VON DER STADTZERSTÖRUNG ZUM TAG DER DEUTSCHEN ZUKUNFT

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Geschichtsvergessenheit als Saat des Hasses

Es ist 75 Jahre her, dass Worms an zwei Tagen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs brannte. Eine lange Zeit, in der die Menschen wieder begonnen haben zu vergessen, wie es soweit kommen konnte. Zeit, in der viel passiert ist und Deutschland an einem Punkt steht, an dem rechtes Gedankengut wiederbeginnt, das Klima in der Gesellschaft zu vergiften.

Bis heute sind die eingangs erwähnten Bombenangriffe auf deutsche Städte wie Dresden, Würzburg, Pforzheim und auch Worms traumatische Erlebnisse, denen man regelmäßig gedenkt. Vielen geht das nicht weit genug und sie fordern dementsprechend, die Angriffe der Alliierten klar als Kriegsverbrechen zu bezeichnen. Spiegelt diese Sichtweise jedoch nicht eine Geschichtsvergessenheit wider, die ausklammert, wer letztlich die Verantwortung für die Bombardements trägt? Es mag sein, dass Deutschland militärisch längst niedergerungen war, das änderte aber nichts an der Doktrin der Nationalsozialisten, bis zum Ende durchzuhalten und nicht zu kapitulieren. Auf der anderen Seite stand wiederum eine Welt, deren Hass auf Nazideutschland im Laufe dieses Weltkriegs ins Unermessliche gewachsen sein musste. Genau dieses Nazideutschland opferte letztlich die vielen unschuldigen Frauen, Kinder und Männer in den Städten. Es ist in diesem Sinne unverzeihlich, wenn rechte Gruppen diese Opfer wiederum für ihren Opfermythos missbrauchen. Björn Höcke (AfD) sagte 2017 bei einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Angriffe auf Dresden, dass die Alliierten den Deutschen „nichts anderes als unsere kollektive deutsche Identität nehmen“ wollten. „Man wollte unsere Wurzeln roden“. Das mag vielleicht sogar ein Grund für den massiven Feuersturm gewesen sein! Kann man diese geballte Wut verdenken, in Anbetracht des Leids, das Adolf Hitler und „sein“ Deutschland über die Welt gebracht hatten? Es ist gefährlich, Dinge aus dem Kontext zu reißen, wie es Höcke gemacht hat und die AfD immer wieder tut. Wie sehr Hass das Denken in unserer Gesellschaft wieder beginnt zu prägen, zeigen mehrere Attentate in den vergangenen Monaten, wie der Mord an dem Kasseler Politiker Walter Lübcke, der Anschlag in Halle und zuletzt der Amoklauf von Lothar R. in Hanau, der zehn Menschen das Leben kostete und bei dem sich anschließend der Täter selbst erschoss. Lothar R. mag psychisch krank und ein Einzeltäter gewesen sein. Angela Merkel sagte kurz nach der Tat: „Rassismus ist Gift“. In diesem Falle vergiftete dieser die empfängliche Seele eines psychisch schwer kranken Menschen. AfD Bundessprecher Tino Chrupalla stellte vor kurzem die Frage, warum seine Partei mit Hanau in Verbindung gebracht wird. Die Antwort könnte sein, weil sie einen Nährboden geschaffen hat, auf dem sich Menschen wie Lothar R. oder andere rechte Gruppen verstanden und bestätigt fühlen. Am 6. Juni 2020 möchte sich der sogenannte „Tag der deutschen Zukunft“ in Worms versammeln und seine toxische Geschichtsvergessenheit hier präsentieren. Ob es zu einem Verbot kommt, ist fraglich. Dass es zu Gegendemonstrationen von Menschen kommt, die diesen rückwärtsgewandten Blick und deren Hass nicht möchten, ist indes gewiss.