OB-Wahl 2026: Es ist noch nicht vorbei
In der Stichwahl werden die Karten neu gemischt
Nach dem ersten Wahlgang zur OB-Wahl 2026 sieht es danach aus, als würde Stephanie Lohr ab 1. Januar 2027 neue Oberbürgermeisterin von Worms. Aber trotz eines komfortablen Vorsprungs von knapp 1.000 Stimmen gegenüber Timo Horst, ist der Drops noch nicht gelutscht. Das Zünglein an der Waage werden die 4.270 Wähler von Frank Senger (AfD) und Ali Kesler (FDP), die im zweiten Wahlgang nur noch auf Timo Horst (SPD) oder eben Stephanie Lohr (CDU) zurückgreifen können. Derweil hat die AfD Worms ihren Wählern die Empfehlung ausgesprochen, Stephanie Lohr zu wählen.
Mit einem Ergebnis von 44,1% im ersten Wahlgang liegt die OB-Kandidatin der CDU vor Timo Horst, der 40,5% erreichte. In konkreten Zahlen ausgedrückt, konnte Lohr 1.017 Wähler mehr für sich begeistern. War das also schon eine Vorentscheidung für die Stichwahl am 27. September? Tatsächlich gibt es alleine aus diesem Jahr zwei aktuelle Beispiele, bei denen eine vermeintlich klare Entscheidung in der Stichwahl noch gekippt ist. Bei der OB-Wahl in Regensburg im März 2026 lag Astrid Freudenstein (CSU) im ersten Wahlgang mit 37,5 % klar vorne, Thomas Burger (SPD) kam nur auf 19,1 %. In der Stichwahl drehte Burger das Ergebnis komplett und gewann mit 53,5 zu 46,5%. Auch bei der OB-Wahl in München im März dieses Jahres lag Dieter Reiter (SPD) mit 35,6 % vor Dominik Krause (Grüne) mit 29,5 %. In der Stichwahl zwei Wochen später gewann dann Krause mit 56,3 %, Reiter kam auf 43,7 %. Es ist also keineswegs unwahrscheinlich, eine vermeintlich aussichtslose Wahl noch zu drehen. Hinzu kommt, dass in der Stichwahl naturgemäß eine niedrigere Wahlbeteiligung als beim ersten Wahlgang herrscht. Bei der OB-Wahl in Worms am 13.09. war die Wahlbeteiligung mit 44,1 % bereits bescheiden und dürfte in der Stichwahl noch weiter sinken. Die einen bleiben zuhause, weil sie denken, dass Lohr ohnehin schon durch ist, die anderen, weil sie Horst den Umschwung nicht mehr zutrauen.
Alte Wähler bei der Stange halten, neue Wähler gewinnen
Somit darf der Fokus der beiden Spitzenkandidaten nicht nur darauf liegen, die bereits gewonnenen Anhänger zu einem erneuten Kreuzchen zu bewegen. Insbesondere für den aktuell zurückliegenden Timo Horst gilt es, neue Wählergruppen zu erschließen. Mit rund 27.000 Wahlberechtigten, die dem Wahlaufruf bisher nicht folgten, ist das Feld groß. Die Frage ist allerdings, ob diese Gruppen überhaupt zu einem Wahlgang zu bewegen sind? Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass die Wahlbeteiligung besonders in Bezirken mit einem hohen migrantischen Anteil sehr schwach war. Sollte es gelingen, ein Interesse zu wecken, könnte die türkischen Gemeinde, die größte Gruppe in Worms mit Migrationshintergrund, am 27.09. eine nicht unwichtige Rolle spielen.
Ebenso müssen sie im Lager der AfD und der FDP nach neuen Wählern suchen, nachdem deren OB-Kandidaten Frank Senger (AfD) mit erzielten 13,1% und Ali Kesler (FDP) mit 2,2% bei der Stichwahl nicht mehr zur Verfügung stehen. Immerhin handelt es sich um 4.270 potentielle Wähler, die als Zünglein an der Waage nur noch zwischen zwei Kandidaten entscheiden können – wenn sie denn auch im zweiten Wahlgang von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen. Bei der FDP dürfte traditionell eher eine Nähe zur CDU bestehen. Die Frage ist nur, ob Ali Kesler klassische FDP-Wähler generieren konnte oder ob ein Großteil der 620 Stimmen aus seiner kurdischen Community stammten? Bleiben als größtes Zünglein an der Waage die immerhin 3.650 Wähler des AfD-Kandidaten.
Wohin tendieren die AfD-Wähler?
Geht man nach dem bundesweiten Trend, so sind ein Großteil der AfD-Wähler ehemalige Stammwähler der Altparteien SPD und CDU. Allerdings fiel bei der Wormser OB-Wahl auf, dass in den AfD-Hochburgen wie Worms-Nord, Karl-Marx-Siedlung oder Neuhausen auch Timo Horst ein achtbares Ergebnis erzielte. Tatsächlich stand in den letzten fünf Jahren auch eher Stephanie Lohrs Dezernate, für die sie als Bürgermeisterin zuständig ist, im Mittelpunkt der Kritik. Wenn man nach den Kommentaren in den Sozialen Medien geht, so sind es vor allem die folgenden Probleme, die von AfD-Wählern am dringendsten angesehen werden: Sicherheit und Ordnung, Sauberkeit in Worms und Innenstadtentwicklung (inkl. Kritik an „Worms wird wow“). Nun bei der Stichwahl ausgerechnet die dafür zuständige Dezernentin als neue Oberbürgermeisterin zu wählen, würde die vorherige Argumentation ad Absurdum führen. Zudem war die CDU, und speziell die Politik von Bundeskanzler Friedrich Merz, immer wieder Zielscheibe von verbalen Attacken von Seiten der AfD im Wormser OB-Wahlkampf. Allerdings gilt es hier zu betonen, dass es sich bei der Oberbürgermeisterwahl um ein rein kommunales Ereignis handelt, bei dem der neue OB sich letztlich mit den Folgen der Bundespolitik auseinandersetzen muss, egal welcher Partei er oder sie angehört.
Erneute Unterstützung für Horst und ein zweifelhaftes Geschenk für Lohr
Dennoch war es überraschend, als bereits einen Tag nach der OB-Wahl die Empfehlung der Wormser AfD an ihre Wähler erfolgte, bei der anstehenden Stichwahl, Stephanie Lohr zu wählen, da diese die „bessere der beiden verbleibenden Optionen“ sei. Zwar betont die AfD die politischen Unterschiede zur CDU, die weiterhin bestehen würden, dennoch empfehlen sie ihren Wähler die CDU-Kandidatin. Den Grund für die Ablehnung gegenüber Timo Horst nannte die AfD ebenfalls: „Wir wollen zudem die SPD aus dem Oberbürgermeisteramt fernhalten, deren Kandidat von den Grünen und anderen linken Gruppen unterstützt wird.“ Unterstützung erfuhr Timo Horst indes erneut von Bündnis 90/Die Grünen Worms. In einer Pressemitteilung, die am Dienstag nach der Wahl veröffentlicht wurde, bekräftigen sie ihre Unterstützung. Ausschlaggebend seien nach wie vor die großen inhaltlichen Schnittmengen (u.a. Schulsanierungen, Kita-Ausbau, ÖPNV, bezahlbares Wohnen nebst einer nachhaltigen Entwicklung der Stadt).
Mehr als nur Programme
In weniger als zwei Wochen entscheidet sich, wer in das Büro des Oberbürgermeisters im zweiten Stock des Wormser Rathauses einziehen wird. Auch wenn die beiden verbliebenen Kandidaten Lohr und Horst sich inhaltlich in vielen Punkten ähneln, so sind sie in ihrer Persönlichkeit gänzlich unterschiedliche Typen. Da wiederum die Oberbürgermeisterwahl in erster Linie eine Persönlichkeitswahl ist, entscheiden die Wähler nicht nur über Programme, sondern auch darüber, für welche Stadt die zu wählende Person zukünftig stehen wird. Für die beiden Kandidaten stehen jetzt aber erstmal herausfordernde, intensive Tage bis zum 27.09. bevor.
Fotos: Timo Horst/ SPD Worms und Stephanie Lohr / CDU Worms
Beobachtungen zur Stichwahl von: Frank Fischer, Dennis Dirigo












