Wir müssen ganz klar sagen: „Fangen wir bei uns an!“

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WO! im Gespräch mit Klaus Maria Brandauer

Klaus Maria Brandauer gehört zweifellos zu den ganz großen europäischen Schauspielern. In seiner rund fünfzigjährigen Karriere kann er auf zahllose Festspiel Engagements genauso zufrieden zurückblicken wie auf seine Hollywood-Karriere. Der große Durchbrauch kam mit der deutsch-österreichischen Produktion „Mephisto“(1981). Der Film wurde ein großer Publikumserfolg und zudem mit dem Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film ausgezeichnet. Es war der Start seiner Kinokarriere. Es folgten Filme unter der Regie von Star-Regisseur Sidney Pollack („Jenseits von Afrika“) oder an der Seite von Superstar Sean Connery („Sag niemals nie“, „Das Russland-Haus“). Er ist seit vielen Jahren festes Ensemblemitglied am renommierten Wiener Burgtheater und beehrt in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal die Nibelungen-Festspiele. 2007 war er schon einmal zu Gast, damals im Kulturprogramm. Zusammen mit dem vielfach ausgezeichneten, britischen Geiger Daniel Hope beschäftigte er sich auf der Festspielbühne mit dem Thema Krieg und seinen vielfältigen Facetten. Leitlinie dafür bot Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“. In diesem Jahr tritt er im Hauptstück „Überwältigung“ in der Rolle des Hagen auf. WO! unterhielt sich mit dem Schauspieler über die Sehnsucht des Menschen nach dem Untergang und warum Kultur für uns alle wichtig ist.

WO! Wie kam es zum Engagement bei den Festspielen?
Erst mal war es einfach ein wunderbarer Zufall. Ich musste gar nicht überzeugt werden, um für die Festspiele zuzusagen. Ich hatte das Stück „Die Welt im Rücken“ gesehen, das von Thomas Melle (Autor von „Überwältigung“) stammt, das ich großartig fand. Ein paar Tage später kam die Anfrage von den Nibelungen-Festspielen, ob ich in einem Stück von Thomas Melle mitspielen möchte. Da zögerte ich nicht lange und sagte „ja“. Worms war mir auch ein wenig bekannt, da ich vor zwölf Jahren schon mal für einen Auftritt hier war.

WO! Sie sind über das Theater bekannt geworden und kehren immer wieder dorthin zurück. Was ist das Besondere am Theaterspiel?
Theater ist immer Uraufführung. Ich kann nie so sein wie gestern und das ist das Aufregende. Selbst wenn Sie jeden Tag dieselben Noten spielen, wird es immer anders sein.

WO! Ist Ihnen die Botschaft eines Stückes wichtig?
In erster Linie sind für mich die Texte von Bedeutung, aber natürlich will ich an diesem Abend auch was erreichen.

WO! Das „Nibelungenlied“ handelt vom Untergang. Es scheint fast so, als gebe es in der Literatur, aber auch im Theater und im Film, eine Faszination für dieses Thema. Was glauben Sie, warum die Menschen von fatalistischen Stoffen immer wieder gebannt sind?
Weil es ein Teil der Menschheit ist, weil wir ununterbrochen auf der Welt Krieg haben, was ganz schrecklich ist. Es ist dann auch das Spannende an Thomas Melles Herangehensweise. Er fragt, was wäre passiert, wenn sich die Figuren in ihren Handlungen anders entschieden hätten oder ob sie es überhaupt können? Natürlich kann man sein Schicksal ändern, aber das bedeutet wiederum nicht, dass es nie wieder Krieg gibt. Das Problem ist, dass wir Menschen schnell verführbar sind – und das ist furchtbar.

WO! Auch Gier und Neid sind in diesem Zusammenhang ein großes Thema.
Ja, das große Problem ist, dass jeder was haben möchte und wenn er es hat, möchte er mehr und mehr. Die Folge ist Streit und Eifersucht. Jeder Mensch ist aufgefordert, darüber nachzudenken, was er nicht möchte. Wenn ich feststelle, dass ich etwas nicht möchte, dann lasse ich es einfach. Aber es scheint irgendwie in der Menschheit der Wurm drin zu sein.

WO! Eine wichtige Triebfeder der Figuren ist auch das Motiv der Rache, was ebenso in der Gesellschaft und der Politik eine Rolle spielt.
Ja, das ist so, und die Resonanz darauf ist enorm. Besonnenheit und Reflexion haben leider gerade keine Konjunktur, was ich persönlich beklage, aber auch kein Rezept dagegen habe. Außer vielleicht die Nibelungen in diese Richtung zu denken. Das ist ja die vordringlichste Aufgabe von Theater: die Welt reflektieren!

WO! Wie würden Sie die Figur des Hagen beschreiben?
Hagen ist im Grunde ein Realpolitiker. Er hat einen Auftrag und ist seinem König ergeben, obwohl er weiß, dass dieser nicht gerade die stärkste Persönlichkeit ist. Er versucht alles gut zu machen, merkt, dass dies nicht möglich ist und ist schließlich zu jedem Verbrechen bereit. Und hier findet sich die Frage wieder, warum das so ist. Er dient Menschen, die an Selbstüberschätzung leiden und lässt sich mithinein ziehen. Da ist wieder das Furchtbare mit den Menschen. Vielleicht hat das mit der Erbsünde zu tun. Es sind letztlich Fragen über Fragen.

WO! Hagen ist also nicht der finstere Böse?
Nein, natürlich ist er ein wenig Klischee, aber er wird immer wieder in Situationen gebracht, wo er vielleicht was anderes tun möchte und sich dennoch für was anderes entscheidet. Es ist, als gehe ich zu einem Farbentest. Ich überlege mir, wenn ich gefragt werde, „rot oder grün?“ „Grün“ zu antworten. Wenn ich schließlich gefragt werde, sage ich dann doch „rot“. Wir müssen mehr Herrschaft über unsere Entscheidungen bekommen. Wir müssen damit aufhören, zu sagen, wir sind so. Wir müssen ganz klar sagen: „Fangen wir bei uns an!“.

WO! Vielleicht sollte einfach mehr gelacht werden?
Unbedingt! Ich bin absolut fürs Lachen! (lacht)

WO! Ausgaben für Kultur sind immer wieder umstritten. Was würden Sie Kritikern entgegnen?
Wenn wir an nichts glauben in der Gesellschaft, dann bitte ich die Menschen darum, an unsere Kultur zu glauben. Sie bietet die Möglichkeit, über Dinge nachzudenken, darüber singen zu lassen oder auch darüber sprechen und schreiben zu lassen.

WO! Kultur ist auch Identität!
Natürlich, absolut! Kultur macht uns Menschen aus. Vor Tausenden von Jahren haben wir begonnen, Menschen zu beerdigen und verbanden das mit einer Zeremonie. Das war ein kultureller Vorgang. Kultur hilft uns, die Welt zu verstehen, und das kann man nicht in einer Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen. Im Gegenteil, es sollte Budgets geben, die es allen Menschen ermöglicht, an Kultur teilzuhaben.