Nibelungensplitter

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Was die Revolution des Kindes möglich macht!
Lisa Hrdina gewinnt Mario-Adorf-Preis

Seit letztem Jahr haben die Nibelungen-Festspiele ihren eigenen Preis, den Mario-Adorf-Preis, der für außergewöhnliche künstlerische Leistungen innerhalb des aktuell aufgeführten Stücks verliehen wird.

Dotiert ist der Preis, der nach dem beliebten Schauspieler und Festspiel Mit-Initiator benannt ist, mit 10.000 Euro. Gespendet wird das Geld von dem gebürtigen Wormser Unternehmer Harald Christ, der mittlerweile in Berlin lebt. Da Künstlerpreise gerne auch mit einer künstlerisch gestalteten Statue einhergehen, gibt es zusätzlich noch eine gläserne Stele, die von der Mainzer Schott AG hergestellt und von dem Künstler Hendrik Dorgathen, ganz im Sinne der Nibelungensage, einem Drachen nachempfunden wurde. Der Preisträger wird von einer Jury ermittelt, die sich in diesem Jahr entschied, die 30-jährige Lisa Hrdina auszuzeichnen. Die Berlinerin spielte in „Überwältigung“ den fünfjährigen Ortlieb, Sohn von Kriemhild und Etzel, der übrigens in dem Stück nicht vorkommt. In der Begründung der Jury heißt es, Hrdina werfe sich „mit voller Kraft und durchaus mit vollem Risiko“ in die Rolle dieses Jungen, der entschieden gegen das ewige Morden und Töten der Erwachsenen um ihn herum aufbegehrt. Dr. Karl Rudolf Korte, Politikwissenschaftler und Jury-Mitglied erklärte zusätzlich: „Sie lässt die Zuschauer spüren, was die Revolution des Kindes möglich macht. Sie hält den Erwachsenen einen Spiegel vor. Wir können gestalten, wenn sich ein jeder nur einsetzt. Sie ist ein Motor dieser Aufführung!“ Überreicht wurde der Preis von Stefan Christ, dem Bruder des Preisgeldspenders. Hrdina bedankte sich wiederum mit einem kurzen, freudigen „Geil!“


Wie entsteht eine Zeitung?
Jugendliche gestalten Nibelungen-News

Seit diesem Jahr haben die Festspiele sogar eine eigene Zeitung, nämlich die „Nibelungen-News“. Die sind das Ergebnis eines Workshops, der wiederum im letzten Jahr zum ersten Mal stattfand.

In diesem konnten sich junge Menschen zwischen 12 und 20 Jahren anmelden, um herauszufinden, was alles notwendig ist, bis der Leser ein fertiges Magazin oder eben auch eine Zeitung in der Hand halten kann. Die jungen Redakteure besuchten hierfür auch eine echte Redaktion, in der sie sich mit Profis unterhalten konnten. Sie lernten dabei, was wichtig ist beim Verfassen eines Artikels oder der grafischen Aufteilung. Betreut wurde das Projekt von dem Autor Tobias Steinfeld, der 2017 den Publikumspreis beim Autorenwettbewerb der Festspiele gewann und mit seinem unterhaltsamen Debüt „Scheiße bauen: sehr gut“ viel Beachtung fand. Die fertige Zeitung wurde im Rahmen der Theaterbegegnungen vorgestellt und verteilt. Die vierseitige Ausgabe umfasst originelle Artikel wie „Mann tötet Drachen – Tierschützer empört“ oder „Gewaltiger Streit vor Wormser Dom“, sowie ein umfassendes Interview mit König Gunther („Ein Star wie mich trifft man nicht oft“). Ziel des Workshops war natürlich nicht nur, das handwerkliche Grundgerüst kennenzulernen, sondern auch die Teilnehmer dazu anzuregen, Nachrichten zu hinterfragen, aber auch kreativ tätig zu werden.


Hagen auf der Flucht nach Rom
3. Autorenwettbewerb der Nibelungen-Festspiele

Seit Nico Hofmann 2015 als Intendant bei den Nibelungen-Festspielen übernahm, gehört zum Kulturprogramm auch ein Autorenwettbewerb. Mit dem Förderpreis in Höhe von 10.000 Euro möchte man jungen Autoren/Autorinnen unterstützen und zugleich neue Blickwinkel auf das Nibelungenlied eröffnen. Bei dem alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerb wird zuvor ein Thema vorgegeben.

In diesem Jahr widmete sich der Wettbewerb Hagen, dem düsteren Familienbeschützer. Unter den 42 Einsendungen wurden fünf Geschichten ausgewählt, die wiederum in einer öffentlichen Veranstaltung von jungen Schauspielern in einer szenischen Lesung vorgetragen wurden. Neben dem Jury-Preis wird bei dieser Veranstaltung auch ein Publikumspreis verliehen. Das Preisgeld wird vom Freundes- und Förderkreis der Nibelungen-Festspiele e.V. vergeben. Das Publikum hatte wiederum nach den Lesungen die Möglichkeit, über den Sieger abzustimmen. Der Publikumspreis, der mit 2.000 Euro dotiert ist, ging in diesem Jahr an Eva Maria Sommersberg mit ihrer Geschichte „Eines Morgens in aller Frühe lag der Feind in meinem Bett“. Die Schauspielerin, die 2017 in der Aufführung des damaligen Jury-Preisträgers „Die Isländerin“ mitspielte, gibt in ihrer Erzählung einen Vorgeschmack darauf, wie es den Männern ergeht, wenn die Frauen nicht mehr mitspielen und sich im Schutz einer psychiatrischen Klinik daran machen, ihre Geschichte künftig selbst zu schreiben. Von der Jury einstimmig gewählt, ging der Hauptpreis an den studierten Religionswissenschaftler Matthias von den Höfel und seine Geschichte „Wind von Norden“. In der Begründung der Jury heißt es: „Van den Höfel (…) lässt Hagen genau in der Zeit leben, in der auch das Nibelungenlied spielt, erzählt mit dem Wormser Romflüchtling aber doch eine aktuelle Geschichte von Ich-Suche, Bindungslosigkeit und dem Stress eines Lebens der genussvollen Selbstoptimierung. Dann fallen die Hunnen in das kulturelle Zentrum Europas ein. Aus einem Gerücht wird Gewalt und aus Gewalt die Lust am Krieg.“ Der in Bochum geborene Autor sorgte erstmals für Aufsehen, als er mit seinem ersten Romanprojekt „Niemals still“ ein Literaturstipendiat in dem renommierten Herrenhaus der Jürgen-Ponto-Stiftung gewann. Auf van den Höfel wartet nächstes Jahr, zusätzlich zum Preisgeld, die Aufführung seines Stücks „Wind von Norden“ im Kulturprogramm der Nibelungen-Festspiele.


Die Stimmgewaltigen 18
Der Chor der Nibelungen sorgt für „Überwältigung“

Von rechts und links betreten Männer, Frauen und Kinder die Bühne und treffen sich gemeinsam in der Mitte der Bühne. Plötzlich beginnen sie, rhythmisch im Chor zu sprechen.

„Ein Flüstern im Wind, ein Summen im Laub, ein Rascheln im Gras, ein Gluckern am Fluss, ein…“ dröhnt es mit vereinter Kraft den Zuschauern entgegen. Unter der Gruppe, in der sich auch die Darsteller des Stückes befinden, sind auch 18 Laien aus der Region, die als Sprechchor das Stück begleiten. Während es unter Wedel normal war, Kleindarsteller aus der Region zu besetzen, fand diese Praxis in der Ära Hofmann bisher keine Anwendung. Das sollte sich für das Stück „Überwältigung“ ändern. Bereits im März suchten die Nibelungen- Festspiele Kleindarsteller für einen Chor. Dieser „verbindet im kollektiven Sprechakt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, hieß es in der Pressemeldung. 18 Männer und Frauen wählte man aus, darunter Personen wie Astrid Frisch-Balonier, Rudolf Böss oder David Zerfaß, die bereits in der Wedel’schen Vergangenheit Bühnenerfahrung bei den Festspielen sammeln konnten. Ende Mai ging es los mit den Chorproben unter der Leitung der erfahrenen Chorleiterin Christine Groß. Zahllose Stunden verbrachten sie damit, den richtigen Rhythmus für Thomas Melles Worte zu finden. Viele anstrengende, aber auch spannende Stunden. Zweifellos gehörten sie zu den Highlights der diesjährigen Aufführung. In höchsten Tönen von den Schauspielern gelobt, schwärmten auch die stimmgewaltigen 18 von der Zeit, als sie 14 Tage lang vor jeweils 1.300 Menschen auftraten. Gäbe es den Mario-Adorf-Preis für die beste Ensembleleistung, hätte der Sprechchor diesen auf jeden Fall verdient.