Wenn einer eine Reise tut – zwei Wormser in Berlin

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Ein Kommentar zur Pressekonferenz der Nibelungen-Festspiele 2017 in Berlin

„Wenn einer eine Reise tut, dann hat er viel zu erzählen“, heißt ein beliebtes Sprichwort. Und so reiste ich gemeinsam mit meinem Kollegen und Verlagschef, Frank Fischer, mit dem Zug in die rund 600 Kilometer entfernte bundesrepublikanische Hauptstadt Berlin, um dort der Pressekonferenz für die diesjährigen Nibelungen-Festspiele beizuwohnen. Was jedoch die PK’s in der Vergangenheit stets auszeichnete, fehlte in Berlin gänzlich: Leidenschaft , Herz und vor allem Zeit.

Während in den letzten 15 Jahren die Pressekonferenz standesgemäß in unserer Nibelungenstadt abgehalten wurde, hielt es in diesem Jahr die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, für eine gelungene Idee, in die dortige Landesvertretung einzuladen, um in der Hauptstadt ein wenig die Werbetrommel zu rühren. Die Argumentationen der in Worms für die Nibelungen zuständigen Mitarbeiter wollten sich uns zwar nicht unbedingt nachvollziehbar erschließen, aber was will man machen als Stadtmagazin, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, umfassend über die Wormser Kulturlandschaft zu berichten. Der Programmablauf sollte schließlich der gleiche sein, sprich, zuerst gibt es begrüßende Worte der Politik, dann Ausführungen der Projektverantwortlichen und schließlich folgt die Vorstellung der Schauspieler. Abgerundet wird das Spektakel durch ein paar Häppchen im Anschluss und einem Glas gut gekühltem Winzersekt zum Abschluss. Dazwischen nette Gespräche mit den unterschiedlichsten Personen und das offizielle Führen von Interviews mit den anwesenden Schauspielern, Autoren und dem Intendanten. Auf den ersten Blick folgte auch die Konferenz in Berlin diesem Muster. Vor der Vertretung war der obligatorische rote Teppich ausgerollt, fünf Schauspieler waren anwesend, sowie Intendant, Dramaturg, Komponisten, Politiker und natürlich jede Menge Wormser, wobei die meisten zum Team der Festspiele gehörten. Neben dem WO! Magazin war von der einheimischen Presse lediglich die Wormser Zeitung noch vertreten. Insgesamt hielt sich die Anwesenheit der Presse in Grenzen. Zwar hatte die dpa sowie „Die Rheinpfalz“ Vertreter geschickt, doch irgendwie drängte sich das Bild auf, dass in Worms in dieser Beziehung deutlich mehr los war. Selbst von den beiden für den Wahlkreis Worms zuständigen Bundestagsabgeordneten zeigte sich in Berlin lediglich Jan Metzler (CDU). Vielleicht lag das daran, dass die Nibelungen in Berlin einfach nur eines von vielen Themen sind. Dass einzelne Wormser Presseorgane die Reise nach Berlin scheuten, war in Anbetracht des Aufwands durchaus nachvollziehbar.

Es folgten Reden, anschließend Häppchen und dann die Interviews. Im Grunde alles gleich und doch anders. Während man den Schauspielern bei der PK in Worms stets anmerkte, dass sie fasziniert waren von der Atmosphäre dieses Tages und man entspannt – rund um „Das Wormser“ verteilt – Interviews führte, wollte sich dieser Nibelungen-Spirit in Berlin zu keiner Sekunde einstellen. Alles wirkte beiläufig, ja sogar die Eröffnungsrede der Ministerpräsidentin. Vielleicht stand Malu Dreyer immer noch unter dem Schock des desolaten Wahlergebnisses ihrer Partei am Abend zuvor in Nordrhein-Westfalen. Im Grunde wirkte sie nicht wie die Gastgeberin, sondern eher wie die Stichwortgeberin für unseren OB. Der nutzte die Hauptstadtbühne und redete ausgiebig und gerne über Wormser Kulturschätze. Nach einer knappen Stunde war – einschließlich des sogenannten Fotocalls – dieser offizielle Teil beendet. Zeit also für die Interviews. Terminiert auf jeweils 15 Minuten wurde die Reihenfolge wie üblich im persönlichen Dialog geklärt. Im zweckdienlich kühlen Ambiente der quaderähnlich gebauten Landesvertretung fanden die Gespräche in der sterilen Empfangshalle statt. Allerdings gab es schon ziemlich schnell den ersten Dämpfer, denn das geplante Gespräch mit Intendant Nico Hofmann musste ausfallen, da dieser plötzlich unaufschiebbare Termine hatte. Und so minimierte sich innerhalt von Sekunden die Anzahl der geplanten Gespräche von vier auf drei. Allerdingst zeigte sich der unaufschiebbare Termin als ungutes Omen. Denn unter dem Einfluss von Terminen standen auch die anderen Gespräche. Noch bevor das Interview mit dem Regisseur Nuran David Calis beginnen konnte, erklärte mir dieser, dass er nicht so viel Zeit hätte. Grund: ein Termin. Infolgedessen wirkte dieser eigentlich angenehme Gesprächspartner während des Interviews erstaunlich unkonzentriert, als wäre er gedanklich bereits beim nächsten Termin. Ein Eindruck, der sich bei den weiteren Gesprächen wiederholte. Als sei man zwischen Frühstück und Mittagessen mal kurz von der Berliner Wohnung hierher gefahren, um vertragsgemäß seine Pflicht zu erfüllen. Keine Frage, jeder der einzelnen Gesprächspartner wirkte sympathisch und bemühte sich, aufmerksam die Fragen zu beantworten. Doch letztlich konnte sich die Veranstaltung des Eindrucks „business as usual“ nicht ganz entziehen. Am Ende der Veranstaltung trat hinsichtlich einer anfänglich dezenten Hauptstadteuphorie eine gewisse Ernüchterung ein, sowie die Erkenntnis, dass dieses Experiment von unserer Seite nicht wiederholt werden muss. Dennoch bleibt die Vorfreude auf das Stück „Glut. Siegfried von Arabien“ und die Überzeugung, dass bei der Pressekonferenz im nächsten Jahr alles wieder besser wird.