Kommt der eigentliche Skandal erst im Nachgang?

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Eigentlich hatten die Vertreter der Dombaugemeinde diesmal alles richtig gemacht. Eigentlich. Bis ihnen allem Anschein nach ein Fehler unterlaufen ist, der leider symptomatisch für die bisherige Geschichte der Katholischen Kirche ist.

Man hatte verzichtet auf die Darstellung eines wuchtigen Fotos, zudem noch aus der Froschperspektive, denn auch der neue Entwurf sieht vor, dass der Dom nicht unerheblich zugebaut wird. Sieht man das auf einem Baukasten, wirkt es halt niedlicher. Da zudem die Vorstellungskraft vieler bereits am Gartenzaun ihres Nachbarn endet, hätten die meisten Wormser sowieso erst aufbegehrt, wenn die ersten Bagger schon längst angerückt wären. Auch sonst war alles generalstabmäßig geplant, um die gleichen Wormser, die vor mehr als einem halben Jahr zu gefühlt 90% dieses Monstrum am Dom abgelehnt hatten, doch noch davon zu überzeugen, dass sie ein „Haus am Dom“ akzeptieren. Erst wochenlang gewartet, bis das Thema aus dem Fokus der Leute verschwunden war und zeitweise tatsächlich kein Hahn mehr danach gekräht hatte. Dann kurz vor der Präsentation noch schnell über den OB, der natürlich mit dem neuen Entwurf prima leben kann, verbreiten lassen, dass die der Stadtverwaltung angegliederte „Untere Denkmalpflegebehörde“ die Denkmalschutzzone um unseren mächtigen Kaiserdom festgelegt habe, bevor dann – schwuppdiwupp – ein neuer Entwurf da war, der genau das berücksichtigte. Außerdem: Keine Wohnungen mehr, somit ein Geschoss weniger, der Abstand zur Nikolauskapelle von drei auf sechs Meter gewachsen und ein Satteldach mit steiler Dachneigung. Alle Kritikpunkte beseitigt, die Zustimmung der Wormser konnte kommen…

Und dann erst die Präsentation…
Da wurde alles beigekarrt, was einen Umschwung bei den Schäfchen herbeiführen könnte, selbst so mancher Bischof mit müden Beinen, der kaum noch gehen konnte, musste Überzeugungsarbeit leisten. Und ja tatsächlich, auch ich habe den neuen Entwurf im ersten Moment für „okay“ gehalten. Nicht mehr ganz so wuchtig, hier und da noch nachbesserungswürdig, aber zumindest mal so etwas wie ein Kompromiss aus „wir brauchen dringend einen Gemeindesaal“ und „da soll gar nix hin“. Auch das öffentliche Echo, zumindest das, was über die örtlichen Medien kolportiert wurde, hätte kaum euphorischer ausfallen können. Wormser Zeitung und Nibelungenkurier berichteten übereinstimmend – vermutlich aufgrund der sachdienlichen Hinweise des Domprobstes – dass das Pendel umgeschlagen sei und die Leute nun frohlocken würden: „Ja, so kann’s gebaut werden…“ Um auch jeden Zweifel zu beseitigen, dass man damit genug Kompromissbereitschaft gezeigt hat und das Ding jetzt auch genau so gebaut wird, schob Domprobst Prieß in Anbetracht von Baukosten in Höhe von 4,5 Millionen Euro eiligst hinterher: „Die Entscheidung für einen Neubau ist damit auch eine Entscheidung für einen verantwortungsvollen Umgang mit den finanziellen Mitteln.“(WZ vom 08.11.2013).

Und im sicheren Gefühl des Triumphes?
Dann ist der Kirche allem Anschein nach ein Fauxpas unterlaufen, der sich wie ein roter Faden durch ihre lange Geschichte zieht. Wenn man seine Gegner nicht mit Argumenten bezwingen konnte, hat man in der Vergangenheit gerne mal die Diffamierungskeule rausgeholt. Als Dr. Gregor Hess vom Verwaltungsrat der Domgemeinde, taktisch klug gewählt pünktlich zur Präsentation des neuen Entwurfs, mal eben öffentlich erklärte, dass man die angeblich 15.000 Unterschriften der Bürgerinitiative nachgezählt habe und nicht einmal auf 10.000 gekommen wäre, war das nicht nur ein unterschwelliger Betrugsvorwurf. Wer so etwas öffentlich behauptet, der ruft damit laut von seinem Podium herunter: „Außerdem seid ihr Betrüger!!“ Und es ist in diesem Land, glücklicherweise, unerheblich, ob jemand von der Kirche oder ein einfacher Mann des Volkes jemanden öffentlich diffamiert – gilt doch in Deutschland bei „übler Nachrede“: „Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist, wird, wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

BI wehrt sich
Die Bürgerinitiative hat sich entsprechend empört über die Vorwürfe geäußert und ist bei einer eigenen Nachzählung auf 14.445 Unterschriften gekommen, im Internet wurden über „Avaaz“ noch einmal 2.183 Stimmen gesammelt. Um zu klären, wer nun wirklich Recht hat, wurden die Aktenordner mit den Originalunterschriften nun an Notar Dr. Martin Scheugenpflug zur Überprüfung übergeben. Wenn die Nachprüfung des Notars ergibt, dass der Verwaltungsrat der Domgemeinde durch seine Äußerung das Bild vermittelt hat, dass die BI aus Lügnern und Betrügern besteht, die mit falschen Zahlen operiert hat, wäre dies der eigentliche Skandal in dieser ganzen Angelegenheit. Und es steht zu befürchten, dass die zuvor so gute Öffentlichkeitsarbeit der Domgemeinde mit einem Mal zunichte gemacht wäre. Auch ich war bis heute einer derjenigen, die den neuen Entwurf womöglich stumm durch gewunken hätten. Gibt der Notar allerdings der BI Recht, werde ich ab morgen mit aller Entschiedenheit gegen den neuen Entwurf sein. Denn wenn jemand mit derart harten Bandagen kämpft und auch vor Betrugsvorwürfen nicht zurückschreckt, um Unterstützung aus der Bevölkerung zu erhalten, sollte man ihm die Stirn bieten.