„Sagen Sie mal, Herr Bims…“

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Erlebnisse eines Vorstadtschreiberlings Teil 17: Diktaturen

Autor: Bert Bims

Wie oft habe ich im Vorfeld der Europawahl gehört, dass wir doch unbedingt von unserem Wahlrecht Gebrauch machen sollen. Dass es ein Privileg ist, wählen zu gehen. Ich höre Sie deshalb schon zu Tausenden fragen: „Sagen Sie mal Herr Bims, warum ist es denn so wichtig wählen zu gehen?“ Das kann ich Ihnen beantworten. Wollen Sie lieber, so wie hier in Worms, eine Diktatur, in der nur noch einer alles bestimmt und alle anderen kuschen müssen? Also…

Zunächst einmal muss ich jedoch unserer reizenden Kolumnistin, der Frau Radmacher zur Linken, massiv wiedersprechen, denn Fußballspiele werden nicht zu Highlights „hochsterilisiert“ (frei nach Lothar Matthäus). Es sind Highlights, weil Fußball nun mal die schönste Nebensache der Welt ist. Und die Betonung liegt hierbei nicht auf „Nebensache“, sondern auf „schönste“. Welcher Fußballfan möchte abstreiten, dass der tausendfache Jubel über ein wichtiges Tor jeden Orgasmus in den Schatten stellen kann? Eine derartige Konkurrenz können Frauen naturgemäß nicht dulden. Aber sie haben es halt auch nicht leicht. Während Männer den angestauten Frust der Woche beim Fußball raus lassen, dürfen Frauen nicht einmal mehr unkontrolliert rumschreien, wenn ihr Zalando-Päckchen angekommen ist, sonst wissen die Nachbarn sofort, dass sie wieder Schuhe bei diesen Ausbeuterbilliglohndreckskapitalistenschweinen bestellt haben. Außerdem macht es doch viel mehr Spaß, sich darüber das Maul zu zerreißen, dass die Bayern schon wieder durch Beschiss gegen Dortmund gewonnen haben, als sich mit einem so öden Thema, wie zum Bespiel der Europawahl, zu beschäftigen. Durch den verdammten Euro ist doch eh alles teurer geworden und Deutschland zum Zahlmeister für halb Europa verkommen. Sich darüber aufzuregen, bringt genauso wenig wie darüber, dass der Wormser Oberbürgermeister unrechtmäßig aufgehängte Wahlplakate von den Entsorgungsbetrieben entfernen ließ. Vor allem die FDP hat sich mächtig echauffiert und von „Willkür“ gesprochen, weil überdimensional viele von den Liberalen stammten. Wer dem Sonnenkönig der freien Reichsstadt von und zu Worms hierbei jedoch böse Absicht unterstellt, tut dem Alleinherrscher schlicht und ergreifend Unrecht. Vermutlich wollte Kissel den Liberalen nur mal wieder ein Erfolgserlebnis bescheren und wird zitiert: „Wir haben exakt 18,3 % der Plakate abgehängt. Soviel Prozent hat die FDP noch nicht einmal zu ihren Spitzenzeiten unter Westerwelle erreicht…“ Aber so ist das nun mal in einer Diktatur. Da geht’s uns in Worms genauso wie den Leuten in Nordkorea, Usbekistan oder Syrien. „Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm das will!“ Auch wir warten in der Redaktion minütlich darauf, dass uns Ähnliches widerfährt wie einst Rudolf Augstein im Zuge der SPIEGEL-Affäre, als man dessen Redaktionsräume durchsuchte und den Herausgeber kurzerhand einsperrte, weil dem Herrn Strauß dessen Nase nicht gepasst hat. Zornig sieht unser OB dem Franz-Josef übrigens verblüffend ähnlich, auch wenn unsere Silberfee natürlich erheblich eloquenter daherkommt als sein Cholerikerbuddy aus Bayern, der stets den Eindruck erweckte, er hätte beim Sprechen noch ein Fleischkäsebrötchen in irgendeiner Backe versteckt. Aber egal ob Kissel, Strauß, Putin oder Saddam Hussein – wir sollten wirklich froh sein, dass wir immer noch die Möglichkeit haben, aus den vielen kleinen und großen Übeln auswählen zu dürfen. Oder wie der Schriftsteller Erhard Blanck (*1942) einst sagte: „In der Demokratie kann man sich die Idioten selbst in die Regierung wählen. In der Diktatur nicht mal das…“

Nachtrag zu meiner Mai-Kolumne:

Wegen meiner letzten Kolumne zu dem leidigen Thema „die vom WO! sind immer die ersten am Büffet und die letzten, die nach Hause gehen“ habe ich intern mächtig Schelte bezogen. Wie man so etwas öffentlich machen könne, wurde ich angeböfft. „Wieso öffentlich machen? Kann doch jeder mit seinen eigenen Augen sehen, wenn mal wieder einer vom WO! aus dem Lokal gekehrt wird!“ hab ich zurückgefaucht. „Die Leute reden ja schon!“, hätte ich noch anfügen sollen, aber hab’s in der Erregung schlichtweg vergessen. Außerdem hab ich auf die Mütze bekommen, weil ich ausgeplaudert hab, dass unser Peter – bitte auf gar keinen Fall zu verwechseln mit „unser Jan“ – auf der Nibelungen-PK das Namensschild unseres Oberbürgermeisters gemopst hat. Das hängt ja jetzt bekanntlich an der Tür unseres Chefs. Prompt wurde in der gleichen Verlagssitzung der Antrag gestellt und nach endlosen Diskussionen auch genehmigt, dass unsere Grafikabteilung ein neues Türschild anfertigen solle. „Für die Sommermonate….“ hat die gleiche Person in den Raum geworfen, die mich kurz vorher noch wegen meiner Redseligkeit über die verlagsinterne Trinkfreudigkeit an den Pranger gestellt hatte. „Für den Fall, dass einer von uns mal wieder am Mittwoch außer Haus geht und erst sonntags wieder heim kommt!“ hat eine Kollegin noch eingeworfen. „Mit Schrammen im Gesicht oder anderweitig deformiert…“ hab ich mir verkniffen, denn dann hätte jeder gewusst, wer gemeint ist. Unser neues Schild soll zum Einsatz kommen, wenn es nach einer Vorstellung der Festspiele in geselliger Runde im Heylshof später geworden ist oder eine Firmen-Riesenradweinprobe auf dem Backfischfest etwas aus dem Ruder läuft, weshalb am nächsten Tag die Krankenquote im Verlag sprunghaft auf 100% ansteigt. Sollten Sie uns also in den Sommermonaten einen Besuch in der Redaktion abstatten, kann es sein, dass an der WO! Tür zu lesen steht: „Heute wegen gestern geschlossen!“ Im Übrigen haben wir auch gleich festgelegt, wer – im Fall der Fälle – mit dickem Kopf an die Redaktion latschen muss, um unser tolles neues Schild aufzuhängen: Der Erste, der nach Hause geht. Find ich gut, denn dieser Kelch geht garantiert an mir vorüber.