Vom Unsinn des Schenkens

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Dieses Mal muss ich mit Protesten meiner Leser rechnen, da ich an „geheiligten“ Traditionen rüttele. Und gehört sich das, an Altgewohntem zu kritisieren? Doch lesen Sie erst mal ganz ruhig zu Ende, bevor Sie meine Gedanken und mich selbst verdammen!

Zur Sache: Wort und Begriff „schenken“ sind wahrscheinlich in frühen Zeiten dadurch entstanden, dass man beispielsweise einem durstigen Wandersmann an einem heißen Tag mit viel Staub in der Luft, einen Becher mit kühlem Brunnenwasser „einschenkte“. Das war seinerzeit oft fast ein lebenserhaltenes (!) Geschenk. Bekanntlich kann der Mensch, ohne zu essen, eine Woche oder etwas länger überleben, jedoch ohne zu trinken, kaum zwei Tage. Wie Sie jetzt schon erkennen können, war solch ein einfaches Geschenk von Sinn und Nutzen. Anders als heute, wo jemand aus der Wohlstandsetage, einem Anderen, dem es ebenfalls blendend geht, ein Präsent macht, und das meist aus bloßer Gewohnheit und, weil das heute so üblich ist. Gewohnheiten oder aus bloßer Pflicht getan, entwerten jede Gabe. Bestand einmal der Sinn des Schenkens darin, einem Armen oder Bedürftigen wirklich zu helfen, obwohl man selbst nicht überreichlich hatte, ist es heute mehr oder minder zu einer langweiligen Tauschaktion verkommen. Und eine reine Freude dabei ist die große Ausnahme. Hierin sehe ich eine Verarmung der zwischenmenschlichen Beziehung, gerade bei denen, die sowieso schon alles haben.

Unsinn ist, zu schenken, nur um zu schenken.
Unsinn ist, einen Sommerartikel zu Weihnachten zu schenken.
Unsinn ist, die Weihnachtsgans für den Vegetarier.
Unsinn ist, wenn der Arme den Reichen beschenkt.
Unsinn ist, wenn beide sich beschenken zum gleichen Preis.
Unsinn ist, wenn sie ihm vorwirft, dass er weniger ausgelegt hat als sie.
Unsinn ist, aus Verlegenheit das Erstbeste zu kaufen und zu schenken.
Unsinn ist, wenn ich von drei Leuten das Gleiche geschenkt bekomme.
Unsinn der Weihnachts-Schenkerei zeigt sich am „Tag danach“ – bei der großen Umtauschaktion.

Ich muss mit dem Aufzählen enden. Es könnte zu lang und zu langweilig werden. Zurückkommen aber will ich zu meiner damaligen Aussage, wonach in unserer heutigen Gesellschaft zu viele nicht wirklich erwachsen werden wollen, was auch z.T. für ältere Personen zutrifft. So kleben etliche noch immer an kindlichen Illusionen, wie z.B. das „liebe Christkindlein“. Ferner wollen sie wenig von harten Tatsachen wissen und tun alles, um jegliche Frustration zu vermeiden. Im festen Beharren am nur Angenehmen, kommen sie unmöglich zu einer nötigen Reife. Somit ist ihr Verbleiben in der unteren Etage der Einkommen und der geistigen Entwicklung gesichert.

Schon einer der bedeutenden Humboldtbrüder sagte einmal, dass der Mensch viel mehr von Gefühlen, als von Vernunft und Geist getrieben würde. Und deshalb habe ich wenig Hoffnung, dass es bei dem üblichen Rummel, „alle Jahre wieder“, mal einen fortschrittlichen Wandel geben könnte. Den Einsichtigen und Belehrbaren möchte ich jedoch Mut und Kraft wünschen, auf dass sie wenigsten im Kleinen zu vernünftigen Denk- und Verhaltensweisen gelangen. Dann bleibt nur noch das Schlusswort, das ich abermals meinem „Kronzeugen“, Wilhelm Busch, überlasse. Er meint:

Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.

Ich aber wünsche allen ungewöhnlich (!) schöne Weihnachten,

Ihr Heinz Dierdorf