.

Eine breite Front ist gegen den Standort

Und nicht nur den Wormsern blutet das Herz. Neben zahlreichen Touristen, die spontan auf den Unterschriftenlisten ihre Sympathie für einen freien Blick auf den Dom bekundet haben, hat sich Mitte Dezember auch noch die europäische Denkmalschutzorganisation Europa Nostra gegen das geplante Haus am Wormser Dom ausgesprochen. In einem Brief an den Mainzer Kardinal Lehmann forderte der Verband, die Pläne zu überdenken. Europa Nostra-Vorstandsmitglied Alexander zu Seyn-Wittgenstein schreibt von einer Bau-Sünde, die verhindert werden müsse. Es könne nicht sein, dass Dome unter den Schutz der UNESCO gestellt würden, während Verantwortliche vor Ort nicht die Qualität der Kulturdenkmäler erkannten. Der Wormser Dom sei bereits jetzt durch Gebäude von minderwertiger Architektur in seinem Umfeld deutlich geschädigt, so zu Seyn-Wittgenstein weiter.

Politikverdrossenheit

Die Nachwirkungen dieser unsäglichen Provinz-Posse um ein Haus, über dessen Notwendigkeit keiner streitet, einzig der Standort scheint dringend verbesserungswürdig, werden verheerend sein. Denn mit einer derartigen Entscheidung – gegen alle Widerstände – leistet man der Politikverdrossenheit unweigerlich Vorschub. Die gleichen Politiker, die sonst immer einfordern, dass sich die Bürger mehr in ihr Stadtleben, in die tagtägliche Politik einbringen sollen, schütteln nun mit dem Kopf, wenn so viele Bürger tatsächlich mal ihre Ablehnung artikulieren. Da mischen sie sich endlich ein und dann werden sie sofort wieder ausgebremst. Das kann es eigentlich nicht sein, ist vielleicht aber politisch genau so gewollt. In Worms müssen die politischen Verantwortlichen sowieso wenig befürchten, blieb doch der im Zusammenhang mit dem „Haus am Dom“ zu erwartende Denkzettel für die Wormser GroKo aus SPD und CDU bei der Kommunalwahl am 25. Mai 2014 weitestgehend aus.

Chance vertan

Ziemlich sicher wird aber der Frust zunehmen auf die Domgemeinde bzw. die Katholische Kirche, die oftmals als starrköpfig und wenig einsichtig wahrgenommen wird und die in Sachen Öffentlichkeitsarbeit allgemein großen Nachholbedarf hat; trotz Papst Franziskus. Ob der Protz-Bischoff aus Limburg oder die unsäglichen Kindermissbrauchsfälle, man hätte in diesem Fall die einmalige Chance gehabt, mal wieder ein paar Bonuspunkte bei der Bevölkerung zu sammeln. Diese Chance wurde erneut vertan. Die Wormser werden das neue Bauwerk ablehnen und es genauso wenig mit Leben füllen wie ein nicht gewolltes Nibelungenmuseum. Jetzt wo der Bauzaun bereits steht, hilft nur noch ein Feldhamster, eine unterirdische Woog-Brücke oder ein archäologischer Fund an dieser Stelle – egal was, ein Wunder muss her. Oder Einsicht. Eines steht sowieso bereits fest: Wo derart viel Zwietracht gesät und ein Keil in die Bevölkerung getrieben wurde, kann kein Haus der Liebe mehr entstehen. Diese Chance hat man längst verpasst.

Die Wormser sollten sich schnell noch Postkarten mit dem berühmtesten Wahrzeichen der Stadt kaufen. Denn diesen Anblick wird man in dieser Form im Jahr 2015 wohl nicht mehr genießen können.