„Man muss die Geduld der Jahrzehnte mitbringen“

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Friedensaktivist Jürgen Grässlin zu Besuch in Worms

Seit dreißig Jahren widmet Jürgen Grässlin sein Leben dem Kampf gegen illegale Waffenexporte. Zusammen mit dem Filmemacher Daniel Harrich und Danuta Harrich-Zandberg veröffentlichte er im letzten Jahr das Buch „Netzwerk des Todes“ und den dazugehörigen Dokumentarfilm „Tödliche Exporte“, in denen er schonungslos die Verflechtung von Waffenindustrie und Behörden aufdeckte. Im Namen der Aufklärung reist der Realschullehrer unermüdlich durch Deutschland, um über die Machenschaften zu berichten. Auch in Worms schaute er auf Einladung der Wormser Initiative für Frieden und dem Helferkreis Asyl e.V. vorbei.

Jürgen Grässlin ist es wichtig, auch den Zusammenhang zwischen den Flüchtlingsströmen und dem Verhalten der Bundesregierung in Bezug auf Waffenlieferungen herauszuarbeiten. Gerade vor kurzem veröffentlichte die Bundesregierung ihren aktuellen Rüstungsexportbericht. Zwar exportiert Deutschland aktuell weniger Kleinwaffen, dafür ist der Export von Munition sprunghaft angestiegen. Stark nachgefragt sind derzeit große Exporte wie Flugzeuge, Fregatten und Panzer. Drittwichtigster Handelspartner ist Saudi Arabien, ein Land mit zwielichtigem Hintergrund. Ein Land, das nach Meinung des Friedensexperten nicht beliefert werden dürfte, immerhin ist das Königreich einer der Hauptbeteiligten an den explosiven Konflikten des Mittleren Ostens, auch in Syrien. Kritisch sieht er auch die Lieferung von Gewehren und sonstigem Kriegsmaterial an die Kurden, die damit gegen das Terrorregime des IS kämpfen. Grässlin war selbst vor Ort, um sich ein Bild von den Auswirkungen des Krieges zu machen. „Wir produzieren mit unseren Waffen Traumaopfer und oft sind wir uns über die weiteren Folgen gar nicht im Klaren.“ Als Problem sieht er vor allem, dass es unmöglich ist, zu verfolgen, wohin die Waffen wandern. Zwar ist in den Lieferverträgen der Weitertransport in Drittländer sowie der Endverbleib klar definiert, das lässt sich allerdings zumeist nicht wirklich kontrollieren. Grässlin weiß, dass die Weltlage derzeit schwierig ist und sich nah am Rande eines Dritten Weltkriegs bewegt. Dennoch, so erklärt der Überzeugungstäter gegenüber WO!, bleibe er optimistisch. Wenn man sich 30 Jahre seines Lebens diesem schwierigen Thema widmet, muss das wohl auch ein wesentlicher Charakterzug sein. Klar ist ihm auch, dass die Dinge sich nicht von heute auf morgen verändern. „Man muss die Geduld der Jahrzehnte mitbringen“, sagt er und lacht. „Ich glaube schon, dass wir mit unserer Arbeit auch das Denken vieler Menschen mitbeeinflusst haben“, erklärt er mit Stolz und verweist auf eine Umfrage des Institut Emnid, bei der sich 83% aller Deutschen gegen Waffenexporte aussprachen.

Alles ging damit los, dass er sich bei der Bundeswehr weigerte, mit einem echten Gewehr zu schießen. Grässlin sagt, dass es für ihn unmöglich war, auf menschenähnliche Figuren zu schießen. Formal brach er den Wehrdienst aus gesundheitlichen Gründen nach fünf Monaten ab. Bereits kurz nach Antritt als Realschullehrer begann er, sich intensiv mit Waffentransfers zu beschäftigen. Seit Mitte der 90er verfasste er mehrere Bücher zu diesem Thema. In seinem aktuellen Buch „Netzwerk des Todes“ setzt er sich vor allem mit dem Kleinwaffenhandel auseinander. „19 von 20 Kriegsopfer gehen auf das Konto von Kleinwaffen“, weiß Jürgen Grässlin. Mitverantwortlich für diese Bilanz sind auch deutsche Unternehmen wie Carl Walther und vor allem Heckler und Koch, jene Waffenschmiede, die auch das legendäre Sturmgewehr G3 im Portfolio hat. Grässlin gelang es nachzuweisen, dass die Firma mit Sitz in Oberndorf am Neckar mit Hilfe deutscher Behörden Waffen nach Mexiko und Kolumbien liefert. In diesem Zusammenhang berührte ihn besonders der Fall der 43 entführten Studenten in Iguala / Mexiko. Der Fall ging um die Welt. Im September 2014 protestierten mexikanische Studenten gegen die Regierung. Auf dem Weg zur Kundgebung schnitt die Polizei den Studenten den Weg ab, woraufhin es zu Ausschreitungen kam. Sechs Studenten wurden von der Polizei erschossen, 43 entführt, von denen bis heute jede Spur fehlt. Im Zuge der Ermittlungen tauchten Papiere auf, die belegten, dass die Waffen, mit denen die Studenten erschossen wurden, von Heckler und Koch stammten. Das Brisante daran, Iguala gehört in die Region Guerrero. Laut dem Auswärtigen Amt dürfen dorthin keine Waffenlieferungen getätigt werden. Grässlin konnte belegen, dass die Waffen über Umwege und mit Wissen der Behörden gezielt in die Krisengebiete geliefert wurden. Bereits 2011 erstatte der umtriebige Aktivist Anzeige gegen die Firma und verschiedene Mitarbeiter von Behörden und Ministerien. Mit dem Fall beauftragt, benötigte die Staatsanwaltschaft Stuttgart ganze fünf Jahre, bis die Sache richtig ins Rollen kam. Im Frühjahr 2017 soll der Prozess gegen Heckler und Koch beginnen. Das Verfahren gegen die Staatsbediensteten wurde zwischenzeitlich eingestellt. Da die Staatsanwaltschaft sich so viel Zeit ließ, ist die Sache mittlerweile verjährt. Für den Mann mit dem unerschütterlichen Optimismus ein Skandal. „Ich glaube an den Staat, sehe aber das Verhalten der Staatsanwaltschaft als äußerst problematisch. Ich lerne jetzt, dass ich wohl auch gegen die deutsche Justiz kämpfen muss“, erklärt er verschmitzt lächelnd. Wenn der Prozess im Frühjahr nächsten Jahres gegen die Waffenfabrik läuft, wird es auch für Grässlin persönlich spannend, denn auch er wurde gemeinsam mit den Co-Autoren des Buches „Netzwerk des Todes“ angezeigt. Der Vorwurf: Die Drei hätten Akten und Dokumente zumindest teilweise veröffentlicht, die Teil eines laufenden Strafverfahrens sind. Das ist nach Paragraph 353d des Strafgesetzbuches verboten. Es geht um Dokumente, die nach Aussage von Grässlin belegen, dass Mitarbeiter des Waffenherstellers Heckler & Koch (HK) in Oberndorf (Kreis Rottweil) in illegale Waffengeschäfte mit Mexiko verwickelt und sowohl Beamte des Bundeswirtschaftsministeriums, als auch des Bundesausfuhramts daran beteiligt waren. Grässlin, der 2011 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde, sieht darin einen Einschüchterungsversuch und sagt, dass er nicht das erste Mal angezeigt werden würde. Bisher hätte er aber alle Prozesse gewonnen. Am Ende des spannenden Gesprächs, dem ein ebenso spannender Vortrag im Gemeindehaus der Dreifaltigkeitskirche folgte, versprach er, während des bevorstehenden Bundestagwahlkampfs erneut in Worms vorbeizuschauen, um mit den Kandidaten über deren Haltung zu Waffenexporten zu sprechen.