„Meine Verzweiflung ist nie so groß wie der Mut, sie zu besiegen!“

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WO! im Gespräch mit Nuran David Calis, Regisseur der Nibelungen-Festspiele, „GLUT. Siegfried von Arabien“

Geboren wurde der Regisseur Nuran David Calis 1976 in Bielefeld. Ein paar Jahre zuvor kamen seine Eltern als armenisch-jüdische Asylbewerber von Istanbul nach Deutschland. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete er zeitweise als Türsteher. „Hier. Ich kann mein Geld auch so verdienen. Ich bin raus!“ Mit diesen Worten kündigte er diesen Job, nachdem er 2002 sein erstes Autorenhonorar erhielt. Seitdem stieg er auf zu einem der gefragtesten Dramatiker und Regisseure. Calis dreht fürs Kino („Woyzeck“), schreibt Bücher („Der Mond ist unsere Sonne“) und ist begehrter Theaterregisseur – so auch in Worms, wo er im letzten Jahr erstmals für die Nibelungen-Festspiele das Stück „Gold. Der Film der Nibelungen“ inszenierte. Lohn der Mühe waren eine Publikumsauslastung von rund 90 Prozent, bundesweites Kritikerlob und begeisterte Zuschauer. WO! sprach am Rande der Pressekonferenz der Nibelungen-Festspiele in Berlin mit dem politisch interessierten Regisseur über seine Erfahrungen im letzten Jahr und das aktuelle Stück „Glut. Siegfried von Arabien“.

„Gold“, die Inszenierung vom letzten Jahr ist Vergangenheit, dennoch die Frage: Wie zufrieden waren Sie mit dem Stück?
Als Regisseur arbeitet man bis zum Schluss. Eigentlich ist der Moment der Premiere so was wie die Erlösung, allerdings könnte ich an einem Stück immer weiter arbeiten. Andererseits fehlt irgendwann die Distanz. Hinterher war ich dann sehr davon angetan, dass das Stück so gut angenommen wurde.

Haben Sie im letzten Jahr Erfahrungen sammeln können, was Situationen angeht, die Sie in diesem Jahr vermeiden müssen?
Es gibt ein paar Indikatoren, auf die man achten muss. Man muss dafür sorgen, dass die Abläufe sehr gut koordiniert werden, dass die Schauspieler immer präsent sind und ihre Räume haben. Auch muss ich für Ruhepausen sorgen, einen Mittelweg finden zwischen Druck, Belastung und Entlastung. Im Grunde bin ich sowas wie der Coach der ganzen Truppe.

Wie muss man sich das bei den Proben vorstellen? Gibt es wie bei einem normalen Arbeitsplatz fest vereinbarte Zeiten und Pausen oder kann es auch mal sein, dass Proben zeitlich ausufern?
Ja, auf jeden Fall, was das Einhalten von Zeiten angeht. Ich bin da immer sehr organisiert. Wenn es sein muss, werde ich aber auch mal eine Probe verlängern, was ich allerdings sehr ungern mache.

Das Team wirkte im letzten Jahr sehr harmonisch. Haben Sie da ein Geheimrezept, wie man das schafft?
Es ist vor allem die Kontinuität, immer weiter miteinander zu arbeiten. Bei Problemen ist es mir wichtig, gemeinsam mit dem Team zu schauen, woran hat’s gelegen und zu schauen, dass man beim nächsten Anlauf genau diese Fehler vermeidet. Ich habe bei den Schauspielern natürlich auch kluge Köpfe dabei, die gemeinsam mit mir versuchen, auch an der Intimität von Szenen zu arbeiten und sich dementsprechend einbringen.

Sie gelten als sehr politischer Regisseur, insofern dürfte Ihnen das aktuelle Stück sogar ein bisschen mehr liegen als das vorige.
Ja, das ist richtig. Ich bin durchaus ein politischer Kopf, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass Theater kein Politikseminar ist. Die Zuschauer kommen ja nicht, um eine Abhandlung über den Ersten Weltkrieg zu sehen, sondern sie wollen eine sinnliche Veranstaltung. Theater muss aber auch Dinge in Frage stellen können, es muss den Zuschauer erobern. Eine Reise sein. Und wenn wir es dann schaffen, dass man Rückschlüsse ziehen kann – und man Klarheit für unser Leben im Jetzt finden kann – dann ist das schon sehr viel.

Was ist für Sie das zentrale Thema von „Glut“?
Ich glaube, das zentrale Thema ist der Verrat von politischen Idealen, Verrat von Glauben. Was macht das mit uns, wenn wir keine Prinzipien mehr haben. Wo führt das hin? Wie leben wir mit Verfehlungen und Missständen?

Das Element „Abenteuer“ spielt auch eine Rolle?
Ja, aber letzten Endes ist das Abenteuer die Reise der eigenen Gedanken und der eigenen Erkenntnisse. Es wird nicht so viele Szenenwechsel geben, denn das Entscheidende ist, dass die Reise im Kopf stattfindet.

Wie bereiten Sie sich auf das Stück vor?
Ich schiebe erstmal alles zur Seite, denn mein Augenmerk gilt für diese Zeit ausschließlich der Welt, die Albert (Ostermaier, der Autor des Stückes – Anm. der Red.) geschrieben hat. Ich tauche in diesen Kosmos ein und möchte diesen dechiffrieren, mit dem Ziel: Was will der Autor eigentlich?

Und das wissen Sie im Moment noch nicht so genau?
Schon, aber ich muss das vor allem in den letzten zwei Monaten vor der Premiere noch vertiefen.

Das Stück thematisiert auch die Entstehung der Konflikte, wie wir sie heute in Ländern wie dem Irak, Afghanistan und Syrien erleben. Kurzum, die Welt ist seitdem noch ein bisschen mehr aus den Fugen geraten. Bringt Sie das manchmal zur Verzweiflung?
Natürlich, aber meine Verzweiflung ist nie so groß wie der Mut, sie zu besiegen. Ich glaube letztlich an den Menschen. Ich weiß, dass das Menschenbild oft negativ gezeichnet wird, so auch durchaus in dem Stück. Hier sehe ich aber das Gute. Ich sehe auch die vielen Enttäuschungen, die die Personen in diesem Stück erlebt haben. Allerdings spüre ich die Sehnsucht, diese Enttäuschungen zu überwinden und an die Liebe zu glauben.

Sie haben Verwandte in der Türkei. Macht Ihnen die derzeitige Entwicklung Sorgen?
Ja, sehr. Ich denke, dass die Beziehungen zur Türkei gescheitert sind. Ich bin sehr traurig über diese Erkenntnis. Alle Künstler mit türkischem Hintergrund, egal ob das Fatih Akin ist oder andere, haben derzeit auch große Angst in die Türkei zu reisen, da wir nicht wissen, ob wir auf dem Radar der türkischen Regierung sind.

Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Das Gespräch führte: Dennis Dirigo