Wie wir es versäumten, die Welt zu retten

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Fridays for Future und der Klimawandel

Es ist kurz vor 10 Uhr an diesem kühlen, aber sonnigen Freitag Mitte September. Verteilt auf dem Auxerrerplatz westlich vom Hauptbahnhof stehen überall kleine Menschengruppen, während weitere auf den Platz zusteuern. Die meisten kommen zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Die Stimmung ist gut. Manche halten Transparente hoch, auf denen Sprüche wie „Es gibt keinen Planeten B“ oder „Laufen ist gesund, Flugzeug fliegen nicht“ stehen. Der Grund: An diesem Freitag, den 20.09., sollen parallel zum Klimagipfel der UN weltweit Streiks im Namen des Umweltschutzes stattfinden. Angemeldet haben die Organisatoren von Fridays for Future für diese Demonstration in Worms 250 Teilnehmer, am Ende sind es 600 Schüler und Erwachsene, die gemeinsam auf die Straße gehen.

WOHER KOMMT FRIDAYS FOR FUTURE UND WAS SIND DIE ZIELE?

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Bewegung, die als globales soziales Phänomen ihren Anfang in Schweden nahm und kurz darauf auch nach Deutschland schwappte, wo es seitdem stark polarisiert. Allein in Deutschland gingen an diesem 20. September rund 1,4 Millionen Menschen auf die Straßen, um von der Politik mehr umweltpolitisches Engagement einzufordern. Initiiert wurde die Schülerbewegung von der nicht minder umstrittenen Schwedin Greta Thunberg, die inmitten des Rekordsommers 2018 erstmals am 20. August mit ihrem Schulstreik mediale Aufmerksamkeit erregte, als sie sich mit einem Transparent („Schulstreik für das Klima“) vorm schwedischen Reichstag platzierte. Schon ab November breiteten sich die Schulstreiks auch in anderen Ländern aus, ab Dezember erreichte der Protest Deutschland. Haupforderung der Bewegung, die alle 14-Tage freitags auf die Straße geht, ist, dass die Weltgemeinschaft das auf der Weltklimakonferenz in Paris 2015 beschlossene Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, einhält. Dazu müssen aber drastische Maßnahmen erfolgen. Derzeit warnt die Wissenschaft, dass es eher danach aussieht, dass sich die Erde bis im Jahr 2100 um drei bis vier Grad erwärmen wird. Wer bereits jetzt unter den vergangenen Spitzenwerten der letzten Sommer litt, kann davon ausgehen, dass zukünftige Sommer auch in Rheinhessen zum Glutofen werden können. Weitere Ziele sind der Kohleausstieg bis 2030 (derzeitig plant die Regierung den Ausstieg bis 2038), sowie eine Energieversorgung aus 100 Prozent regenerativen Energiequellen bis 2035. Hierbei stellen sie die Bedingung, dass diese Forderungen sozial verträglich gestaltet werden müssen und dass sie keinesfalls einseitig zu Lasten von Menschen mit geringem Einkommen gehen dürfen. Fridays for Future Worms macht sich zusätzlich für einen kostenlosen ÖPNV für sozial schwache Einkommensgruppen und Schüler stark, den Ausbau des Radwegenetzes und betont, dass ihre Generation das Konsumverhalten ändern müsse. Forderungen, die kommunal gar nicht so abwegig sind. Tatsächlich sieht auch der von SPD und CDU formulierte „Worms Plan“ zugunsten der Umwelt den Ausbau von Radwegen und Fahrradstraßen sowie die Förderung des ÖPNV vor. Oberbürgermeister Kessel und die Fraktionen glauben allerdings in E-Bussen, einer höheren Taktung der Fahrten und freundlicheren Busfahrern den Schlüssel zur besseren Akzeptanz gefunden zu haben. Insgesamt erscheinen die wenigen Forderungen, die von den Schülern formuliert werden, gar nicht so abwegig und dennoch erfahren sie durch vermeintlich aufgeklärte Erwachsene eine Ablehnung, die oft pubertäre Züge trägt. Aber warum reagiert ein Teil von uns Erwachsenen so vehement auf unseren Nachwuchs?

GRETA, EIN OPFER VON „LINKSFASCHISTEN“?

Besonders hartnäckige Leugner des menschgemachten Klimawandels sehen in diesem ein vorgeschobenes Szenario von „Linksfaschisten“, die der Menschheit diktieren wollen, dass wir nur überleben können, wenn wir wieder in die Steinzeit zurückkehren und auf jegliche Annehmlichkeiten des Lebens verzichten. Die gefährlichste Waffe, die diese „linksgrün versifften“ Gesellen haben, soll ausgerechnet ein sechzehnjähriges Mädchen namens Greta Thunberg sein. Scheinbar mitfühlende Menschen machen sich dann plötzlich über den emotionalen Missbrauch durch ihre geldgierigen Eltern und eben linksfaschistischen Unternehmern Gedanken und betonen, dass das arme Mädchen fremdgesteuert sei, während sie das arme Mädchen und die gesamte Fridays for Future Bewegung verächtlich als luxusverwöhnte Schulschwänzer beschimpfen. Man könnte das alles ignorieren, wenn diese bedenkliche Form der Ablehnung nicht bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen wäre. Die Fakten, gerade in Bezug auf die Fremdsteuerung Greta Thunbergs, sprechen letztlich eine andere Sprache und bestätigen nicht die Verschwörungsszenarien, die immer wieder gestreut werden. Natürlich wurden auch zahllose Journalisten auf das Phänomen Thunberg aufmerksam und begannen zu recherchieren. Dass Gretas Eltern in Schweden keine Unbekannten sind, sollte mittlerweile hinreichend bekannt sein. Auch ist es kein Geheimnis, dass sie kurz nach dem Beginn ihres Streiks in dem Unternehmer Ingmar Rentzhog einen mächtigen Unterstützer fand, der sich auch bereits für Al Gores Klimaaktivitäten engagierte. Aber rechtfertigt das bereits den Vorwurf der Fremdsteuerung? Eher weniger! Greta Thunberg stellt auch keine expliziten Forderungen, außer der, dass die Politik beginnen soll, die Erkenntnisse der Klimaforscher ernst zu nehmen. Eine Forderung, die nicht verkehrt sein kann, wenn rund 97 Prozent aller Klimaforscher betonen, dass es für uns Menschen problematisch wird, wenn wir es nicht schaffen, den Anstieg der Temperaturen zu begrenzen und aufhören, unsere Umwelt zu belasten. Unlängst wurde bekannt, dass sie mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wird, weil sie den Mächtigen der Welt die Wucht des Klimawandels vor Augen führt wie keine Zweite.

SCHULSCHWÄNZER ODER EIN KAMPF FÜR DIE ZUKUNFT?

Den Schülern, die für alle zwei Wochen auf die Straßen gehen, wirft man vor allem inbrünstig die versäumten Schulstunden vor. Dass aufgrund von unbesetzten Lehrerstellen deutlich mehr Stunden ausfallen, interessiert die Kritiker indes nicht. Die Wormserin Isabell Lieffertz, die eines der Wormser Fridays for Future-Gesichter ist, ergänzt zu diesem Vorwurf trocken:

„Wenn die Temperaturen weiter in den Sommermonaten so ansteigen, werden wahrscheinlich noch viel mehr Stunden wegen Hitzefrei ausfallen!“

In diesen Tagen machten einzelne besorgte Wormser auch auf den finanziellen Schaden für die Allgemeinheit, den diese Demonstrationen verursachen, aufmerksam, denn schließlich wird der Menschenzug von Polizeibeamten und Ordnungsbehörde begleitet. Das ist natürlich der Fall, aber wenn man die Einsatzkosten mit denen eines durchschnittlichen Fußballspiels vergleicht, könnte man wahrscheinlich ein Jahr „FfF“ – Demonstrationen durchführen und hätte immer noch Reserven. Aber warum streiken unsere lieben Schüler nicht in den Ferien? Zwar streikte der Wormser Ableger auch in den Ferienzeiten, aber mit deutlich weniger Teilnehmern. Ist das verwunderlich? Eigentlich nicht. Auch normale Arbeitsstreiks finden in der Regel während der Arbeitszeit statt und auch Arbeitnehmer scheuen zumeist eine Streikbeteiligung während Urlaubszeiten. Ein Beispiel gefällig? Als Verdi einen Streik des Öffentlichen Dienstes ausrief, diskutierte man in einer Einrichtung des DRK, ob man sich daran beteiligt. Als klar wurde, dass der Streik während der Schließzeit dieses Betriebs stattfinden würde, sagte man die Unterstützung ab. Natürlich ist es der Sinn eines Streiks, darauf aufmerksam zu machen. Das gelingt eben nur, wenn man einen üblichen Ablauf stört – und das ist nun mal am Wochenende und in den Ferien nicht gegeben. Ganz nebenbei muss man, wenn man den Marsch durch Worms mal begleitet hat, anerkennen, dass auch dies für die Schüler eine Form des Lernens ist. Neben der sozialen Kompetenz miteinander für ein Ziel zu kämpfen, gehört es zumindest auch zu den Aufgaben der Verantwortlichen, den Überblick zu behalten, zu organisieren, Reden zu schreiben etc. Früher wurde kritisiert, dass unsere Jugend zu unpolitisch sei, heute möchte man ihnen jegliche Kompetenz absprechen, wenn sie genau das tun. Was nun bitte?

KÖNNEN 97 PROZENT IRREN?

Die Wetterphänomene in Deutschland, auch in Worms, gewinnen an Heftigkeit, dennoch sind diese weit davon entfernt, was wir uns unter einem Weltuntergangsszenario, in Verbindung mit dem Klimawandel, vorstellen. In Film und Fernsehen ging die Erde mit viel Brimborium schon unzählige Male unter, so oft, dass wir uns eine subtilere Form des Untergangs gar nicht mehr vorstellen. Der Klimawandel ist letztlich ein abstraktes Phänomen, das womöglich in der Zukunft greift, aber aktuell Skeptiker dazu verführt, die Fakten zu ignorieren und stattdessen zu erklären, dass es heftige Wettersituationen schon immer gab. Das führt direkt zu der nächsten Aussage, dass sich das Klima auf der Erde schon immer änderte. Der Klimawandel ist längst zur Glaubensfrage geworden, bei der man gefühltes Wissen vor belegtes Wissen stellt. Dass 97 Prozent den menschengemachten Wandel bestätigen, scheint Skeptiker nicht zu jucken, schließlich könnten die anderen 3 Prozent Recht haben und dann hätten wir einfach viel Rauch um nichts gemacht. Aber lassen Sie uns eine kleine, komplett unwissenschaftliche Frage stellen. Sie sitzen in der Sendung „Wer wird Millionär?“. Sie haben nur noch den Publikumsjoker. 97 Prozent des Publikums stimmt für Antwort C, die restlichen für die Antwort A. Wem würden Sie glauben? Ein oft angeführtes Argument ist, dass es Klimaveränderungen schon immer gab. Natürlich unterlag das Klima immer wieder Schwankungen. Forscher können allerdings belegen, dass die Geschwindigkeit, mit der das Klima sich verändert, deutlich zugenommen hat. Was früher über tausend Jahre dauert, geschieht aktuell innerhalb von Jahrzehnten. Die Erde produziert auf natürlichem Weg bereits CO2. Zu diesen Mengen addiert sich schließlich noch der CO2 Ausstoß, den wir produzieren. Klimasimulationen zeigen hierbei eindrücklich, dass es ohne das menschliche Wirken derzeit deutlich kälter wäre.

WARUM SO VIEL ANGST?

Es ist die Angst vor der Zukunft, aber nicht die vor der Veränderung des Klimas, sondern vor der Änderung unseres Lebensstils. Im Laufe der Jahrzehnte haben wir uns als Gesellschaft eingerichtet in einem angenehmen Leben, in dem wir vor allem unseren Konsum selbstbestimmen können. Klimawandel und entsprechende Gesetze suggerieren aber genau das Gegenteil. Die Liste der Ängste ist lang. Kein Auto mehr, nicht mehr regelmäßig in den Urlaub fliegen, Verzicht auf den Genuss von Fleisch oder einfach eine immense Verteuerung des Lebens. Der Kampf gegen den Klimawandel wird auch gerne gleichgesetzt mit der Vernichtung von Arbeitsplätzen. Letztlich wird Umweltschutz in Deutschland vielerorts mit Einschränkungen und dem Verlust von Lebensqualität gleichgesetzt. Es ist aber auch die Ohnmacht diesem Thema gegenüber, von dem sich viele mittlerweile wegen dessen Omnipräsenz auch genervt fühlen. Eine typische Reaktion ist dann, dass wir in Deutschland sowieso nicht die Welt retten können und bereits genug für den Umweltschutz tun. Nein, Deutschland wird natürlich nicht die Welt retten und tatsächlich unternimmt man hier bereits ziemlich viel. Seit Jahren sinken die CO2-Emissionen um 27,5 Prozent. Dennoch liegt die Bundesregierung hinter den selbstgesteckten Zielen, die CO2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent zu senken, zurück. Da hilft auch nicht der Verweis darauf, dass seit der Zielvereinbarung die Bevölkerung gewachsen ist. Fakt ist, das Klima stieg seit der industriellen Revolution bis heute in Deutschland um 1,5 Grad an, weltweit um 1 Grad – und das kann nicht gesund sein!

EIN WORMS-PLAN FÜR DEN UMWELTSCHUTZ UND EIN KLIMAPAKET, DAS NIEMAND BEGEISTERT

Es ist wohl der größte Verdienst der Schülerbewegung, dass es Fridays for Future gelang, das Thema Klimawandel und Umweltschutz deutlich stärker in den Fokus der Politik zu rücken. Aber was tut die Politik konkret, was macht Worms dahingehend? Die Stadt Worms hat bereits vor einiger Zeit offiziell den Klimawandel anerkannt. Auf der Homepage gibt es unter der Rubrik „Umwelt und Landwirtschaft“ umfangreiche Infos, u.a. das „Konzept zur Anpassung an den Klimawandel“. Im Mittelpunkt steht die Reduzierung des Energieverbrauchs. Ziel ist es, die CO2-Emissionen in Worms alle fünf Jahre um 10 Prozent zu reduzieren. Das Konzept weist auch Prognosen zur Wetterentwicklung in der Nibelungenstadt aus. Zukünftig ist mit einer Zunahme der extremen Hitzeperioden zu rechnen, genauso wie mit Starkregen Vorfällen. Zusätzlich bietet die Stadt immer wieder öffentliche Veranstaltungen an. Dazu gehört die Energiekarawane sowie die alternative Städtetour Standwandeln oder die Energie- und Baumesse. Auch der „Worms-Plan“ beschäftigt sich auf fünf Seiten mit den Themen Umwelt/Klima/Natur und Artenvielfalt. Der Plan sieht u.a. vor, dass den Themen Klima- und Artenschutz mehr Aufmerksamkeit eingeräumt wird. Außerdem soll der ÖPNV gestärkt werden. Für die Innenstadt möchte man eine Verkehrsberuhigung erwirken und betont, dass es aber für die Autofahrer zu keinen Verboten kommen wird, allerdings soll dem Radverkehr mehr Bedeutung zugestanden werden. Der Bund hat sich indes auf ein Klimapaket geeinigt, dass dieser parallel zur deutschlandweiten Protestaktion von Fridays for Future am 20. September präsentierte. Vor der Sommerpause kündigte Angela Merkel „disruptive Veränderungen“ an. Wie wir heute wissen, bleiben diese erstmal aus. Für Kritiker ist es ein Minipaket, das mutlos sei. Man wirft der Regierung vor, dass man den größten Streitpunkt, den CO2-Preis, offenbar auflösen möchte, indem die Regierung einen geringen Einstiegspreis wählt und nötige Verschärfungen in ein noch zu berufendes Gremium auslagert, das die erreichten Einsparungen überprüfen und bei der Bepreisung „nachsteuern“ soll. Die Regierung wiederum verteidigt sich, dass man alles Nötige getan hätte, um einen weiteren Temperaturanstieg zu verhindern. Etwas, was Klimaforscher nicht erkennen können. Wir dürfen gespannt sein!

Fazit: Egal, ob wir leugnen, skeptisch oder einfach nur gleichgültig sind – die Welt befindet sich im Wandel und aktuell scheinen wir noch die Möglichkeit zu haben, etwas daran zu ändern. Umweltschutz bedeutet, dass wir natürlich unser Leben verändern müssen. Veränderung heißt aber nicht, dass es zwangsläufig negativ sein muss. Die Gesellschaft unterlag im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Entwicklungsprozessen. Warum sollten wir nun den Zenit dieses Prozesses erreicht haben, sodass wir einfach nur noch am Status Quo unseres vermeintlichen Wohlstands interessiert sind? Die jungen Menschen, die derzeit weltweit auf die Straßen gehen, haben Recht und auch Greta liegt richtig, wenn sie die Politik kritisiert, was beileibe nichts mit linken Verschwörungsszenarien zu tun hat. Vielmehr sollte man darüber nachdenken, warum Einzelne sich so massiv gegen wissenschaftliche Erkenntnisse wehren. Rendite und der eigene Wohlstand waren schon immer ein gutes Argument, alles andere unterzuordnen. Leider reagiert unser Ökosystem offenbar sehr empfindlich auf die Ausbeutung, die stetiges Wachstum bringen soll. Um dies zu erkennen, muss man noch nicht mal besonders „links versifft“ sein!