„Sagen Sie mal, Herr Bims…“

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Erlebnisse eines Vorstadtschreiberlings Teil 21: The Place to be in Worms

Autor: Bert Bims

Viele fragen sich sicherlich, wohin es mich als Provinzreporter wohl zieht, wenn Nibelungen, Jazz & Joy und all die anderen Cocktail und Häppchen Veranstaltungen vorbei sind? Ich höre Sie deshalb schon wieder zu Tausenden fragen: „Sagen Sie mal Herr Bims, was ist derzeit „The Place to be“ – der angesagteste Platz in Worms?“

Kleiner Tipp: Ich bin da, wo Glanz, Glamour und Lifestyle sind. Und ganz wichtig: Erfolg. Na, hat’s immer noch nicht geklingelt? Erfoooooooohooooolg. Ich geh „auf‘s Wormatia Stadion“. Und das bedeutet für einen nächtlichen Säufer wie mich – einen Charles Bukowski der Nacht – eine immense Umstellung, ist man doch dort schon am Samstagmittag um spätestens 15.45 Uhr sterngranatenvoll. Und das sage ich als Promillekönig mit allem Respekt! Dann feiert man noch eine Viertelstunde lang die Mannschaft, die natürlich schon wieder gewonnen hat. Danach geht es mit schwerer Schlagseite – neuerdings auch „siegestrunken“ – zu dem absoluten „Place to be“, dem Treffpunkt in Worms schlechthin: ins Vereinsheim beim Harry. Was vom Innenraumstyling her anmutet wie die Münchner Szenedisco „P1“, ist der Platz, wo sich aktuell in Worms nur die absolut Erfolgreichen tummeln. Die Seriensieger, die Leidenschaftlichen, die Tiki-Taka-Wormaten. Man trifft dort die mit Bleaching genauso wie die Zahnlosen, die Reichen und die Schönen genauso wie Vollassis und Tütenraucher. Der schönste Nebeneffekt an diesem Szenetreff ist aber: Hier arbeiten mit Abstand die schönsten Bedienungen von ganz Worms. Zumindest samstags um kurz vor Vier, wenn der Pegel verdächtig an der Zwei-Promille-Grenze kratzt. Oder wie Truck Stop einst sangen: „Und nun wird sie schöner mit jedem Glas Bier.“ Oder Bacardi-Cola. Denn Harry macht einfach die besten Mischungen. Vor allem dann, wenn die Wormatia gewonnen hat. Und in dem Punkt muss ich unserem Verlagschef recht geben. Es macht einfach einen Unterschied, ob man sich aus Frust besäuft oder aus Freude. Wenn man sich nach einem Sieg betrinkt, ist man viel gelöster und hat dann sogar Lust, noch viel mehr zu feiern. Zumindest geht mir das so. Unser Chef ist diesbezüglich geeicht. Wer seit drei Jahrzehnten „uffs Wormatia Stadion“ geht, der sitzt sogar schon am Montag wieder an seinem Arbeitsplatz. Pünktlich wie die Maurer um 11:47 Uhr. Mir dagegen ist die Siegesserie der Wormatia derart aufs Gemüt geschlagen, dass es mir in letzter Zeit immer öfters passiert, dass am Mittwochmorgen mein Telefon klingelt und jemand aus der WO! Redaktion fragt: „Sagen Sie mal Herr Bims, wann wollen Sie denn diese Woche mal wieder in die Firma kommen?“

Aber was soll ich sagen?
Nicht erst seit der WM hat mich der Fußballvirus gepackt. Und es ist so spannend dort. Schon das Auftaktspiel der Wormatia gegen Kaiserslautern hat mich gefesselt. Neben dem Gästeblock 30 Polizisten, bis unter die Haube bewaffnet mit Kalaschnikow, Handgranaten, Schlagstöcken, Ketten und ich meine sogar eine Bazooka entdeckt zu haben. Ihnen gegenüber eine wilde Horde Hooligans aus Kaiserslautern. Unter den knapp 30 potentiellen Gewalttätern zähle ich exakt 17 Flip-Flop-Träger, sechs Frauen, sieben junge Knaben im Grundschulalter (davon zwei mit bedrohlichen Teufelshörnern auf dem Kopf!!), sowie mindestens vier Familienväter, bekleidet mit Augenkrebs fördernden Bermuda-Shorts und hässlichen roten Trikots (einer sogar mit Sandalen und weißen Socken). Von der Tribüne aus ist die knisternde Spannung zu spüren. Wann schwappt die Stimmung über? Wer flippt zuerst aus? Der teuflische Junge? Oder der bei hochsommerlichen Temperaturen – dank seiner kiloschweren Kampfkleidung – bis zum Nervenzerreißen angespannte Polizist? Aus dem Wormser Block wird die ohnehin kochende Atmosphäre noch mehr angeheizt durch klischeehaft den ganz besonderen Landstrich „Pfalz“ bedienenden Schlachtrufen wie: „Doi Mudder, doi Mudder, doi Mudder is doi Schwester“ oder „Euer Stammbaum – ist ein Kreis!“ Zwei Polizisten stecken die Köpfe zusammen und beraten sich, einer verlässt kurz danach die Szenerie. Als er zurückkehrt, hält er etwas in der Hand. Womöglich Pfefferspray, um die Menge auseinanderzutreiben? Nein, er zaubert blitzschnell zwei original „Wormser Bratwürste“ hervor. Aber welchen großen, stumpfen Gegenstand hält er in der anderen Hand? Zückt er etwa seinen Schlagstock, um dem Lauterer Biertrinker zu seiner Linken Einhalt zu gebieten? Nein, es ist die Senftube, er will sich nur seine Brodworschd verfeinern. Ich atme gaaanz tief durch und freue mich in solchen Momenten, dass die Staatsgewalt uns schützt vor Hooligans. Oder vor Drogenabhängigen. Darauf hab ich direkt noch beim Harry eine Runde Schnäpschen geschmissen.

Dieter geht in die Provinz
Das wird auch noch bis zur Winterpause so gehen, dass Harrys Vereinsheim der Hotspot in Worms sein wird. Bis die Nibelungen wieder kommen, gehen ja noch ein paar Monate ins Land. Durch den Abgang von Dieter Wedel verliert Worms sowieso einiges an Glamour. Seitdem haben sich viele Wormser gefragt: Wie reagiert Bert Bims? Aber keine Sorge, bevor ich hier meine Zelte abbreche, um in einem Nest wie Bad Hersfeld anzuheuern, da müsste man schon Sperrzeiten für ganz Worms – und nicht nur für die Altstadt – verhängen. In dem 30.000 Seelen-Hinterwäldler-Örtchen trifft Wedel dann wieder auf einen vor Testosteron nur so strotzenden Bürgermeister, der den alten Intendanten kurzerhand abgesägt und mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt hat. Genau dort ist Dieters Platz, das ist sein Revier. Schließlich soll Wedel – vollkommenen unbestätigten Gerüchten zufolge – im Vorfeld seiner Zusage in Bad Hersfeld getönt haben: „Mindestens so dicke Eier wie der Wormser OB, sonst geh ich nirgendwo hin!“. Als er dann noch einen Blick auf das diesjährige Festspielprogramm in der hessischen Provinz geworfen hat, war es endgültig um den Dieter geschehen, als er „Die Wanderhure“ entdeckt hat. Warum auch immer, jedenfalls fiel mir urplötzlich ein, dass Anouschka Renzi schon lange nicht mehr in einer Wedel-Produktion mitgespielt hat. Ich finde, man kann über Anouschka‘s schauspielerische Fähigkeiten sicherlich geteilter Meinung sein, aber ihre Hupen sind allemal gut genug für die ganzen Provinzeier und Kurschatten in Bad Hersfeld…