Die Bilanz der Nibelungen Festspiele 2019:

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Stimmige Zahlen, kontroverse Meinungen

Sie sind vorbei, die Festspiele 2019. Hinter Worms liegen zwei Wochen, in denen unsere beschauliche Nibelungenstadt mal wieder viel mediale Aufmerksamkeit erfuhr. Egal, ob in Form von Kritiken, TV Beiträgen, Berichten in der Bild-Zeitung zur Premiere oder einem Stream des diesjährigen Festspielstücks „Überwältigung“ in der Mediathek von 3Sat (verfügbar bis zum 19. Januar 2020) – die Festspiele sind längst ein deutschlandweit beachtetes Ereignis.

AUSVERKAUFTE FESTSPIELE UND EIN BLICK IN DIE PRESSELANDSCHAFT

Neben der Besetzung mit Schauspielstar Klaus Maria Brandauer, sorgte wohl auch das überschwängliche Lob für „Siegfrieds Erben“ im letzten Jahr dafür, dass die Festspiele bereits zwei Wochen vor der Premiere von einem „überwältigenden Ticketverkauf“ sprechen konnten. Lediglich Restkarten aus zurückgegebenen Kontingenten konnten noch angeboten werden. Das Stück selbst sorgte im Anschluss dann weniger für Überwältigung, sondern spaltete die Zuschauer und auch die Presse in zwei Lager. Die einen fühlten sich intellektuell inspiriert ob der Fragestellungen, die Autor Melle in dem Stück aufwarf, die anderen bemängelten die verkopfte Inszenierung. Die FAZ stieß sich vor allem an Melles Sprache: „Sein Text hält diesem hohen Anspruch, dass Sprache eben alles vermöge, nicht stand, wenn er gerade in der gebundenen Rede bisweilen gezwungen, ungeschickt und hilflos erscheint, als wollte der Autor fortwährend ein hohles Pathos der Haltung in der passenden Diktion darstellen. Andere Passagen, etwa Hagens und Gunthers Sinnieren über die Irritation des Fremden in Siegfried oder in der eigenen Person, reihen eine verbrauchte Phrase an die andere.“ Die Zeit urteilte: „Im Prinzip verfolgt der Dramatiker Thomas Melle hier eine gute Idee. (…) Das Problem dabei ist nicht nur, dass Melle sich von seinem Assoziationsreichtum ständig hinreißen lässt zu Pathos und schiefen Metaphern; …“ Der Frankfurter Rundschau fehlte schlicht eine erzählerische Wucht: „Dass sich Melle nicht auf eine zu gravitätische Lesart einlassen will, ehrt ihn, dem langen Abend fehlt es dadurch jedoch beträchtlich an Wucht und Schrecken. Wo die Wucht auftritt – im endlich von innen beleuchteten Dom, während es dunkel wird, oder zu den aufwendig züngelnden Schlangenvideos (Tilo Baumgärtel, Moritz Grewenig), um den Sex nicht originell, aber wirkungsvoll zu bebildern –, geht sie weitgehend ins Leere. Das gilt auch für die an sich traumhafte Besetzung der zentralen Frauenfiguren: Kathleen Morgeneyers Kriemhild und Inga Buschs Brünhild müssen geradezu aneinander vorbeispielen, während Moritz Groves Gunther wenigstens einen großartigen Monolog bekommt.“ Spiegel Online fand: „Die Regisseurin Rupprecht fährt allerhand auf, um gegen die Macht der Domkulisse anzukommen: honigsüße musikalische Untermalungen, die Zeichentrickprojektion eines von Tieren durchstreiften Zauberwaldes und sogar eine Feuerspucknummer.“ Weiter schreibt Spiegel Online: „Es ist ein poetisches, mit vielen tollen Sprachkunststücken und einigem Witz auftrumpfendes Stück, das Thomas Melle da geschrieben hat. Weil es nach genauem Zuhören verlangt, ist es für den Rummel einer Freiluftaufführung allerdings nur bedingt geeignet. Noch schwerer wiegt womöglich, dass der Dramatiker Melle nicht recht zu wissen scheint, wo er eigentlich hin will mit dem Plot von „Überwältigung“.“ Die Süddeutsche Zeitung lobte Brandauer, haderte aber mit Lilja Rupprechts Regie: „Hagen, als Mastermind der eigentliche Spielmacher in diesem Stück, die treibende, keiner Illusion anheimfallende Kraft. Ein Part wie maßgeschneidert für Klaus Maria Brandauer. (…) Für Lilja Rupprechts allzu unbeholfene, vieles probierende, lieblich arrangierende Inszenierung ist dieses Schwergewicht im Zentrum ein wichtiger Anker. Wobei Brandauer gar nicht „ schwer“ und auftrumpfend spielt, ganz im Gegenteil. Er geht die Rolle leise, weise, tänzelnd, mit anfangs fast übertrieben säuselndem Understatement an.“ Lob gab es dort auch für Melles Text: „Thomas Melle hat einen klugen, gewitzten Text geschrieben, der sich zwar stellenweise im Nibelungennetz verheddert, aber den Mythos doch auf ganz eigene Weise packt – aufgeladen mit den Ängsten und Zukunftsfragen von heute.“ Positives gab es auch von der renommierten Theaterseite nachtkritik.de: „„Überwältigung“ lässt ordentlich die Luft raus aus dem Pathos des Nibelungenlieds. Nicht Schicksal oder höhere Mächte führen zu den fatalen Fehlentscheidungen, sondern gesellschaftliche und zwischenmenschliche Strukturen. (…) Der Kniff, Hagen den Mythos schrumpfen zu lassen, gibt der Inszenierung Raum für Selbstironie. (…) Regisseurin Rupprecht betreibt ein subtiles Spiel mit verschiedenen Ebenen – ohne je in Klamauk zu verfallen. Der Hagen-Kniff hat aber den Nachteil, dass die Frauen in „Überwältigung“ ins Hintertreffen geraten.“ In den nachtkritik.de Theatercharts wurde das Stück im Juli dementsprechend auf Platz 1 der „Must-See-Stücke“ gewählt. Die regionale Kulturseite regioactive.de resümierte: „Ist es aber nicht zu viel vom einem Theaterstück verlangt, abschließende Antworten zu liefern? Immerhin stellt „Überwältigung“ die richtigen Fragen: Wie soll unsere Zukunft aussehen? Was wollen wir verändern? Und was erhalten? (…) Manche empfinden diese Frage möglicherweise als zu schwierig oder unpassend für ein Freilufttheater. „Überwältigung“ prescht nicht lustvoll in den Untergang wie „Siegfrieds Erben“, dafür eröffnet es einen Perspektivwechsel, indem es die Katastrophe vor den Zuschauern ausbreitet und ganz unvoreingenommen fragt: „Wie soll die Geschichte ausgehen?““

DIE NIBELUNGENFESTSPIELE MIT NEUER BEACHTUNG

Was beim Lesen der Kritiken auffällt, ist vor allem ein wohlwollender Grundton. Das war nicht immer so. In der Ära Wedel stieß sich das Feuilleton oftmals an dessen effekthascherischen Erzählton, blanken Brüsten oder den vielen Bezügen zum Dritten Reich; wenn die Aufführungen überhaupt besprochen wurden. Lange Zeit ignorierten besonders die prestigeträchtigen Nachrichtenmagazine wie die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel die Nibelungen-Festspiele. Das hatte zum Teil mit privaten Rivalitäten zwischen dem damaligen Intendanten und immer mal wieder Regisseur Wedel zu tun. Unter Hofmann haben die Festspiele deutschlandweit eine neue Relevanz erfahren. Neben dieser neuen Medienpräsenz erhalten die Festspiele vor allem Lob für ihren Anspruch, im Erzählton immer wieder einen modernen Ansatz zu wählen. Bisheriger Liebling ist hier eindeutig das letztjährige Stück „Siegfrieds Erben“, das von dem Schweizer Regisseur Roger Vontobel inszeniert wurde. Dieser wird übrigens im kommenden Jahr wieder nach Worms zurückkehren. Wie der künstlerische Leiter Thomas Laue bei der abschließenden Pressekonferenz erzählte, hätte Vontobel selbst bei ihm nachgefragt, ob er erneut bei den Festspielen inszenieren darf. Die Erfahrungen in Worms hätten ihn sehr glücklich gemacht. Dem sympathischen Schweizer war die Begeisterung für Worms und seine Region in gemeinsamen Gesprächen durchaus anzumerken. Der Titel ist noch nicht bekannt, aber der Autor. Verfasst wird das Stück, bei dem Kriemhild und Brünhild im Mittelpunkt stehen werden, von dem österreichischen Dramatiker Ferdinand Schmalz, der vor kurzem den renommierten Georg-Büchner-Preis gewann. Wie Laue mitteilte, wird Schmalz sich in seiner Erzählung von der Kerngeschichte entfernen und eine neue Perspektive auf das Drama werfen. Die Festspiele finden nächstes Jahr in der Zeit vom 17. Juli bis 2. August 2020 statt.