Mit den Nibelungen auf die Psychocouch

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Aufführung „Gemetzel“ im Rahmen der Nibelungen Festspiele 2015

Als ich anfing, mich Mitte März mit den Nibelungen Festspielen 2015 zu beschäftigen, waren diese noch weit entfernt. Vier lange Monate, in denen ich recherchierte, schrieb und mit zahlreichen Personen vor und hinter den Kulissen der Festspiele sprach. Eine Zeit, in der ich mich sehr intensiv mit dem Stück auseinandersetzte. Sie fragen, warum ich ihnen das erzähle? Weil ich Sie auffordern möchte, meiner ganz persönlichen subjektiven Sichtweise des Stückes zu folgen – und die ist natürlich ebenso geprägt von den Erfahrungen der Monate zuvor.

Wer sich mit Schauspielern, dem Regisseur, dem Autor und dem Intendanten trifft, erfährt nicht nur etwas über die Ideen dieser Menschen, sondern man spürt auch ihre Leidenschaft und wie sie für das Stück brennen. Problematisch wird es, wenn man irgendwann beginnt, eine eigene Vorstellung von dem Stück zu entwickeln. Dann entstehen mitunter Erwartungen, die zumindest bei mir enorm waren. Ich schätze Nico Hofmanns Verdienste um den deutschen Film sehr, bewundere Albert Ostermaiers Gespür für Sprache und dessen Humor und Thomas Schadts nüchterne Klarheit. Und dann waren da die Schauspieler, wie die großartige Judith Rosmair, bei der die Begeisterung geradezu spürbar war, Alina Levshin, die ebenso scheu wie neugierig wirkte oder der Musiker Jan Zehrfeld, der Musik nicht nur macht, sondern auch lebt. Menschen, denen man anmerkt, dass sie überzeugt sind, von dem was sie tun. Nach Monaten der Vorbereitungen und des Probens kam schließlich der Moment, an dem „Gemetzel“ erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Für mich also der Moment, in dem ich über das Gesehene urteilen musste. Letztlich ist eine Kritik eine bloße Behauptung, die den Beweis schuldig bleibt. Sie ist die subjektive Sichtweise des Schreibers, der über sein persönliches Erleben berichtet. Im Falle von „Gemetzel“ war dies eine ambivalente Erfahrung, denn als ich nach der Medienprobe das Festspielgelände verließ, machte sich ob des Gesehenen erst mal Ratlosigkeit breit. Ich war irritiert, ein wenig enttäuscht, aber vor allem nachdenklich. Im Geiste ließ ich noch einmal die Worte des neuen Nibelungentrios Revue passieren. Abgrenzen wollte man sich von den Inszenierungen des Dieter Wedel, es sollte kein Spektakel werden und man verkündete, dass man die Festspiele auf ein neues Qualitätslevel hieven wollte. Große Worte und Aussagen, an denen man sich messen lassen muss. Doch war der Auftritt eines motorisierten Batmans, gleich zu Beginn des Stückes, nicht so etwas wie Spektakel? Oder die artistischen Einlagen, die nicht wirklich Bezug zum Inhalt hatten, aber durchaus eindrucksvoll gerieten. Das Problem ist gar nicht mal, dass sich Regisseur Thomas Schadt doch nicht den einen oder anderen Gimmick verkneifen konnte, sondern dass sich diese Elemente wie Fremdkörper in der ansonsten sehr ambitionierten Inszenierung anfühlten, die zuweilen eher an ein Kammerspiel erinnerte als an großes Open Air Theater. Dasselbe galt für die Band Panzerballett. Was sie spielten, war auf musikalisch außerordentlich hohem Niveau, korrespondierte hervorragend mit den Tänzern, aber auch dies wirkte, als wäre es ein zusätzlicher Effekt, um das Publikum von Ostermaiers tiefgründiger Ernsthaftigkeit abzulenken, die sich mit einer bleiernen Schwere über den makellosen Sommerabend legte. Gerade Ostermaiers enormer Anspruch, die Nibelungen quasi neu zu entdecken, erwies sich im Laufe des Abends als größtes Problem. Ostermaier ist zweifellos ein talentierter Autor, der geradezu akrobatisch mit der Sprache umzugehen weiß. Dabei hatte er seine Botschaften, die er transportieren wollte, immer fest im Blick. Zuweilen wirkte das Stück jedoch, als würde es unter der Last dieser Ansprüche kurz vorm Zusammenbruch stehen. Statt sich auf ein Thema zu fokussieren, wollte Ostermaier alles. Antikriegsstück, ein Stück über den Zusammenprall der Kulturen, es sollte eine Reflexion über Mythos und Wahrheit sein, über die Frage „was ist ein Held?“. Über falsch verstandene Treue und nicht zuletzt auch ein Stück über sexuelles Begehren; ein Thema, das erstaunlich viel Platz in dem zweieinhalbstündigen Epos einnahm. Sigmund Freud hätte an diesen Nibelungen seine helle Freude gehabt. Bei Ostermaier war der übermächtige Hagen kein dunkler Fiesling mehr, auch wenn Schadt ihn als dunklen Ritter mit Batman Attitüden inszenierte. Auch war er kein Machtstratege, wie ihn einst Moritz Rinke in den ersten Festspielinszenierungen charakterisierte. Bei Ostermaier war Hagen ein geradezu um Vergebung bettelnder Mann, der aus seinem Begehren für Kriemhild keinen Hehl machte und sogar zum Schutzpatron des jungen Ortlieb avancierte, während im Original Nibelungenlied Hagen den jungen Königsspross von Etzel und Kriemhild kurzerhand um einen Kopf kürzer macht. Max Urlacher, mit Perücke und Batman Kluft, machte das Beste daraus und spielte diesen bettelnden Hagen dennoch kraftvoll, gelegentlich ein wenig zu sexuell dominant.

Überhaupt waren es die Schauspieler, die das Stück davor bewahrten, unter diesem enormen Anspruch zu kollabieren. Vor allem die zierliche Judith Rosmair wusste mit eindrucksvoller Präsenz zu begeistern. Man spürte geradezu physisch ihren Hass, ihre Verbitterung, wie sie ein Leben lebt, das ausschließlich dazu dient, den Tod ihres Geliebten Siegfried zu rächen. Es war dann auch am Schluss ein kluger Einfall Ostermaiers, Kriemhild nicht sterben zu lassen, sondern sie in die Verbannung zu schicken, wo sie mit der Schuld, die sie sich aufgeladen hat, leben muss. Ganz nebenbei dürfte sich Rosmair auf Jahre hinweg den Ruf als die definitive „Nibelungen Scream Queen“ erworben haben. Auch Catrin Striebeck konnte als selbstbewusste Brünhild gefallen, auch wenn Albert Ostermaier mit diesem Charakter offensichtlich weniger anzufangen wusste. Im Nibelungenlied kommt sie im zweiten Teil, auf dem „Gemetzel“ basierte, gar nicht vor und so wirkte diese Brünhild, die zumeist als Stichwortgeberin fungierte, wie ein weiterer Fremdkörper des Stückes. Erzählt wurde die bekannte Sage aus der Perspektive Ortliebs, was, wie Ostermaier erklärte, einen ganz neuen Blick auf die Geschichte werfen sollte. Aber auch hier war der Anspruch des Autors größer als das gezeigte Ergebnis. Im Grunde diente Ortlieb im überlangen ersten Teil vor allem als Motor, um die Geschichte Siegfrieds mit möglichst wenig Aufwand nachzuerzählen. Eigentlich eine gute Idee, allerdings verzettelte sich der Autor in Nebensächlichkeiten und der Regisseur in den bereits oben erwähnten Spektakelmomenten. Dies führte dazu, dass der erste Teil geschlagene 90 Minuten bis zur Pause benötigte. Alina Levshin, die dem Ortlieb Leben einhauchte, wirkte in ihrem Kostüm, als wäre sie gerade aus einer Peter Pan Aufführung hierher an den Dom gehüpft, was freilich keinen Einfluss auf ihr angenehm unbekümmertes Spiel hatte, dies vielleicht sogar förderte. Nach der Pause ging dann alles verhältnismäßig schnell. Da Ostermaier keine Lust am „Gemetzel“ verspürte, wie er im Vorfeld immer wieder betonte, wirkte dieses eher pflichtschuldig abgehandelt. In kurzweiligen 45 Minuten galoppierten Schadt und der Autor durch das „Gemetzel“, ließen ein paar IS Kämpfer aufmarschieren, sowie eine Brünhild als Selbstmordattentäterin (!) und es regnete schließlich ein paar hundert Totenschädel auf die Bühne. Die Burgunder Sippschaft wirkte eher wie Statisten im eigenen Stück und am Ende wählte Ortlieb den heldenhaften Freitod, was wohl angesichts dieser verkorksten Familie nicht die schlechteste Lösung war. Die diesjährige Festspielinszenierung war letztlich voll von tollen Ideen und zeigte jede Menge hervorragende Ansätze, selten wirkte sie allerdings wirklich rund. Oft kam es einem vor, als würden Schadt und Ostermaier mit der großen Bürde Freilichttheater noch fremdeln, als wüssten sie nicht, in welche Richtung sie gehen wollen. Man merkte, welch Kraftakt das Entwickeln dieses Stückes für alle Beteiligten gewesen sein muss. Nun muss man Schadt, Ostermaier und Hoffmann zugestehen, dass alle Drei mit den Nibelungen Festspielen Neuland betreten haben und die diesjährige Aufführung als die ersten Gehversuche betrachtet werden müssen. In diesem Sinne kann man optimistisch sein, dass die drei Männer – zusammen mit dem kommenden Regisseur David Nuan Callis – ihre Vision von unterhaltsamem Sommertheater mit Anspruch konsequent weiterentwickeln werden.

Fazit: Leider wirkten die Inszenierung von Thomas Schadt und das von Albert Ostermaier verfasste Stück über weite Strecken zu sperrig. Positiv muss man der Aufführung anrechnen, dass sie für enorm viel Gesprächsstoff gesorgt hat, selten wurde über ein Stück derart viel gesprochen und diskutiert. Erwähnungswert ist übrigens noch das herausragende Design der beiden Türme, die die Bühne vor dem Dom dominierten.