Gemeinsam dem Regen getrotzt

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Konzertkritik „Niedeckens BAP“ (Sonderkonzert im Rahmen von „Jazz & Joy“)

11. August 2019 | Marktplatz Worms:

Am Ende applaudierten sich beide Seiten gegenseitig. Die Band zollte dem Publikum Respekt fürs Ausharren trotz anfänglichem Regen, die Besucher wiederum feierten „Wolfgang Niedeckens BAP“ geradezu frenetisch für einen fast dreistündigen Auftritt, der kaum Wünsche offen ließ.

Als pünktlich um kurz nach halb sieben die erste Takte von „Drei Wünsch frei“ ertönten, da hatte es auf dem Wormser Marktplatz gerade angefangen, sich so richtig einzuregnen. Dementsprechend galt der erste bange Blick von BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken Richtung Himmel, der unaufhörlich seine Schleusen öffnete. Beim Blick ins Publikum erwartete ihn ein buntes Farbenmeer aus Regencapes und Schirmen, das so gar nicht nach Partystimmung aussah. Aber bereits bei der zweiten Nummer „Waschsalon“ – irgendwie passend zum Wetter – zeigten die 2.500 Besucher, dass sie in erster Linie zum Feiern gekommen waren. Die Kölner Band ist zum ersten Mal mit einem dreiköpfigen Bläsersatz auf Tournee, den Frontmann Wolfgang Niedecken nach seinem Mitwirken bei „Sing meinen Song“ (VOX) direkt vom TV-Set für die anstehende „Live & Deutlich“- Tour verpflichtet hat. Und das tut den meisten Songs richtig gut. Zum Beispiel den nachfolgenden „Psycho-Rodeo“ oder „Widderlich“, das, mit 26 Jahren Verspätung, diesmal an die AfD gerichtet wurde und mit Bläserunterstützung kraftvoller denn je wirkte. „Diss Naach ess alles drin“ aus dem Jahr 1984 erlebte die beste Liveumsetzung, seit es den Song gibt. „Nix wie bessher“ mobilisierte die Massen auch bei Regen. Nach dieser starken ersten halben Stunde wurde es in der Folge musikalisch mitunter etwas seichter. „Anna“ oder „Ruut-wieß-blau-querjestriefte Frau“ aus der Frühphase der Band gehörten in der Vergangenheit schon oft zum Liveprogramm, wirkten aber auch diesmal verzichtbar. Dafür verzauberten „Rita wir zwei“ und vor allem „Do kanns zaubere“ die Besucher auch bei Regen. Das Wetter wirkte sich auch auf den sonst so plauderfreudigen Wolfgang Niedecken aus, der in der ersten Konzerthälfte bei den Ansagen allenfalls Akzente setzte. Der kluge Entertainer weiß natürlich, dass man ein Publikum bei strömendem Regen nicht unbedingt mit ellenlangen Ansagen bei Laune hält. Aber mit Hits natürlich, denn die gab es reichlich. „Aff un zo“ verbreitete Reggae-Stimmung auf dem Marktplatz und passte perfekt zum nachlassenden Regen, den Klassiker „Wellenreiter“ durfte das textsichere Publikum sogar ganz alleine singen. Dazwischen wirkten Songs jüngeren Datums, wie „Jebootsdaachspogo“, „Et ess wie‘t ess“ oder auch „Dausende von Liebesleeder“, wie klassische Lückenfüller. Dagegen wurde ein „Oldie“ wie „Frau, ich freu mich“ geradezu frenetisch abgefeiert. Dass BAP aber auch in den letzten beiden Jahrzehnten gute Songs hervorgebracht haben, zeigten in der Folgezeit das eindringliche „Absurdistan“ oder das orientalisch angehauchte „Vision von Europa“, vor dem Niedecken daran erinnerte, dass die Rettung von Ertrinkenden eine Menschenpflicht ist. „Wir haben vergeblich gehofft, dass wir die Nummer irgendwann nicht mehr spielen müssen“, leitete das Finale mit dem gewohnt düsteren „Kristallnaach“ ein. Beim folgenden „Arsch huh, Zäng ussenander“ wurde Niedecken konkreter: „Und immer schön den Arsch hoch kriegen gegen Rassismus!“ Nach diesem musikalischen Plädoyer für Menschenrechte und gegen Rassismus war nach zwei Stunden Spielzeit erst mal Schluss. Mit einem Mix aus risikosicheren Hits und einigen wenigen neueren Songs hatten BAP wieder einmal das Publikum auf ihre Seite gezogen, dessen Gemütszustand mit zunehmender Konzertdauer von anfänglicher Skepsis (wegen des Wetters) in pure Euphorie (wegen des Konzerts) umgeschlagen war. Dabei sollte die Zugabensause erst noch los gehen. Bereits die ersten beiden Zugaben „Nemm mich met“ und „Alexandra, nit nur do“ riefen Begeisterungsstürme auch bei den Fans hervor, die seit mindestens 20 Jahren kein BAP-Album mehr gekauft haben. „Stell dir vüür“ aus dem allerersten BAP-Album von 1979, live mittlerweile ein Klassiker, beendete mit einer imposanten Balkan-Polka zum Ende des Songs den ersten Zugabenblock. Das romantische „Paar Daach fröher“ eröffnete den zweiten Zugabenblock, gefolgt von dem unvermeidlichen, aber natürlich auch in Worms euphorisch abgefeierten „Verdamp lang her“. Da das Publikum danach erst so richtig heiß gelaufen war, konnte unmöglich Schluss sein. Und so durften sich Publikum und Band noch ein letztes Mal in den Arm liegen (bildlich gesprochen!) und zusammen die Kölner Kopf-hoch-Hymne schlechthin, „Jraaduss“, schmettern. Nach fast drei Stunden Spielzeit war um kurz vor halb zehn endgültig Schluss.

Fazit: Was für ein großartiger Abschluss von „Worms: Jazz & Joy 2019“!