Unter keinem guten Stern

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Konzertkritik zur „Wormser Rocknacht“

07. Dezember 2019 | Das Wormser (Mozartsaal) in Worms:

Gleich mehrere Faktoren sorgten dafür, dass die Resonanz bei der Wormser Rocknacht so schlecht wie noch nie war – seit Wiedereinführung im Jahr 2013. Während die fünf Bands auf der Bühne ordentlich Gas gaben, verloren sich nur knapp 200 Musikfans im weiträumigen Mozartsaal.

Einen Tag vor der Rocknacht sagten LIQUID HORIZON aus Mannheim wegen Erkrankung ihres Sängers kurzfristig ihren Auftritt ab. Eine ungewollte Absage des Events bei FACEBOOK sorgte in der Folge dafür, dass am Tag zuvor das Gerücht kursierte, die „Wormser Rocknacht“ sei abgesagt worden. Da zudem im gesamten Stadtgebiet kein einziges Plakat zu finden war, das auf die Veranstaltung hingewiesen hätte, wollte der Vorverkauf nie so recht in Schwung kommen. Trotz des durchaus prominenten Headliners SCHMUTZKI, der im nächsten Jahr auf großen Festivals wie dem „Southside“ oder dem „Hurricane“ zu finden ist und in Worms sein Abschlusskonzert für dieses Jahr spielte, hielt sich die Anzahl an auswärtigen Fans in Grenzen. Im Vorjahr konnte der – nach der Absage von „Heisskalt“ – kurzfristig eingesprungene Headliner „Itchy“ knapp die dreifache Menge an Besuchern anziehen. Und dann war da noch die massive musikalische Konkurrenz am Abend des 7. Dezember. „The Nannys“, die zum Bandjubiläum gemeinsam mit Orchester im Hagenbräu spielten, konnten die 350 verfügbaren Karten bereits im Vorverkauf absetzen und frühzeitig ein „ausverkauft!“ vermelden. Derweil lockte die Konzertreihe „Stille Töne“ im Lincoln Theater knapp 150 Besucher an. Und da die Anzahl an Musikfans, die sich an einem Dezemberabend aus dem Haus schälen, anscheinend begrenzt ist, blieb der Mozartsaal den Abend über verdächtig leer.

Man würde jetzt gerne schreiben, dass das der Stimmung keinen Abbruch tat, aber natürlich wirkte sich die geringe Besucherresonanz auch auf die Stimmung aus. Die erste Band des Abends, BEL BLAIR aus Wiesbaden, hat sich innerhalb des letzten Jahres von einem Duo zu einer fünfköpfigen Band entwickelt und über den Gewinn eines Bandsupporter Contests im Mainzer KUZ eine „Wildcard“ für die Wormser Rocknacht erspielt. Ihre Rock-Pop-Indie-Mischung, manchmal mit einem Hauch Funk versehen, der an die Red Hot Chili Peppers erinnert, hatte durchaus starke Momente, wirkte aber insgesamt noch ein wenig brav.

Da geriet das Comeback der seit 15 Jahren wiedervereinten MASHED FACES aus Worms schon weitaus euphorischer. Bereits 1996 und 1998 standen sie auf der Bühne der Wormser Rocknacht und auch beim dritten Mal machten Daniel, Olaf und Artur das, was man erstmals 1994 von ihnen zu hören bekam: deutschen Punkrock, der mitunter etwas Richtung Pop abdriftet, aber vor allem kurzweilig ist und keinem weh tut. Die nachfolgenden OAKTREE SONS sind eine noch relativ neue Band aus Worms, die Anfang des Jahres ihren ersten Gig in der Funzel hatte und erst vor wenigen Wochen bei einer „Heaven Rawkt Session“ in dem Plattenladen Heaven Records begeisterte. Dreckige, prägnante Gitarrenriffs und ein treibender Bass treffen hierbei auf düsteren Gesang, der – vermutlich gewollt – etwas monoton daherkam. Das war im besten Sinne Stoner Rock im Stile von Bands wie Kyuss, der in kleinen, schwitzigen Clubs bestens funktioniert, aber auf der großen Bühne im Mozartsaal ein wenig seinen Reiz verlor.

Und so war die Rolle der Anheizer, die das Publikum erstmals so richtig knackten, wieder einmal den DÖFTELS überlassen. Schon beim Opener „Wir sind bereit“, einem neuen Song, kam erstmals so richtig Bewegung ins Publikum, was natürlich auch an dem flippigen Frontmann Jim Walker jr. lag, der ständig zum Mitmachen animierte. Bereits bei der dritten Nummer, „Wo das Leben rennt“, hatte das Stadtratsmitglied dann die Menge, die kräftig mitsang und die Arme schwenkte, fest im Griff. Bei „Tanzen“ übernahm seine Frau Kim den weiblichen Gesangspart, der in der Originalversion von Cosma Shiva Hagen stammt. Danach noch „Steil“, der Überhit der Band, der jede noch so müde Party in Schwung bringt, ehe der frisch vermählte Sänger noch ein bisschen über „Heiße Nächte, heiße Mädchen“ phantasieren durfte. Keine Frage, die Döftels haben bei ihrem dritten Auftritt auf der Rocknacht ihre Mission, den Stimmungspegel zu steigern, wieder einmal erfüllt.


Es folgte die erste Pause des Abends, bevor gegen 22 Uhr der Top-Act loslegte – die Punkrocker von SCHMUTZKI. Die drei Stuttgarter hauten dem Publikum vom ersten Lied an Drei-Minuten-Nummern mit griffigen Hooklines wie „Crazy“, „Hey du“ oder „Rodeo“ um die Ohren. Dazwischen ein paar Gags und die üblichen (und wichtigen) Aufrufe gegen Rechts. So weit, so Punk. Vermutlich muss man aber ein paar Jahre jünger sein, um bei Liedern wie „Zeltplatz“ oder „Sauflied“ voller Inbrunst mitsingen zu können. Während sich der Saal zum Ende des 90-Minuten-Gigs hin verdächtig leerte, feierten zwei Dutzend Schmutzki-Hardcore-Fans vor der Bühne ihre ganz eigene Pogoparty und durften zur Belohnung beim letzten Song mit auf die Bühne. Das war gegen halb zwölf ein versöhnlicher Abschluss einer Wormser Rocknacht, die viele Fragen aufwarf.

QUO VADIS ROCKNACHT?

In diesem Jahr ist im Zusammenhang mit der „Wormser Rocknacht“ zu viel schief gelaufen. Mangelnde Plakatierung, eine kurzfristige Bandabsage und eine damit verbundene, ungewollte Eventabsage bei Facebook, sowie musikalische Konkurrenz am selben Abend sorgten erstmals in den letzten sieben Jahren für einen leeren Mozartsaal. Fürs nächste Jahr will man aus den Fehlern lernen und hat mit „MONTREAL“ bereits den Headliner für den 5. Dezember 2020 verpflichtet. Besonderheit diesmal: Während die beiden letzten Top-Acts, „Itchy“ und „Schmutzki“, außerhalb einer Tour in Worms gespielt haben, werden Montreal im Rahmen einer bundesweiten Tour zur Rocknacht kommen. Ob das reicht, um die Veranstaltung wieder zu beleben, bleibt jedoch abzuwarten.

Ihre Glanzzeiten mit 600 – 700 Besuchern erlebte die Rocknacht in den 80er und 90er Jahren im Mozartsaal, der damals noch nicht ganz so festlich aussah. Bereits in den Nullerjahren gingen die Besucherzahlen massiv zurück und die Rocknacht fand in unterschiedlichen Locations – wie dem Kanal 70, im Haus der Jugend, im DRK-Berufsbildungswerk oder in der Funzel – statt. Zwischen 2009 und 2013 pausierte die Veranstaltung. Beim Comeback 2013 vor knapp 500 Besuchern spielten 12 Wormser Bands, denn damals wie heute sollte die Rocknacht in erster Linie ein Forum für einheimische Bands sein. Das soll es auch bleiben. Die bittere Wahrheit ist aber, dass die Wormser Musikszene, abseits von Coverbands, nur noch spärlich vorhanden ist. Für die letzte Rocknacht gingen gerade einmal vier Bewerbungen aus Worms ein. Hinzu kommt, dass es kaum noch Nachwuchs gibt, der ein echtes Instrument erlernen will. Dementsprechend gibt es auch keine Live-Szene mehr wie vor 20 – 30 Jahren, bestehend aus einem treuen Publikum, das alle Konzerte abklappert. Die jungen Leute, die man mit der Veranstaltung hauptsächlich ansprechen will, hören heutzutage HipHop, Rap, R’n‘B‘, Techno – allesamt Musikrichtungen, die auf der Rocknacht nicht bedient werden.
Gleichwohl gilt: Der Erfolg oder Misserfolg der Wormser Rocknacht 2020 wird erneut davon abhängig sein, wie viel Strahlkraft der Headliner besitzt. Bei einem erneuten Misserfolg muss man wohl oder übel neu nachdenken. Vielleicht muss man sich auch eingestehen, dass der Mozartsaal nach dem Umbau mit seiner Festsaalatmosphäre nicht erdig genug ist, um junge Leute anzulocken. 2021 dürfte die Sanierung des „Kanal 70“ abgeschlossen sein und die Rocknacht könnte dort eine neue Heimat finden. Denn: lieber ein voller Kanal als ein gähnend leerer Mozartsaal.