Mehr Demokratie wagen!

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Das sollte auch für die Domgemeinde gelten

Kardinal Lehmann lässt Umfragen bei seinen Mitgliedern durchführen, um herauszufinden, warum der katholischen Kirche die Schäfchen in Scharen davonlaufen, und kommt zu dem Ergebnis, dass eine tiefe Kluft zwischen den Katholiken im Bistum Mainz und ihrer Kirche besteht, weil die meisten vollkommen anderer Meinung sind, was Themen wie Homosexualität, Empfängnisverhütung und den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen angeht. So viel Mitspracherecht verwundert bei einer Institution, die sich im Laufe ihrer Geschichte wissenschaftlichen Erkenntnissen genauso kategorisch verschlossen hat wie der Meinung seiner Mitglieder und stattdessen stets seinen eigenen, manchmal kruden Weg gegangen ist. Umso mehr Bonuspunkte könnte die Domgemeinde aktuell in Worms sammeln, wenn man dem Vorschlag von Jens Guth folgen und seine Mitglieder über den ebenfalls umstrittenen zweiten Entwurf für ein „Haus am Dom“ abstimmen lassen würde. Es reicht nun mal nicht, den Vertretern der regionalen Presse wochenlang ins Notizbuch zu diktieren, dass nun „alle“ mit dem neuen Entwurf leben könnten, getreu dem Motto: den Rest an fehlender Zustimmung besorgt die WZ mit ihrer Berichterstattung. Aber genau das ist halt die Quintessenz: Wer, außer dem Vorstand der Domgemeinde und der Mehrheit aus SPD/CDU im Wormser Stadtrat, ist denn überhaupt für ein „Haus am Dom“? Kann man notariell bestätigte 16.000 Unterschriften von Leuten, die sich gegen eine Bebauung auf der Südseite aussprechen, einfach so wegdiskutieren? Wenn angeblich alle dafür sind, warum finden sich dann so gut wie keine Befürworter unter den Leserbriefschreibern der WZ? Trotz all dieser offenen Fragen bedeutet Demokratie in der praktischen Umsetzung aber auch, dass man zwar als mündiger Bürger alle paar Jahre ein Kreuz auf einem Stimmzettel machen darf – dann ist es aber erst mal wieder vorbei mit der Demokratie, liegt doch alle Macht fortan bei den von uns gewählten Volksvertretern. Und die haben offensichtlich nicht auf die Stimme der Bürger gehört. Dafür könnte aber die Domgemeinde zeigen, dass sie das Demokratieverständnis von Kardinal Lehmann verinnerlicht hat. Mit einer Befragung ihrer angeblich knapp 5000 Mitglieder – ein bürokratischer Aufwand, der sich in Grenzen halten sollte – könnte man auf Nummer sicher gehen, dass man wenigstens in den eigenen Reihen eine Mehrheit hat, schließlich sind nicht wenige Mitglieder der Domgemeinde auch dem Bündnis „Kein Haus am Dom“ beigetreten. Bevor man spätestens mit dem ersten Spatenstich weitere Kirchenaustritte erlebt, mit denen die katholische Kirche in den letzten Jahren reichlich Erfahrung sammeln konnte, wäre ein Mitgliedervotum vielleicht die sinnvollere Lösung. Sollten die Mitglieder zustimmen, dann soll es wohl so sein, dass Worms eine weitere Bausünde erhält, über die man sich die nächsten 200 Jahre ärgern darf. Ein teurer Preis, wenn die Wormser doch dafür endlich die Große Koalition aus SPD und CDU im Wormser Stadtrat abwählen…