Satire des Jahres

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Die Terence-Hill-Brücke

In einer Stadt, in der man die „Brunhildenbrücke“ nur als „Kriemhildenbrücke“ kennt und wo man das größte Veranstaltungshaus „Das Wormser“ nennt, verwundert es nicht, wenn der Volksmund ein als „Karl-Kübel-Brücke“ vorgesehenes Bauwerk mal eben in „Terence-Hill-Brücke“ umtauft. Wobei vor dem Volksmund erst noch Peter Englert kam – Döftels-Sänger, Schauspieler, WO! Kolumnist & verlagseigenes Mädchen für alles und nicht zuletzt Moderator des legendären Backfischfestblogs.

In jenem Backfischfestblog hatte Englert Oberbürgermeister Kissel ein Jahr zuvor zu mitternächtlicher Stunde das Versprechen entlockt, ihn zur Einweihung der neuen Fußgängerbrücke über die B9 einzuladen. Per Handschlag besiegelt, gefilmt und anschließend via FACEBOOK und YOUTUBE ausgestrahlt. Als dann Ende August 2016 die Einweihung anstand, musste ein völlig geschockter Englert erfahren, dass diese ohne ihn stattfinden und auf den Namen „Karl-Kübel-Brücke“ erfolgen sollte. Der Moderator des Backfischfestblogs verfolgte den OB mit seinem Kamerateam und sprach ihn ganz unverblümt auf sein gebrochenes Versprechen an, woraufhin Kissel entgegnete, dass nur Honoratioren der Stadt, die nicht dem Alkohol zusprechen würden, eingeladen wären. Dem vollkommen verdutzten Englert gegenüber legte der OB verbal nach: „Ihr steht doch schon wieder unter Strom.“ Der überzeugte Veganer, Antialkoholiker und Gesundheitsapostel Engert konnte das natürlich nicht auf sich sitzen lassen und weihte die neue Brücke kurzerhand eine Stunde vorher selbst ein – auf den zunächst merkwürdig anmutenden Namen „Terence-Hill-Brücke“. Dann lud er das Video bei FACEBOOK hoch, entschwand zu den Bad Hersfelder Festspielen und konnte in den folgenden Stunden nicht einmal ansatzweise ahnen, welche Welle sein Team da losgetreten hatte. Das Video mit der Brückeneinweihung hatte nach wenigen Tagen bereits mehr als 80.000 Aufrufe und wurde in rasanter Geschwindigkeit von den Nutzern geteilt. Die einen Tag vor Beginn des Backfischfestes veröffentlichte Erklärung zu der ungewöhnlichen Namensgebung entwickelte sich zur meistgelesenen Meldung des Jahres 2016 auf unserer WO! Facebook-Seite. Als es nämlich darum ging, einen möglichst absurden Namen zu finden, erinnerte man sich an die Geschichte vom Bud-Spencer-Bad. Vor fünf Jahren hatte Schwäbisch-Gmünd sein Schwimmbad nach dem im letzten Jahr verstorbenen Bud Spencer benannt, weil der dort 1951 bei einem Länderkampf als Carlo Pedersoli ein paar Bahnen für Italien geschwommen hatte. Auch was Terence Hill angeht, besteht eine Verbindung zu Worms. In den Jahren 1966 und 1967 entstand der Spielfilm-Zweiteiler „Die Nibelungen“, aus dem die beiden Filme „Siegfried von Xanten“ (1966) und „Kriemhilds Rache“ (1967) resultieren. In beiden Filmen spielte als Giselher ein gewisser Mario Girotti mit, der Jahre später als Terence Hill große Erfolge an der Seite von Bud Spencer feierte. Da er im Zuge des Nibelungenfilms sogar persönlich zu einer Autogrammstunde im Roxy-Kino war, dürfte diese Begründung wohl absurd genug sein, eine Brücke in Worms nach ihm zu benennen. Weil der Westernheld zudem niemals sein Wort brechen würde, sollte der neue Name als Mahnmal täglich daran erinnern, wie wichtig Verlässlichkeit im allgemeinen Miteinander ist. Danke Kissel!!!

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Jetzt wurden sogar die sonst eher als Spaßbremsen bekannten Wormser Medien auf die Sache aufmerksam. Am Backfischfestsamstag fand ein Flashmob mit knapp 300 Leuten statt, die standesgemäß mit Transparenten und selbst gebastelten Schildern das neue Brückenwerk feierten, vorbeigehende Festbesucher machten Selfies mit dem extra angefertigten Eisenschild oder dem Westernhelden „persönlich“, der als Pappkamerad auf der Brücke aufgebaut war. In der Folge wurden auch Radiosender wie FFH oder Radio Regenbogen auf die Terence-Hill-Brücke aufmerksam und luden Englert in ihr Studio ein, um darüber zu berichten. Der Döftels-Sänger bescherte der Stadt Worms mit dieser absurden Geschichte um eine schnöde Fußgängerbrücke, die im Übrigen nur nach bereits verstorbenen Personen benannt werden darf, wochenlange Aufmerksamkeit und eine perfekte Steilvorlage für die nächste Fastnachtskampagne 2017.