Wie ein Kollege beinahe OB wurde…

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Ein (politischer) Rückblick auf „15 Jahre/175 Ausgaben WO!“

Das politische Highlight aus 175 Ausgaben war zweifellos der OB-Wahlkampf 2018. Die Hintergründe, wie es dazu gekommen ist, dass ein Nobody wie Peter Englert fast so viele Stimmen abgestaubt hat wie der langjährige Amtsinhaber, erfahren Sie an dieser Stelle…

Wir schreiben das Jahr 2017. Das Verhältnis zu unserem langjährigen Oberbürgermeister, das zwischenzeitlich immer mal wieder durch atmosphärische Störungen geprägt war, konnte man zu diesem Zeitpunkt als entspannt bezeichnen. Als wir Anfang des Jahres an einem neuen Redaktionsplan arbeiteten, da kam auch der Vorschlag von meinem Kollegen Dennis, mal wieder ein ausführliches Interview mit unserem Oberbürgermeister zu machen, freilich auch, um ihn darauf anzusprechen, ob er noch einmal antritt bei der nächsten OB-Wahl 2019. Dennis fragte nach, Kissel willigte ein, nur mit dem Termin gab es in Anbetracht eines vollen Terminkalenders noch Probleme. Schließlich stand der Termin fest, Ende April, nach Kissels Urlaub sollte das geplante Interview endlich stattfinden. Aber Kissel lehnte telefonisch ab und berief sich hierbei auf Altbundeskanzler Helmut Kohl, der ebenfalls Gespräche mit der BILD Zeitung abgelehnt hätte, weil diese nicht seriös berichtet habe. Zur Vorgeschichte sollte man sagen, dass Kissels Partei, die SPD, in unserer April-Ausgabe nicht unbedingt gut weggekommen war. Den neuen Messias der SPD, Martin Schulz, hatte meine Kollege Dennis in einem Artikel entzaubert. Ich selbst hatte im April erstmals über die Vorwürfe gegenüber dem Bundestagsabgeordneten Marcus Held berichtet. Auch wenn das wohl eher die wahren Gründe für Kissels Interview- Boykott waren, gab er als Gründe u.a. ein verletzendes Titelbild an, das zwei Jahre zuvor erschienen war, oder Beleidigungen unterhalb der Gürtellinie unseres Kolumnisten Bert Bims, die noch aus der Ära Dieter Wedel stammten. Alles Dinge, die schon längst vergessen schienen und nicht die kurzfristige Absage eines bereits zugesagten Interviews rechtfertigten. Wer auch immer ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt hat, war kein guter Ratgeber. Vor allem aber ließ Kissels Schweigen Raum für verschiedene Interpretationen, was seine persönliche Zukunft angeht. Entweder geht er in den Ruhestand und hat in den letzten eineinhalb Jahren schlichtweg keine Lust mehr, sich mit Kritikern auseinanderzusetzen. Oder aber er tritt noch einmal an und mutiert endgültig zum Helmut Kohl, der seine Kritiker konsequent links liegen ließ. Für uns war jedenfalls klar, dass acht weitere Jahre mit einem OB, der nicht einmal mehr mit einem spricht, keine wirkliche Option sein konnten. Nicht etwa, weil Kissels Politik so unerträglich war, sondern weil der Stadt ein bisschen frischer Wind nicht schaden konnte. 24 Jahre Amtszeit wären dann auch des Guten zuviel gewesen. Wie sich eineinhalb Jahre später herausstellen sollte, hatten auch sehr viele Wormser/innen so gedacht.

Ein eigener Kandidat muss her
Nach diesem verpassten Interview habe ich mit meinem Kollegen Dennis erstmals über die Option gesprochen, einen eigenen OB-Kandidaten ins Rennen zu schicken. Auch wenn hierbei einige Namen fielen, der beste Kandidat schien unsere Verlagsrampensau zu sein. Das mussten wir jetzt nur noch unserem Peter schonend beibringen. Im September 2017 kam es dann endlich zu dem Gespräch mit Peter, der einen genauso vollen Terminkalender wie unser OB hat. Wir erzählten ihm von dem geplatzten Interview mit Kissel und dass wir über einen eigenen OB-Kandidaten gesprochen hätten, sollte Kissel noch einmal antreten. Also begann ich, über den idealen Kandidaten zu sinnieren: „Jung und eloquent müsste er sein, jemand aus dem Volk, ein bekanntes Gesicht mit einem großen Bekanntenkreis, einer, der sich mit den Sozialen Medien bestens auskennt und für innovative Ideen sorgt.“ In diesem Moment fielen alle Augen im Raum auf Peter, dem es spontan entfuhr: „Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass ich für euch den OB-Kandidaten mache!“ Tatsächlich war er aber der bestmögliche Kandidat, der am ehesten in der Lage war, junge Wähler, Protestwähler und Normalos aus allen Schichten an die Wahlurne zu bringen. Je länger die Diskussion dauerte, umso mehr schien Peter Gefallen an der Idee zu finden. Trotzdem erbat er sich ein paar Tage Bedenkzeit, um dann drei Tage später anzurufen: „Okay ich machs, aber nur, wenn Kissel antritt.“ Seine einzige Bedingung war, dass er den Wahlkampf selbst gestalten darf und sich von keinem reinreden lässt, welche Termine er wahrnehmen muss. Unsere Bedingung war, dass es keine Spaßkandidatur wird, sondern ein seriöser Wahlkampf mit sinnvollen Inhalten. Als Ende Dezember 2017 Michael Kissel seine erneute Kandidatur bekanntgab, funkte ich sofort Peter an: „Du weißt, was das bedeutet…“ Zurück kam ein kleinlautes: „Ich befürchte ja…“

Mission OB-Wahl beginnt
Im Frühjahr 2018 begannen die ersten Vorarbeiten, es wurden erste Fotos gemacht und Texte für Broschüren und Wahlplakate zusammengestellt. Der Plan, im September erst als Letzter auf das Kandidatenkarussell aufzuspringen, war aus der Not heraus geboren, da Peter von Juni bis August bei den Bad Hersfelder Festspielen auf der Bühne stand. Trotzdem brodelte im Sommer bereits die Gerüchteküche, Unterschriftenlisten für den neuen OB-Kandidaten machten die Runde. Die Kunst bestand darin, es bei so vielen Menschen wie möglich publik zu machen, dass Peter antritt, aber es noch nicht öffentlich und hochoffiziell zu verkünden. Zu groß war die Gefahr, dass Kissel dessen Kandidatur ins Lächerliche ziehen würde und die Zeitungen darauf anspringen. Stattdessen lieferte der langjährige Amtsinhaber selbst reichlich Munition, sein eigenes Denkmal zu beschädigen, nicht zuletzt, als er sich im Zuge der vermeintlichen Brückenumbenennung, Stichwort Terence Hill Brücke, reichlich unglücklich verhielt. Anfang September war es dann soweit und Peters Kandidatur wurde im Brauhaus 12 Apostel bekanntgegeben. Parallel dazu konnten unsere Leser/innen in der WO! September- Ausgabe als Erste etwas über die Ideen des jüngsten OB-Kandidaten lesen. Unter dem Motto „Alla gut, ich machs“ grinste ein sympathisch dreinblickender Peter vom Titel unseres Magazins. Jetzt begannen zwei aufregende Monate. Den Sozialen Medien sei Dank wurde Peters Wahlkampf irgendwann zum Selbstläufer. Derweil schnitt der alte Amtsinhaber bei FACEBOOK gar nicht gut ab und verstrickte sich oft, medial noch etwas ungeschickt, in unwürdigen Diskussionen oder herablassenden Äußerungen. In den letzten Wochen vor der OB-Wahl hieß es dann für das Wahlkampfteam Plakate kleben, während der feine Herr OB-Kandidat in der Fußgängerzone auf dem Sofa rumgelümmelt und mit Wormser Bürgern Kaffee getrunken hat. Nein, Spaß beiseite, der Peter hat den zwar kurzen, aber doch sehr intensiven Wahlkampf großartig gemeistert. Vor allem aber hatte er nach dem Gespräch ein Jahr zuvor nicht zurückgezogen und sich durchgebissen. Von daher hat es mich am Abend des 4. November vor allem für ihn riesig gefreut, dass „unser Wahlkampf“ so gut funktioniert hatte. Der Kelch, tatsächlich OB machen zu müssen, war an ihm vorüber gegangen, aber sein Ergebnis war mit 20,46 Prozent gut genug, um positiv aufzufallen. Mittlerweile sitzt Peter für die FWG Bürgerforum im Wormser Stadtrat. Sein Wahlkampf hat den Nerv vieler Wähler getroffen, auch wenn ein solcher in Zukunft nicht mehr in dieser Form möglich wäre, weil die Bedeutung der Sozialen Medien deutlich nachgelassen hat. Aber im Herbst 2018 hat alles gepasst, weshalb unser Kandidat nur 421 Stimmen hinter dem alten Amtsinhaber, Michael Kissel, auf einem ehrenvollen dritten Platz gelandet ist. Das war die schönste Bronzemedaille unserer Verlagsgeschichte.