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Ein wenig Regen, ganz viel Jazz und ein Sympathiepreisträger

Kritik zu „Worms: Jazz and Joy“

Nachdem Worms seit Wochen unter Hitze und Dürre litt, kehrte pünktlich zur Jubiläumsausgabe von „Worms: Jazz and Joy“ der Regen zurück. Doch am Ende des Wochenendes gab es zwar ein paar Besucher weniger und der eine oder andere Gastronom verzeichnete etwas schwächere Umsätze, dennoch sorgten tolle Konzerte dafür, dass die Geburtstagssause zu gefallen wusste. Laut Aussage der veranstaltenden KVG besuchten rund 19.500 Menschen das Festival in der Wormser Innenstadt, das 1991 erstmals erklang.

Der Festival-Freitag, 21. August 2026: Los ging es am Freitag um 18 Uhr mit der Vroni Frisch Band auf dem diesem Zeitpunkt nur mäßig gut besuchten Schlossplatz. Immerhin zeigte sich der Sommer noch von seiner trockenen und eher milden Seite. Auf der Bühne stand bzw. saß wiederum neben der namensgebenden Vroni Frisch auch ein echter Wormser Jazzpreisträger, nämlich Tobias Fronhöfer, der mit seinem quirlig nervösen Schlagzeugspiel das Fundament für die mitunter akustisch fordernden Eigenkompositionen legte. Die instrumentalen Stücke durchlebten so binnen weniger Minuten einen Wechsel von ruhig und intim zu temperamentvoll, nur um dann in der Tradition des „Cool Jazz“ lässig lasziv zu wirken. Eine Stunde nachdem die letzten Töne des Quartetts am Schlossplatz verhallten, fand auf dem Weckerlingplatz die offizielle Eröffnung des Festivals unter Anwesenheit des für Kultur zuständigen Landesministers Sven Teuber statt. Teuber, der zuletzt immer wieder in Worms Präsenz zeigte, witzelte dann auch über seine regelmäßigen Besuche und betonte zugleich das kulturell vielfältige Angebot in der Nibelungenstadt. David Maier, der für das Programm zuständig ist, nahm die Vorlage auf und ernannte Worms gleich mal zur rheinlandpfälzischen Kulturhauptstadt.

Natürlich waren die Zuschauer aber nicht gekommen, um Politikern und Organisatoren zu lauschen, sondern, um Musik zu sehen, zu hören und einfach zu erleben. Sodann gehörte auch schon die Bühne The Organ Groove Trio. Im Zentrum des Trios steht Bandgründer Christoph Neuhaus, der 2021 auch den Landesjazzpreis BadenWürttemberg gewann. Musikalisch setzten sie den auf dem Schlossplatz eingeschlagenen Jazz Sound fort, der allerdings nicht – wie bei Vroni Frisch – von Bass und Saxofon dominiert wurde, sondern von der titelgeben den Orgel, virtuos gespielt von Jean Yves Jung. Begleitet wurde dieser von Schlagzeuger Daniel Mudrack und Gitarrist Neuhaus. Zusammen erschufen sie einen deutlich zugänglicheren Klangkosmos als die Kollegen auf dem Schlossplatz und ebneten mit dem orgelbasierten Sound den Weg zu Matt Johnson. Zuvor sorgte jedoch, zeitgleich zum Organ Groove Trio, die Band Mobilé auf der Bühne vor der Jugendherberge ebenfalls für coole Jazz Vibes. Jung und ungestüm tauchten sie ihren Jazz in eine Mischung aus Neo Soul, Break Beats und modernen Jazz.

Mit Matt Johnson transformierte sich der Sound am Weckerlingplatz in großen Schritten Richtung Funk. Das war wiederum nicht verwunderlich, schließlich dominiert der Keyboarder seit 2002 den Sound der funkorientierten Band Jamiroquai. Pünktlich zum Konzertbeginn der Briten beschloss auch Wettergott Petrus erstmals, die Festivalgäste mit einem leichten Sommerregen zu beglücken. Matt Johnson und seine vielköpfige Band spielte sich derweil durch ein Set, das mit geschlossenen Augen mühelos auch ein echtes Jamiroquai Konzert hätte sein können. Damit gelang es der Band sicherlich nicht, jeden Zuhörer mitzunehmen. Am Ende gab es dennoch begeisterten Applaus.

Wenn es bei Jazz and Joy einen Publikumspreis gebe, dürfte dieser zumindest am Freitag an CLUESO gegangen sein, der das Sonderkonzert auf dem Marktplatz spielte. Clueso war gut gelaunt und hatte eine achtköpfige Band samt Bläsersatz dabei, die den Abend musikalisch prägte. Schon mit dem ersten Song „Chicago“ zog der Sänger aus Erfurt das Publikum in seinen Bann. Es wurde mitgesungen, die Arme in die Luft gehoben und eines der besten Sonderkonzerte der letzten Jahre mit viel Applaus bedacht. Natürlich gab es, neben neuen Nummern aus dem Album „Deja Vu“, auch altbekannte Hits wie „Zusammen“, den Clueso ursprünglich mit den Fantastischen Vier aufgenommen hatte, sowie eine Version von Udo Lindenbergs „Cello“, bei der im Publikum auch mal ein Tränchen floss. Selbst der Regen konnte Clueso nicht davon abhalten, ein Bad mitten in der Menge zu nehmen und so versprach er an diesem Abend: „Hey Worms, das müssen wir wiederholen!“ Unbedingt lieber Clueso!

Der Festival-Samstag, 22. August 2026:

Der Samstag bei „Worms: Jazz & Joy“ begann vor allem mit einem: Regen. Und davon reichlich. Das wirkte sich anfangs auf die Besucherresonanz aus, auch wenn die Musikfans mit nachlassendem Regen dann doch die vier Bühnen bevölkerten. Eleanna Pitsikaki musste auf dem Schlossplatz noch gegen einen eher überschaubaren Zuschauerandrang anspielen, während es beim Caro Trischler Sextett auf dem Weckerlingplatz schon voller aussah. Dort stand nach eigener Aussage schließlich „der größte Regenschirm der Welt“ – gemeint war natürlich das Dach der Bühne. Auch MYLLER hatten es auf dem Marktplatz zunächst schwer, denn bei diesem Wetter waren noch nicht allzu viele Menschen unterwegs. Doch irgendwann hatte auch der Regen genug. Mit dem besseren Wetter füllten sich die Plätze und Melane sorgte auf dem Schlossplatz für einen der ersten echten Höhepunkte des Tages. Direkt danach brachte Josh. den Marktplatz in Bewegung. Bekannt geworden durch „Cordula Grün“, hatte der Österreicher noch deutlich mehr zu bieten: eine großartige Band und einen Sound, der irgendwo zwischen „Wanda“ und „Seiler und Speer“ zu Hause ist. Josh. gefiel es in Worms offenbar so gut, dass er am liebsten gleich dageblieben wäre und vorsichtshalber schon einmal seine Rückkehr für das kommende Jahr angekündigt hat. Ein weiteres Highlight war die Band KALKYL an der Jugendherberge, die einen frischen Sound aus dem Umfeld der Mann heimer Popakademie mitbrachte. Auf dem Weckerlingplatz zeigte Vincen García derweil, dass ein Bassist keineswegs hinten im Halbdunkel stehen muss. Mit enormer Bühnenpräsenz begeisterte er das Publikum. Den großen Schlusspunkt setzte schließlich Weltstar Paul Carrack auf dem Marktplatz. Bei Klassikern wie „The Living Years“, „Over My Shoulder“ und „Another Cup of Coffee“ wurde kräftig mitgesungen. Und seien wir ehrlich: Der inzwischen 75-Jährige hat es einfach noch immer drauf. Seine Stimme zählt völlig zu Recht zu den besten, die Rock und Pop zu bieten haben.

Der Festival-Sonntag:

Der Tag begann mit dem traditionellen Jazzfrühstück auf dem Weckerlingplatz mit der South West Oldtime All Stars Band. Passend zur Rückkehr des Sommers kredenzte die Band zu früher Stunde einen Hauch von Mississippi in der mittelalterlichen Umgebung zwischen Dom und Andreasstift. Die Ehre, den eigentlichen Festivalsonntag zu eröffnen, gebührte den Gewinnern des Bandvoting Wettbewerbs Oh. Oh ist eine in diesem Jahr gegründete Band mit Musikern aus Worms und Frankfurt. Der Sound der jungen Musiker ist klar verhaftet im Indie Rock der 90er Jahre. Schrammelnde Gitarren, ein nicht minder grummeliger Gesang, unterstützt von einer Bassistin, die auch „The Smashing Pumpkins“ zu Ehren gereicht hätte. Auch wenn nicht jeder Gesangston saß, das Songwriting noch ein wenig rudimentär klang und es zuweilen im Klangkosmos zu Problemen kam, waren die Ambitionen und vor allem das Talent der jungen Musiker klar zu erkennen. Ambitionen und Talent ist etwas, was wiederum der Kontrabassist Nils Kugelmann schon öfters erfolgreich unter Beweis gestellt hat. So auch bei seinem Konzert auf dem Schlossplatz um 14 Uhr. Begleitet von Pianist Luca Zambito und Schlagzeuger Sebastian Wolfgruber entzog sich Kugelmanns Musik der klassischen Definition von Jazz. Vielmehr folgt seine Musik fast schon den Regeln einer Filmmusik. Fest mit einem Thema verwoben, wie z.B. „Turtles und Cocktails“, zu dem der Komponist sich zuvor kurz äußerte, schuf das Trio Klanglandschaften mit konsequenten Spannungsbögen.

Ein Feuerwerk der guten Laune branden derweil Mama Shakers aus Paris auf dem Weckerlingplatz ab. Angetreten mit dem Anspruch, die Musik der „Roaring Twenties“ radiopoptauglich zu machen, servierten sie einen mitreißenden Cocktail aus Jazz, Blues und Country-Songs sowie eigenen Chansons. Beherrscht wurde das Geschehen von der schwedischfranzösischen Sängerin Angela Strandberg, die wie ein Wirbelwind über die Bühne fegte. Zurück  blieben am Ende ein restlos begeistertes Publikum und die sofortige Forderung vieler Gäste, dass diese Band unbedingt wieder kommen muss. Für reichlich Partystimmung sorgten auch die Lokalmatadoren aus dem Altrhein The Fat Cheeks. Mit ihrer Neuinterpretation einer Blaskapelle verpassten sie Klassikern – von Eminem über Boomtown Rats bis hin zu Jan Delay – ein mitreißendes Soundgewand. Klar, dass die Fläche vor der Jugendherberge kurzerhand zum Dancefloor umfunktioniert wurde. Selbiges taten auch Make a Move auf dem Marktplatz und teilten diesen gleich mal in verschiedene Tanzsektoren ein. Das Publikum zeigte sich mitmachfreudig und ließ sich gerne auf die Spiele der Band ein, die sich im Übrigen auch bei Brass Elementen bedienten, die sie mit gut gelaunten Popsongs vermengten. Für einen würdigen Ab-schluss dieses Jazz and Joy-Geburtstags sorgten Thomas & The KBCS auf einem bestens gefüllten Marktplatz. Mit dem wunderschönen Song „Federleicht“ eröffnete der Musiker die Show. Den Refrain dieses Stücks singt eigentlich Reinhard Mey. Natürlich war das Liedermacher Urgestein nicht extra wegen eines Refrains nach Worms gereist. Wie angekündigt, kam sein Part vom Band, während der Rest des Abends aus handgemachter Musik bestand. Am Ende der rund einhundertminütigen Show gab es noch drei Zugaben, darunter auch „Rückenwind“, einen der größten Solo Hits des Musikers Thomas D.

Fazit: Auch wenn kurze Regenschauer ein wenig Flexibilität abverlangten, überzeugte das 35. Jubiläum von „Worms: Jazz & Joy“ mit seinen 33 Live Acts auf ganzer Linie. Abseits der Konzerte lockte das Familienangebot am Dom zudem zahlreiche Besucher in die Stadt. Sucht man nach einem Kritikpunkt, könnte man höchstens bedauern, dass zuweilen zu viele Konzerte zeitgleich begannen. So blieb man allerdings gut in Bewegung, bevor es die nächste Ladung an guter Musik gab.

Texte: Dennis Dirigo, Torsten Schreiner

Fotos: Andreas Stumpf, außer Paul Carrack: Peter Englert