Heute schon gelebt?

, , Kommentar schreiben

Diese Frage mancher moderner Psychologen wirkt zunächst flapsig und albern. Doch, wer nicht allzu oberflächlich eingestellt ist, kommt leicht drauf, dass es lohnen könnte ernsthaft über die Frage nachzudenken. Mich stört die häufige Antwort: „Man lebt“. Das ist doppelt schlecht, denn sie ist nichtssagend und wirkt ziemlich pessimistisch. Außerdem wird mit diesen knappen Worten Wesentliches n i c h t gesagt. Nämlich: Wie lebt derjenige denn? Ob er nun gut oder schlecht lebt, ist ein maximaler Unterschied.

Der Dichter und Denker Bert Brecht sagt: „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.” Aber wie viele leben denn wirklich im Wohlstand? Kann keiner behaupten, dass die Mehrheit in Luxus und Zufriedenheit lebt!

Als jemand, für den die Sprache mehr ist als nur Mittel zum Zweck, fallen mir so verräterische Worte und Begriffe auf, wie „Zeit-Vertreib“ und die „Zeit totschlagen“! Muss noch gesagt werden, dass hier zutiefst Lebensfeindliches zum Ausdruck kommt? Das Vertreiben von Zeit steht schließlich im totalen Widerspruch zur oft beklagten Kürze unserer Lebenszeit!

Eine schlimme Entwicklung zeigt sich darin, dass die Arbeit zum Selbstzweck geworden ist und höher gewertet wird als der Mensch. Ihr Sinn und Nutzen wird nicht mehr hinterfragt. Ich aber frage auch Sie, ob es gut und richtig ist, wenn man seine Zeit immer mehr bloß noch ver-ar-bei-tet? Als damals die Maschinen aufkamen, sollten die Menschen angeblich von vieler und schwerer Arbeit weitgehend befreit werden. Doch was wurde wirklich daraus? Zwar wurde die Arbeitszeit in der Regel wesentlich verringert, jedoch müssen Millionen von Menschen heute härter und intensiver arbeiten als je zuvor. Hinzu kommt, dass Überarbeitung und böse Folgekrankheiten, wie Burn-out und Depressionen, Millionen von Menschen plagen.

Der ehemalige vernünftige Grundsatz „arbeiten, um zu leben“ gehört der Vergangenheit an. Dafür ist stillschweigend der Gegensatz vorherrschend, indem recht viele leben, um zu arbeiten. Und die gigantisch gestiegene Produktivität kommt den wenigsten unter der arbeitenden Bevölkerung zugute. Damit nicht genug: Für etliche wurden die Einkommen sogar noch gekürzt. Von „Lebensqualität“ ist nur noch selten zu hören. Dafür ist der Begriff „Krise“ zur meistgebrauchten Vokabel geworden. Und der Mensch ist schließlich zum „Humankapital“ verkommen. Besonders schlimm wirkt auf mich, dass derlei Negativentwicklungen wenig oder keinen Protest mehr auslösen!

Ich muss hier mit dem Aufzeigen von Negativem enden, zumal die Medien darüber täglich genug informieren. Dafür sollen positive und lustige Dinge jetzt folgen.

Scherzfrage:
„Was ist die Philosophie der Spengler und Installateure?“

Antwort:
„Das Leben ist eine Klosettröhre: Man macht viel durch.“

Weniger lustig, aber dafür positiv aufbauend, jetzt mein Wahlspruch:
„Die Welt ist interessant, jedoch nur für Interessierte.”

Was können wir daraus lernen? – „Interesse“ ist ein besonders interessanter Begriff. Seine wörtliche Bedeutung (lat.) ist: „dabei sein“, wobei zu ergänzen wäre „aktiv“. Hier wäre fortzufahren: wirklich AKTIV zu leben. Ich halte das für viele als besonders wichtig, da m.E. nur aktives Leben lebenswert sein dürfte. Nur so kommt man zu echten Er-leb-nis-sen. Diese wiederum schützen uns vor anhaltender und verbreiteter Langeweile. Da ist das Wort „man wird gelebt“ das erschreckende Gegenteil.

Und noch ein nützlicher Wahlspruch aus eigenem Repertoire:
„Trost schafft vor allen Dingen Ritter Götz von Berlichingen.”

Kommen wir zum Schluss und zu einem Fazit! Wenn Sie heute noch nicht gelebt haben, dann schieben Sie es nicht auf morgen und übermorgen! Alles, was etwas werden soll, packen Sie es noch heute an! – Die meisten Schwierigkeiten werden umso kleiner, je fester man sie anpackt und auch seine verborgenen Kräfte entdeckt und einsetzt.

Glück auf!
Ihr Heinz Dierdorf