Sieht so Zustimmung aus?

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Auch der neue Entwurf für ein „Haus am Dom“ steht in der Kritik

Wie groß die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der durch die Medien suggerierte Meinung manchmal sein kann, zeigt aktuell die Debatte um den neuen Entwurf vom „Haus am Dom“. Während man sich von Seiten der Domgemeinde bestätigt sieht in seinem Kompromissvorschlag, sprechen Leserbriefe in der Tageszeitung und die Meinung vieler im Privatleben eine ganz andere Sprache. Zu allem Überdruss hat sich die Kirche dann auch noch einen Betrugsvorwurf gegenüber der Bürgerinitiative erlaubt, der keinesfalls mit „im Eifer des Gefechts“ begründet werden kann. Dazu war diese Attacke zu perfekt platziert und sollte ein schlechtes Licht auf diejenigen werfen, die bisher sauber und mit stichhaltigen Argumenten für einen freien Blick auf den Wormser Dom gekämpft hatten.

Insgesamt 14.452 Unterschriften wurden gesammelt,
hinzu kommen noch 2183 namentlich genannte
Unterstützer über das Internetportal AVAAZ.
Der Vorwurf des Verwaltungsrats der Domgemeinde war also eine
glatte Lüge, um Andersdenkende öffentlich zu diskreditieren.

Gut zehn Monate ist es her, seit eine Welle der Ablehnung der Wormser Bürger über die Domgemeinde hereinbrach. Der Grund war der Siegerentwurf des Architekturbüros Springer & Jacoby aus Berlin, das den regionalen Architektenwettbewerb für ein „Haus am Dom“ gewonnen hatte. „Zu groß“, „zu wuchtig“, „an der falschen Stelle“ waren häufig gehörte Argumente und das warf die generelle Frage auf, warum man ein derartiges Gebäude an dieser exponierten Stelle bauen will, das nicht nur einen Teil des Doms verdeckt, sondern alleine schon wegen seiner Dimensionen überhaupt nicht an diesen Platz passen will? Da konnte die Domgemeinde noch so oft argumentieren, dass man dringend einen neuen Gemeindesaal braucht und gerne im Erdgeschoss einen Kirchenshop mit Postkarten, Souvenirs oder Büchern/Broschüren integrieren würde. An der grundsätzlichen Ablehnung änderte dies jedoch nichts, obwohl die Kirche auf ihrem Grundstück eigentlich bauen kann, was sie möchte, solange sich das Gebäude an die Gesamtumgebung anpasst. Dass die Domgemeinde dann doch eingeknickt ist und angekündigt hat, dass man einen neuen Entwurf präsentieren werde, der die Kritikpunkte vieler Bürger berücksichtigt, hatte mit der massiven Ablehnung, übrigens auch in den eigenen Reihen, zu tun.

Gute Vorarbeit
Als es nun darum ging, der Öffentlichkeit den neuen Entwurf für ein „Haus am Dom“ unterzujubeln, da galt offensichtlich als oberster Grundsatz, keinesfalls die beim ersten Mal gemachten Fehler zu wiederholen. Der Präsentation vorangegangen war eine Stellungnahme von Oberbürgermeister Kissel, der als Jurymitglied bereits den ersten Entwurf präferiert hatte und nun darüber schwadronierte, dass Architektenwettbewerbe das bestmögliche Verfahren darstellen, um „zu guten architektonischen und städtebaulichen Lösungen und für diese Aufgaben qualifizierten Architekten zu kommen.“ Eine Aussage, die doch ein wenig verwundert, in Anbetracht der Welle der Entrüstung, die über die Verantwortlichen hereingebrochen war, nachdem man den Gewinner des Architektenwettbewerbes präsentiert hatte. Geschmack kann manchmal eben doch eine ziemlich objektive Angelegenheit sein. Kurz vor der Präsentation des neuen Entwurfs am 8. November ließ der OB noch schnell verbreiten, dass die der Stadtverwaltung angegliederte „Untere Denkmalpflegebehörde“ die Denkmalschutzzone um unseren mächtigen Kaiserdom festgelegt habe. Da verwunderte es nicht, dass kurz danach der neue Entwurf vorgestellt wurde, der genau diese Kriterien berücksichtigt hatte. Aber nicht nur der OB hatte glänzende Vorarbeit geleistet, auch die Wormser Zeitung berichtete vorab über das neue Modell, das intern auf große Zustimmung gestoßen sei. Kissel, Stadtplaner Guido Fronhäuser und die staatliche Denkmalpflege nickten den Entwurf ebenfalls ab und tatsächlich schienen die Fakten auf einen echten Kompromiss zwischen „wir brauchen dringend einen Gemeindesaal“ und „da soll gar nix hin“ hinzudeuten. Keine Wohnungen mehr, somit ein Geschoss weniger, der Abstand zur Nikolauskapelle von drei auf sechs Meter gewachsen und ein Satteldach mit steiler Dachneigung. Wie Domprobst Engelbert Prieß noch einmal ausdrücklich betonte, wollte man bei der Präsentation nach der Sonntagsmesse im Liobahaus mit den neuen Plänen vor allem „überzeugen“. Auch sonst war alles generalstabmäßig geplant, um die gleichen Wormser, die vor knapp acht Monaten zu gefühlt 90% dieses Monstrum am Dom abgelehnt hatten, doch noch davon zu überzeugen, dass sie ein „Haus am Dom“ akzeptieren.

Die Präsentation
Dementsprechend wurde zur Präsentation alles beigekarrt, was einen Umschwung bei den Schäfchen herbeiführen könnte, selbst so mancher Bischof mit müden Beinen, der kaum noch gehen konnte, musste Überzeugungsarbeit leisten. Aber die wichtigste Erkenntnis aus dem offensichtlichen PR-Desaster Anfang des Jahres war wohl, dass diesmal auf die Darstellung eines Fotos aus der gleichen Fußgängerperspektive wie der erste Entwurf, der sogar auf der Titelseite unserer Februar-Ausgabe gelandet war, verzichtet wurde. Denn man kann es drehen und wenden wie man will: Auch durch den neuen Entwurf wird der Blick auf den Dom erheblich beeinträchtigt. Sieht man das auf einem Baukasten, wirkt es halt niedlicher. Da zudem die Vorstellungskraft vieler bereits am Gartenzaun ihres Nachbarn endet, hätten die meisten vermutlich erst aufbegehrt, wenn die ersten Bagger schon längst angerückt wären. Zwar wirkt das neue Gebäude auf den ersten Blick kleiner, jedoch hat sich an der Verdeckung des Doms nur wenig geändert, zumal das sehr hohe Steildach die Höhe des Flachdachs des alten Siegerentwurfs sogar noch übersteigt. Aber obwohl bei der Präsentation auch kritische Stimmen zu hören waren, hätte das Echo der örtlichen Medien kaum euphorischer ausfallen können. Wormser Zeitung und Nibelungenkurier berichteten übereinstimmend – vermutlich aufgrund der sachdienlichen Hinweise des Domprobstes – dass das Pendel umgeschlagen sei und die Leute nun frohlocken würden: „Ja, so kann’s gebaut werden…“ Um auch jeden Zweifel zu beseitigen, dass man damit genug Kompromissbereitschaft gezeigt hat und das Ding jetzt auch genau so gebaut wird, schob Domprobst Prieß in Anbetracht der gestiegenen Baukosten auf nunmehr 4,5 Millionen Euro eiligst hinterher: „Die Entscheidung für einen Neubau ist damit auch eine Entscheidung für einen verantwortungsvollen Umgang mit den finanziellen Mitteln.“ (WZ vom 08.11.2013).

Und im sicheren Gefühl des Triumphes?
Dann ist der Kirche ein Fauxpas unterlaufen, der sich wie ein roter Faden durch ihre lange Geschichte zieht. Wenn man seine Gegner nicht mit Argumenten bezwingen konnte, hat man in der Vergangenheit gerne mal die Diffamierungskeule rausgeholt. Als Dr. Gregor Hess vom Verwaltungsrat der Domgemeinde, taktisch klug gewählt pünktlich zur Präsentation des neuen Entwurfs, öffentlich erklärte, dass man die angeblich 15.000 Unterschriften der Bürgerinitiative nachgezählt habe und nicht einmal auf 10.000 gekommen wäre, war das nicht nur ein unterschwelliger Betrugsvorwurf. Wer so etwas öffentlich behauptet, der ruft damit laut von seinem Podium herunter: „Außerdem seid ihr Betrüger!!“ Und es ist in diesem Land, glücklicherweise, unerheblich, ob jemand von der Kirche oder ein einfacher Mann des Volkes jemanden öffentlich diffamiert – in Deutschland wird „üble Nachrede“ mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer empfindlichen Geldbuße bestraft. Um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, übergab die BI „Kein Haus am Dom“ daraufhin die gesammelten Unterschriften an Notar Dr. Martin Scheugenpflug, der nach Durchsicht der Blätter attestierte, dass insgesamt 14.452 Unterschriften eingegangen seien, hinzu kommen noch 2183 namentlich genannte Unterstützer über das Internetportal AVAAZ. Der Vorwurf des Verwaltungsrats der Domgemeinde war also eine glatte Lüge, um Andersdenkende öffentlich zu diskreditieren.

Wie geht’s weiter?
Die Erhaltung des „freien Blicks auf die Südfassade des Doms“ ist also das eindeutige Mandat von 16.635 dokumentierten Unterschriften. Eine beindruckende Zahl, der sich auch die Kirche nicht verschließen kann, geschweige denn der Wormser Stadtrat, der in seiner öffentlichen Sitzung vom 4. Dezember 2013 über eine Veränderungssperre und einen möglichen Bebauungsplan diskutieren wird. Auch wenn Oberbürgermeister Kissel das Projekt wohl mit allen Mitteln durchboxen will, bleibt es mit Hinweis auf die im Mai 2014 stattfindenden Stadtratswahlen spannend. Schließlich befinden wir uns in einer Zeit, in der Politiker auffällig oft das machen, was sich die Mehrheit der Bürger wünscht. Nein, ich rede nicht etwa von Weihnachten, sondern vom Wahlkampf…