Der etwas andere Fragebogen

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Diesen Monat: Dr. Susanne Urban

KURZBIO Die 1968 in Frankfurt am Main geborene Historikerin bekam als Kind von ihrer Mutter Bücher wie „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ geschenkt. Die Neugier an Geschichte war geweckt. Das Jüdische Museum Frankfurt bot ihr ab 1990 einen Lern- und Arbeitsort, in der Zeitschrift TRIBÜNE wurde sie ab 1994 journalistisch geschliffen und war dort 1996 bis 2004 Redakteurin. 2000 promovierte sie bei Prof. Schoeps an der Uni Potsdam. 2004 packte sie ihre Koffer und ging nach Israel. Sie arbeitete 2004 bis 2009 in Yad Vashem, der dortigen zentralen Holocaust-Erinnerungsstätte. 2009 bis 2015 leitete sie die Forschung und Bildung in einem der weltgrößten Archive zu Opfern und Überlebenden des NS-Verbrechen, dem International Tracing Service in Bad Arolsen. Im November 2015 packte sie wieder einmal alles ein und aus und wurde Geschäftsführerin der SchUM-Städte e.V.

Was bedeutet für Sie Geschichte?
Geschichte spiegelt die schlimmsten und die besten Entwicklungen der Menschheit. Nehmen wir die NS-Zeit: Wir sehen die moralische Erosion der deutschen Gesellschaft und den Massenmord an den Juden Europas. Inmitten dieser Dunkelheit gab es aber auch Menschen, die Juden halfen, jüdische Kinder versteckten. Wir sehen anhand der Geschichte, welche Wege wir niemals einschlagen dürfen und für was es sich einzustehen lohnt. Ohne Kenntnis der Geschichte sind wir wurzel-, schlimmstenfalls sogar orientierungslos.

Welche zeitgeschichtlich gesehen wichtige Persönlichkeit würden Sie gerne kennen lernen und warum?
Wer ist wichtig? Die in dicken Biografien verewigten Persönlichkeiten? Gerne hätte ich Recha Freier kennen gelernt. Die 1892 geborene Jüdin legte 1932 in Berlin den Grundstein für die Kinder- und Jugend-Aliyah, eine Einrichtung, die nach 1933 mehr als 8.000 jüdische Kinder ins damalige Palästina rettete. Ihre Tochter, Maayan, kenne ich seit 2003 – eine starke, verschmitzte, kluge Frau. Sie ist meine „geborgte“ Großmutter. Sehr gerne hätte ich ihre imposante Mutter kennen gelernt.

Was können wir aus der jüdischen Vergangenheit der sogenannten SchUM-Städte lernen?
Dieser einzigartige jüdische Gemeindeverbund des Mittelalters war höchst innovativ. Ob in religionsgesetzlichen Entscheidungen oder mit Blick auf liturgische Dichtungen, ob bezogen auf die erstmalig in dieser Form überlieferten Frauensynagogen und die monumentalen Ritualbäder in Worms und Speyer – SchUM war ein „Jewish Hotspot“ des Mittelalters. SchUM war so bedeutsam, dass hier gefällte Entscheidungen für andere Gemeinden ebenfalls Richtschnur waren. SchUM war ein Magnetfeld. Diese Strahlkraft hat sich erhalten, über wiederkehrende Zerstörungen und Vertreibungen hinweg. Noch heute sind die drei Städte – Speyer, Worms und Mainz – in der jüdischen Welt als das einstige Jerusalem am Rhein bekannt.

Was bedeutet für Sie Religion?
Jüdische Geschichte, Kultur und Religion gehören zusammen, meine Arbeit gebietet es, Religion einzubeziehen. Ich selbst bin nicht gläubig. Es kann spirituelle Momente geben, in der Natur, in einem Gebäude – doch eine Gottesnähe bleibt mir fern.

Was müsste in der Welt passieren, damit diese ein wenig ruhiger wird?
Damit die Welt befriedeter aussehen könnte, wäre vieles vonnöten. Morde an Karikaturisten, offener Antisemitismus, europaweite Xenophobie und ein beginnender Kalter Krieg sind schlechte Vorzeichen. Ich wünsche mir kreative Unruhe in weltlichen, pluralistischen Demokratien – im Sinne einer stetigen Weiterentwicklung von Werten und Koexistenzen, nicht mit dem Ziel gesellschaftlicher Spaltung und Radikalisierungen. Ich weiß leider nicht, was geschehen muss, bevor wir wieder die Sicherheit der Folgejahre von 1989 spüren können, als Aufbruch und Neuordnung positiv besetzt waren.

Wie entspannen Sie?
Spaziergänge, Filme, Bücher, Museen, Kochen – alles am liebsten gemeinsam mit meinem wunderbaren Lebensgefährten.

Nennen Sie drei positive und drei negative Seiten von Worms!
Worms ist Teil einer Metropolregion zwischen Mannheim, Mainz, Frankfurt und Strasbourg. Worms ist authentisch, nicht Fassade. Worms bietet kulturelle Abwechslung, alles zwischen Jazz und Wein. Negativ ist auf den ersten Blick wenig. Ich wünsche mir jedoch, um es positiv zu formulieren, dass Leerstand nicht um sich greift und die Gastronomie vielfältig bleibt. Und dass die Judengasse, das Foyer zu Synagoge und Mikwe, nicht so oft vermüllt ist.

Welches ist ihre bevorzugte Jahreszeit und warum?
Der Frühling auf Tasmanien, der Spätsommer in Rheinhessen, der Herbst in Israel und der Winter in der Normandie.

Waren Sie früher eine gute, durchschnittliche oder eher schlechte Schülerin und welches Fach mochten Sie am wenigsten?
Sehr gut war ich in Deutsch, Geschichte und Gesellschaftskunde, gut in Englisch, mittelmäßig in Physik und Biologie, schlecht in Mathematik. Sport war der Horror, wir hatten Lehrer, die hätten auf dem Kasernenhof noch zu unfreundlich gewirkt. Ich habe mich von meinen Neigungen leiten lassen, nicht davon, überall gute Noten zu erreichen – ein eher individualistisches Modell.

Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, gibt es etwas, was Sie anders machen würden?
Nichts! Jede Handlung, jede Begegnung, auch jeder Fehler führt zu neuen Wegen. Würde ich etwas revidieren, wäre ich vielleicht nicht in Worms. Hätte vielleicht nie meinen Lebensgefährten getroffen. Ich bin dafür, alles, was auch nicht so gut lief, ins Buch des Lebens zu integrieren. Man muss diese Kapitel ja nicht dauernd aufschlagen!