„Sagen Sie mal, Herr Bims…“

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Erlebnisse eines Vorstadtschreiberlings Teil 16: Unterscheidungsmerkmale

Autor: Bert Bims

War das wieder ein Auflauf zur diesjährigen Pressekonferenz der Nibelungen. Das ist auch gleichzeitig der alljährliche Startschuss für uns High-Society-Experten, die wir ab der Nibelungen „PK“ (wie man so eine Pressekonferenz ganz cool und lässig im Journalistenjargon nennt) nahezu stündlich bei Schnittchen und Sekt auf die kulturellen Highlights des Sommers eingestimmt werden. Da trifft man minütlich auf Kollegen von der schreibenden Zunft. Ich höre Sie deshalb schon wieder zu Tausenden fragen: „Sagen Sie mal Herr Bims, wie unterscheiden sich eigentlich die einzelnen Zeitungen?“

Als absolute Greenhorns unter den regionalen Blättern, die wir auch nach neun Jahren an der Zeitungsfront immer noch sind, schauen wir ehrfürchtig auf zu den Göttern der hiesigen Presselandschaft. Der WZ zum Beispiel, deren Redakteure sich so viel beachtete Artikel wie „Nazis bei der Wormatia“ oder „Bevölkerung steht hinter dem Haus am Dom“ sowie stets echt dufte Fragen für eine „PK“ ausdenken. Wir dagegen nutzen, auf Anweisung unseres Chefs, solche Anlässe hauptsächlich dazu, um uns mal wieder so richtig satt zu essen und im Minutentakt neuen Alkohol an den Journalistentisch zu schleppen. Damit sich auch die stets im Zeitdruck agierenden Kollegen locker machen und anschließend mit zwei Promille im Blut ihre Texte tippen müssen. Derweil sind unsere guten Vorsätze, diesmal nüchtern zu bleiben, spätestens nach Dieter Wedels erstem Wortschwall schon wieder ad acta gelegt. Überhaupt: Wenn jemand von der Wo! Redaktion vor einer Nibelungen-PK – oder sogar vor der Nibelungen-Premiere – prophezeit, dass er „diesmal garantiert nix trinkt“, ist das genauso, wie wenn Martin Semmelrogge der Öffentlichkeit weißmachen will, dass er zukünftig trocken bleibt. Dass wir die Ersten am Büffet sind und die Letzten, die nach Hause schlurfen, hat einen Grund: Wir können es uns erlauben!! Als Monatsmagazin können wir durchaus noch ein paar Tage länger über das gerade Erlebte sinnieren, ehe wir dann bei den anderen Blättern abschr…..äh… unsere Inspirationen holen. Während z.B. die Reporter von der Deutschen Presseagentur ihre Artikel mit derart heißer Nadel stricken, dass sie ihre literarischen Ergüsse mittels Satellitenübertragung direkt in die Maileingänge aller Zeitungen beamen, sehen wir es als oberste Pflicht an, uns um das liebevoll hergerichtete Büffet und die für die Presse bereit gestellten Sektgläser zu kümmern. Döftels-Frontmann, Nibelungen-Darsteller und Wo! Kollege Peter Englert ist zum Beispiel dadurch aufgefallen, dass er beim Windbeutel-Wettessen mit 12:7 gegen Wedel-Assistent und „PK“-Moderator Joern Hinkel gewonnen hat. Als Revanche dafür, dass die Nibelungen Presseabteilung diesmal seinen Namen auf den Plakaten vergessen hat. Was für ein Skandal!! Kaum hatte unser Peter in der Paraderolle als versoffener Gerenot bei der Aufführung 2013 abgeräumt wie die Sau, da wird diese junge Hoffnung am Schauspielhimmel schon wieder ausgebremst. Wir können nur vermuten, dass diese Degradierung aus purer Angst entstanden ist, dieses Talent könnte dem Nibelungen-Ensemble direkt nach Hollywood entführt werden. Das wäre ungefähr so, wie wenn man bei der Wormatia einen Christian Ronaldo auf die Bank setzen würde, damit die anderen Vereine nicht merken, wie gut der Mann ist. Ganz davon abgesehen, dass der Name „Peter Englert“ (alias Jim Walker jr.) auf den Plakaten einen ähnlichen Run wie im Vorjahr auf Nibelungen-Karten ausgelöst hätte. Aber wer nicht will, der hat schon…

Aber ich bin vom Thema abgeschweift…
Es ging ja um die Unterschiedsmerkmale der einzelnen Zeitungen und Boulevardblätter. Unser absolutes Alleinstellungsmerkmal bei PKs ist sicherlich, dass man die Wo! Redakteure mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit an der Theke findet. Denn wir trinken guten Gewissens noch einen Schoppen, wenn die meisten Kollegen längst schon wieder in ihren sonnenüberfluteten Redaktionsräumen sitzen und – Achtung Wortspiel – die PR zur PK in den PC hacken. Naturgemäß werden wir von manchen Kollegen genau deswegen innerlich abgrundtief gehasst. Dafür verdienen sie aber auch mehr als ein Wo! Redakteur. Von daher bleibt uns ja gar nichts anderes übrig, als die Feste so zu feiern, wie sie fallen und uns ein Stück weit selbst durchzufüttern, in dem wir so viele öffentliche Termine wie möglich abklappern. Ganz böse Zungen behaupten sogar, eine gewisse Trinkfestigkeit wäre Grundvoraussetzung, um beim Wo! überhaupt genommen zu werden. Diese Behauptung weisen wir entschieden zurück, spielen aber dafür umso genüsslicher diesen einzigen Joker aus, den so ein Monatsmagazin gegenüber einer Tageszeitung bietet, und rufen zum Abschluss noch einmal Richtung Theke: „Herr Ober, kriegt man denn hier nichts mehr zum Trinken? Und wird das Büffet nicht mehr aufgefüllt?“

PS: Wie sich das für einen Undercover-Journalisten gehört, verrate ich Ihnen gleich noch DEN internen Aufreger der diesjährigen Nibelungen-PK. Und zwar hat unser Peter – selbstverständlich auf ausdrücklichen Befehl unseres Verlagschefs, u.a. durch Androhung einer fristlosen Kündigung – ganz nach alter Fan-Manier das Namensschild der absolut prominentesten Person auf dem hochkarätig besetzten Podium mitgehen lassen. Seitdem hängt an der Bürotür unseres Chefs das Originalschild der diesjährigen Nibelungen-PK. Und zwar das von Michael Kissel. Und so mancher, der im Vorraum sitzt, kann seitdem einen Spruch nicht mehr hören: „Ist der Herr Oberbürgermeister in seinem Büro?“