Rechte Schatten über dem Weihnachtsmarkt

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Eine Wechselbude und Schutzzonen-Streifen sorgen für Ärger

Gemeinhin ist ein Weihnachtsmarkt ein Ort, an dem sich Menschen treffen, Glühwein trinken, dabei plauschen oder auf der Suche nach Geschenken sind. Politische Werbung hatte an diesem Ort bisher keinen Platz. Das änderte sich am 22. November, als Patrick L. für einen Tag seine angemietete Wechselbude mit der Nummer 3 öffnete. Neben Weihnachtsschmuck aus Holz und selbstgemachtem Likör gab es gratis auch ein bisschen Werbung für den „Tag der deutschen Zukunft “ (TDDZ), der am 6. Juni 2020 in Worms stattfindet.

Was im begleitenden Programmheft der Nibelungen Weihnacht so harmlos klang, stellte sich schließlich als Versuch der Initiative „Zukunft statt Überfremdung“ heraus, neben aktiver Werbung für den bevorstehenden Tag auch ein bisschen Kleingeld zu verdienen, wie sie unverhohlen einen Tag später auf der Facebook-Seite prahlten: „An einer sogenannten Wechselbude bekam man nun die Möglichkeit, mit dem Kauf von selbsthergestellten Waren den TDDZ zu unterstützen.(…) Nach dem Verkauf verteilten wir Flugblätter unserer Kampagne an interessierte Bürger.“ Jener Tag, der klingt, als sei es der Name einer Messe für innovative Techniken, ist vielmehr das Gegenteil. Seit 2009 versammeln sich unter diesem Namen jährlich rechte Gruppierungen und Parteien, die sich selbst als nationaler Widerstand sehen, in unterschiedlichen Städten. Die Initiative erklärt ihr eigenes Ansinnen mit den Worten des früheren NPD Vorsitzenden Udo Voigt: „Wir Nationaldemokraten sehen uns als grundsätzliche Alternative zum gegenwärtigen Parteienspektrum. (…) Nicht als Debattierclub in den Hinterzimmern dieser Republik, sondern als aktiven Teil im Befreiungskampf unserer Nation, gegen die strukturelle Gewalt des Systems, gegen Ausbeutung, Globalisierung, Fremdherrschaft , Imperialismus und Krieg!“ Im vergangenen Jahr riefen Mitglieder der rechtsextremen Parteien „Die Rechte“, „Der 3. Weg“ und „NPD“ sowie der Gruppierung „Freie Kameradschaft zu der gemeinsamen „Kundgebung“ in der sächsischen Stadt Chemnitz auf. Doch der Neonazi Aufmarsch wurde zum Flop für die Rückwärtsgewandten. Gerade mal 270 Gleichgesinnte kamen und trafen auf rund 1.300 Gegendemonstranten. Das soll in der geschichtsträchtigen Stadt Worms anders werden. Der Wormser Patrick L. bildete sozusagen die Vorhut. In der Szene soll er bestens vernetzt sein und tritt vor allem als Sänger der Band „Mjöllnir“ in Erscheinung. Auf der Homepage und Facebook Seite der Band kann man einen Einblick in die politische Gedankenwelt des Wormsers bekommen. Während man als Heimatstadt Worms angibt, schreibt man bei der Zugehörigkeit Deutsches Reich. Zu erreichen ist die Band unter dem @Titel „Söhne Germaniens“.

Aber wie konnte es dazu kommen, dass die Stadt für die Propagandazwecke der Initiative missbraucht wurde? In einer Stellungnahme erklärte die Stadtverwaltung, dass Lohr sich regulär als Privatperson anmeldete: „Der Bewerber ist bisher in Worms nicht namentlich in Erscheinung getreten – Verbindungen zu politischen Vereinigungen waren der Stadt nicht bekannt.“ Im Glauben, dass jeder Bewerber nur im Sinne einer besinnlichen Weihnacht handelt, erteilte man eine Zusage. Um dies zukünftig zu vermeiden, möchte man einen Passus einfügen, dass ideologische Propaganda nicht gestattet ist und bei Verstößen mit einem Bußgeld zu rechnen sei. In Anbetracht dessen, dass rund 80 Prozent der Wechselbudenbetreiber bereits durch die letzten Jahren bekannt waren, wäre es natürlich möglich gewesen, einen Neubetreiber zumindest mal bei Facebook einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Als sei das nicht schon genug rechte Aufregung im vorweihnachtlichen Worms gewesen, brüstete sich die ominöse Gruppierung „Schutzzone Alzey-Worms“ auf ihrer Facebook-Seite damit, am selben Tag in Worms patrouilliert zu sein: „Trotz der stark kritisierten Eröffnung des Wormser Weihnachtsmarkts vor Totensonntag, zog es viele Menschen in die Stadt. Ein Grund, dass die Schutzzone durchgeht!“ Nach eigener Aussage finden diese „Schutzzonen-Streifen“ der selbsternannten Ordnungswächter seit einem Jahr statt. Negativ in Erscheinungen traten sie vor ein paar Monaten, als sie ein Video veröffentlichten, in dem sie in Quarantäneanzügen das Café International belagerten und mit Absperrband symbolisch versiegelten. Da es zu keiner akuten Bedrohungslage kam, sah die Polizei keinen Grund, die Gruppierung weiter zu verfolgen. All das ist natürlich nur das Vorspiel für den bevorstehenden Tag im Juni. Die Anmeldung zur Großdemo ist bei der Stadt längst eingegangen und bereitet derzeit Polizei und Stadt in Anbetracht des Ausmaßes der Marschroute Kopfzerbrechen. Zurücklegen möchte man eine Strecke, die sich vom Judenfriedhof „Heiliger Sand“ bis hin zur „Großen Weide“ erstreckt. Verteilt über die Stadt wird es zu zahlreichen Gegenveranstaltungen kommen. In Worms selbst hat sich hierfür das Bündnis „Block Tag der deutschen Zukunft “ zusammengeschlossen und erklärt: „In den kommenden Monaten ist insbesondere in Worms und der Region, aber auch bundesweit, mit zahlreichen ähnlichen Aktionen sowie mit Konzerten zur Finanzierung des Aufmarsches zu rechnen. Wir fordern daher die Stadt Worms, aber auch alle Wormserinnen und Wormser, dazu auf, die Augen offen zu halten und einzuschreiten, wenn Neonazis versuchen, ihre Hetze zu verbreiten.“