Mit den Worten des Dichters durch die Zeit

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Musikalische Lesung „Stürmische Zeiten“ mit Thekla Carola Wied

21. Januar 2017 | Das Wormser Theater – Oberes Foyer:

Hört man den Namen Thekla Carola Wied verbinden die meisten Zuschauer einer bestimmten Generation diesen mit dem mehrteiligen ZDF Straßenfeger „Ich heirate eine Familie“. Man würde der vielseitigen Schauspielerin jedoch Unrecht tun, sie nur auf diese Rolle zu reduzieren.

Nach wie vor im TV vielbeschäftigt, konnte man sie in Worms in der Rolle der Vorleserin erleben. In der intimen Atmosphäre des oberen Foyers im Wormser Theater stellte die Schauspielerin, die auch im Alter von knapp 73 Jahren nichts von ihrer dynamisch, jugendlichen Ausstrahlung verloren hat, erstmals ihr Soloprogramm „Stürmische Zeiten“ vor. Der großzügig formulierte thematische Überbau des Abends war der Wandel der Zeit, aus dem Blick der eigenen Generation und der Elterngeneration. Hierzu wählte die Schauspielerin verschiedene Texte deutscher Autoren aus, die jeweils für ihre Zeit standen. Beginnend mit der Ära des Weltkriegs, in die 1914 ihre Mutter hineingeboren wurde, las sie gleich drei Texte des an der Oder geborenen Lyrikers Klabund. Dieser Einstieg erwies sich als passend, da Klabund in seiner Widersprüchlichkeit für den gesellschaftlichen Wandel dieser Zeit steht. Anfangs wie die Mehrheit des deutschen Volkes von den Kriegsunternehmungen begeistert, wandelte sich der Autor zum radikalen Gegner, dessen Haltung sich auch in dem eindrucksvollen Text „Die Briefmarke auf der Feldpostkarte“ wiederspiegelte. Im Laufe des Abends durchwanderte sie literarisch den Zweiten Weltkrieg, streifte den Mauerbau, um schließlich mit dem Schweizer Autor Martin Suter in der Gegenwart anzukommen. Dieser beschäftigte sich in seinem Text mit der Rolle des modernen Mannes zwischen Manager und Familienvater. Musikalisch begleitet wurde Frau Wied von den Musikern Manuel Munzlinger (Oboe, Gitarre) und Hawo Bleich (Piano). Einfühlsam vorgetragen, wirkte jedoch die Auswahl der Stücke ein wenig beliebig, da sie nicht unbedingt die jeweilige Zeit reflektierten. So mutete es schon ein wenig seltsam an, dass als Eröffnungsstück ausgerechnet eine Melodie ausgewählt wurde („Spanish Flea“), die aus den 60ern stammt und bekannt wurde als Titelstück einer amerikanischen Datingshow.

FAZIT: Ein wenig wackelig zeigte sich auch die literarische Reise durch die Zeit. Das lag nicht an Frau Wied selbst, die es schaffte, durch ihren lebendigen Vortrag den Abend sehr kurzweilig zu gestalten. Vielmehr drückte sich das in den zunehmend größer werdenden Zeitsprüngen aus. So ging es vom Mauerbau in wenigen Minuten zum Mauerfall, dann hin zum modernen Mann. RAF, Friedensbewegung oder Globalisierung verschwanden indes im Wandel der Zeit.