„Die Nibelungen können sich nicht mehr wehren“

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WO! im Gespräch mit Albert Ostermaier, Autor von „Gold - Der Film der Nibelungen“

In München 1967 geboren ist Worms für den Dramatiker Albert Ostermaier längst so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Dabei kennt er die Nibelungenstadt nicht erst seit seinem Engagement für die Nibelungen-Festspiele. Bereits bei der Premiere des ersten Stückes 2002 war er in Worms zu Gast, da das damalige Stück von seinem Freund Moritz Rinke verfasst wurde. Mit Rinke verbindet ihn nicht nur das Schreiben. Beide spielten auch in der Autorennationalmannschaft Fußball. Überhaupt ist Sport, neben dem Schreiben, eine weitere Leidenschaft des wortgewaltigen Autors, so macht er auch im Boxring eine gute Figur. Im letzten Jahr dichtet er zum ersten Mal die Nibelungensage um, in diesem Jahr benutzte er das Heldenepos, um seine ganz eigene Lesart des Stoffes auf die Bühne zu bringen. Dieses Mal findet auch Ostermaiers Begeisterung für’s Kino Eingang in den klassischen Sagenstoff. In dem Stück „Gold – Der Film der Nibelungen“ erzählt er von ausufernden Dreharbeiten auf einem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Mit WO! sprach der Autor über seine Begeisterung für Worms und die Nibelungen.

WO!: Schön, Sie wieder ins Worms zu sehen!
Schön wieder da zu sein… jetzt ist schon wieder ein Jahr vorbei. Das ist aber auch irgendwie das Erschreckende an dieser Sache.

WO!: Sie kommen nun seit längerer Zeit nach Worms, wie würden Sie eigentlich einem guten Freund Worms beschreiben?
(lacht) Sie lächeln jetzt so süffisant! Worms ist einer der Orte Deutschlands, in dem eines der größten Stücke deutscher Literatur vorkommt und der Hauptspielort des Nibelungenlieds ist. Worms ist eine Stadt, die eine unglaubliche Geschichte hat, die eine der schönsten Städte Deutschlands war, wie man auf Bildern aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg sehen kann und leider in dieser Form zerstört ist. Diese Seiten sind sichtbar. Ich glaube, in Worms ist wie in keiner anderen Stadt so viel an deutscher Geschichte sichtbar. Vom Mittelalter, von der jüdischen Geschichte bis zum Zweiten Weltkrieg, die Nazis, der Nibelungenstoff und all das ist in der Stadt da und das sind die Sonnenseiten wie die Schattenseiten – und das macht diese Stadt sehr spannend.

WO!: Und es ist ihr Job, eine der berühmtesten Sagen immer wieder zu erzählen…
…die kann sich nicht mehr wehren… und deswegen kann ich immer wieder zulangen.

WO!: …aber Ihnen ist es gelungen, die Sage in die Jetztzeit zu transportieren. War dies von Anfang an Ihr Ziel?
Ja, für mich sind das Faszinierende und das Herausragende an Literatur, dass sie immer wieder neu gelesen wird und jeder, der liest, macht eine Übersetzungsarbeit. Wenn Sie heute ein Buch lesen oder das Nibelungenlied lesen, assoziieren Sie Situationen und Gefühle aus Ihrem Leben, d.h. Sie lesen immer sich selbst und ihre Geschichte mit und das muss man natürlich auch am Theater machen, schauen, was ist denn noch relevant an dem Stoff? Was kann man daraus noch machen und lohnt es sich? Wenn der Stoff nicht stark wäre, dann müsste man sagen, okay, was will ich denn erzählen? Es ist so, dass das Nibelungenlied wirklich sehr viel an Möglichkeiten bietet und für mich immer genau so eine Kraft hat, wie die großen griechischen Stoffe, die auch immer wieder neu erzählt werden.

WO!: Sie haben die Aufgabe, in drei Jahren Festspiele die Geschichte immer wieder aus einer neuen Perspektive zu erzählen. Was bedeutet das im kommenden Jahr?
Ich denke, dass ich im nächsten Jahr eine noch größere Freiheit haben werde, da ich letztes Jahr und auch in diesem doch sehr nah an der Sage gearbeitet habe.

WO!: D. h. nächstes Jahr dann …
Es heißt, es wird natürlich wieder um die Nibelungen gehen, aber ich möchte auch Dinge erzählen, die nicht direkt im Nibelungenlied stehen, aber von denen ich denke, dass sie sich so entwickelt haben könnten.

WO!: Im Grunde machen Sie das bereits in diesem Jahr, in dem Sie Figuren integrieren, die so in der Sage nicht vorkommen, wie zum Beispiel die Figur der Carmen, die im Nibelungenlied nicht vorkommt.
Nein, es kommt ja auch kein Regisseur im Nibelungenlied vor, wenn man nicht sagt, der Autor ist der Regisseur. Ne, ne dann kommt dann schon Personal vor, das natürlich nicht direkt im Nibelungenlied ist. Es ist ein sehr höfischer Roman bzw. eine Sage. Das Nibelungenlied ist natürlich auch Inszenierung, das ist Theater mit klarem Regelwerk und jetzt kommen eben die Macher dazu, also das Filmteam, das eine neue Ebene eröffnet. Es gibt nicht nur die Figuren des Nibelungenliedes, sondern auch diejenigen, die es inszenieren. Das ist für mich sehr spannend und hat auch eine Komik und eine Tragik zugleich, denn wenn das Team den Film probt, dann sind das die Nibelungen auf der Bühne, aber gleichzeitig ist es zum Beispiel auch der Schauspieler, der den Siegfried spielen muss und darüber redet und diskutiert. Insofern ist es für das Publikum auch sehr spannend, weil sie Dinge und Prozesse mitbekommen, die sie sonst nicht kennen und sehen.

WO!: Ist es so schlimm in der Showbranche, dass es teilweise so wahnsinnig zugeht wie in Ihrer Geschichte?
Im Grunde ist es eine gewisse Art von Komödie und die braucht eine Überhöhung. Das heißt natürlich, wenn man die Sachen immer forciert und auf die Spitze treibt, ist es wiederum dramatisch. Es ist in diesem Bereich so, wie es überall ist, egal ob in der Politik oder in einem Unternehmen. Da gibt es Machtkämpfe, gibt es Intrigen, gibt es genau diese Themen. Im Theater und Filmbereich ist das Besondere dabei, dass man vielleicht noch länger, noch intensiver auf engstem Raum zusammen ist, und dass man nicht man selbst ist, sondern diese Rolle und davon etwas übernimmt, und dass man zugleich auch Kunst machen will. Das hat zur Folge, dass sich viele im Theater für bessere und moralischere Menschen halten. Andererseits habe ich nirgendwo sonst solch hierarchische Strukturen, solche Brutalität und Ausbeutung wie im Theater gesehen. Mit Demokratie hat das nichts zu tun.

WO!: Was hält Sie dann eigentlich in diesem Metier?
Na ja, in anderen Bereichen, wie zum Beispiel der Medizin gibt es diese Hierarchien auch. Mich hält in diesem Betrieb, dass jeder Regisseur damit anders umgeht. Dass das Ausbeuterische auch bedeuten kann, Schwächen zu Stärken umzuwandeln. Der Regisseur Peter Zadek war darin ein großer Meister, der genau geschaut hat, wie er die Schwächen nutzen kann. Dann gibt es Regisseure, die völlig anders arbeiten. Das wirklich Tolle ist, dass man die Chance hat, mit einer unglaublichen Intensität an einem Stoff zu arbeiten. Die Momente, in denen etwas entsteht, sind so groß und bescheren so ein Glücksgefühl, dass man das Andere dafür in Kauf nimmt. Danach sage ich dann: „Nie wieder und auf diese Wahnsinnigen habe ich keine Lust mehr.“ Wenn ich mich dann aber wieder einem Theater nähere oder den Bühneneingang sehe, fängt es schon wieder an, dass ich eine Gänsehaut bekomme.

WO!: Ein bisschen klingt das danach, als würden Sie gerne selbst mal inszenieren, vielleicht sogar ein Nibelungenstück?
Wenn ich schreibe, habe ich tatsächlich meinen eigenen Film im Kopf. Ich weiß aber, dass der nicht realisierbar ist. Das sind ganz andere Fantasien. Es könnte sein, dass ich selbst einmal inszeniere, man muss schließlich auch mal selbst scheitern. Ich glaube allerdings, an einem Platz wie hier (vor dem Dom) zu inszenieren, das ist so wahnsinnig schwierig, das kann man nicht als eine erste Regie machen. Du musst die Totale im Blick haben und es muss immer wieder etwas auf dieser großen Bühne passieren. Da ist Nuran David Calis einfach Weltmeister. Es wird zum Beispiel nicht so sein, dass bei Beginn der Videoaufnahmen drum herum alles einfriert und nur auf die Leinwand schaut.

WO!: Eine große Bühne sorgt auch für große Aufmerksamkeit und damit auch jede Menge Kritik. Beschäftigte Sie die große Bandbreite an Meinungen zu dem Stück im letzten Jahr?
Ehrlich gesagt bin ich in Zusammenhang mit Kritik vieles gewöhnt und habe das Gefühl, dass ich mit „Gemetzel“ relativ gut „weggekommen“ bin. Letztlich gehört es dazu, dass man mit dem, was man macht, der Kritik ausgesetzt ist. Für mich ist das einzig Entscheidende, dass sie sachlich argumentiert. Im besten Falle kann ich auch davon profitieren. Ich mag es nur nicht, wenn mit Kritik Politik gemacht wird oder wenn sie in einer beleidigenden Form verfasst wird.

WO!: Letztlich ist Kritik ja auch die subjektive Meinung einer Person, die man durchaus auch aushalten muss, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Sie sollte natürlich nicht persönlich sein!
Ja, persönlich kann man das schließlich anders austragen! (lacht)

WO!: Zum Beispiel auf dem Fußballplatz oder im Boxring. Sie boxen schließlich auch gerne!
(lacht) Das ist richtig, das könnte ich dann tatsächlich im Ring mit dem Kritiker klären. Aber im Ernst, um bei dem Vergleich mit dem Boxen zu bleiben. Man muss als Autor sicherlich auch einstecken können. Man setzt sich schließlich einer Öffentlichkeit aus, aber es ist schön, wenn die Kritik konstruktiv ist, dann habe ich was davon und komme auch mit Kritikern ins Gespräch. Es sind auch Freundschaften daraus entstanden. Mir ist diese Spiegelung schon wichtig.

WO!: Sie beschäftigen sich jetzt schon eine lange Zeit mit den Nibelungen. Gibt es eigentlich noch ein Leben neben den Nibelungen?
Ja, zum Glück (lacht). Derzeit arbeite ich an einem neuen Roman und das macht auch großen Spaß. Im Moment konzentriere ich mich allerdings schon sehr auf die Festspiele. Der Stoff ist mir in Herz und Blut übergegangen. Sie könnten mich nachts wecken und eine Versnummer nennen und ich könnte ihnen diesen ziemlich wahrscheinlich aufsagen (lacht). Das Nibelungenlied ist für mich immer noch ein Stoff, aus dem ich ganz viel rausholen kann. Aber ich freue mich auch wieder darauf, mich ganz dem Roman widmen zu können.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.