„Wer jammert, erzieht sein Gehirn zu negativen Gedanken!“

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WO! im Gespräch mit Schauspieler André Eisermann

Den meisten Wormsern dürfte André Eisermann bekannt sein. Als junger Mann zog er aus der Nibelungenstadt aus, um Schauspieler zu werden. Die beiden Filme „Kasper Hauser“ und „Schlafes Bruder“ bescherten ihm seine ersten Erfolge als Hauptdarsteller und viele Preise. Seitdem beeindruckt der Schaustellersohn in Filmproduktionen, Theaterstücken, Spoken Word Performances oder Lesungen wie demnächst in Gut Leben am Morstein/Westhofen. Am 15. und 16. Juli liest er dort aus seinem Buch „1. Reihe Mitte links“. WO! sprach mit Eisermann über die Auswirkungen der Corona Krise auf Künstler und was die Zuschauer in Westhofen erwartet.

WO! Wie hat sich Ihr Leben durch Corona verändert?
Seit dem das Coronavirus in der chinesischen Stadt Wuhan zum ersten Mal nachgewiesen wurde, hat sich doch unser aller Leben verändert. Ich bin dicker geworden, aber gesund geblieben. Meine Familie auch. Gott sei Dank.

WO! Denken Sie, dass die Maßnahmen richtig waren/sind?
Ja. Was hätten sie denn tun sollen? Als in Wuhan die ersten Erkrankten identifiziert wurden, schien das Virus noch weit weg. Als dann in Bayern der erste Coronavirus-Fall bekannt wurde, sah die Sache plötzlich anders aus. In Italien hatte das Coronavirus zu einer verheerenden Lage geführt. Wir sahen Bilder von Patienten, die auf dem Bauch liegend beatmet wurden. Wir erfuhren, dass es dort Menschen gibt, die sich von ihren sterbenden Verwandten nicht einmal mehr verabschieden konnten. Das hat mir persönlich am allermeisten zugesetzt. Nicht zu vergessen die LKW Kolonnen der italienischen Armee, die die Corona-Toten in Bergamo abtransportierten, weil nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch die örtlichen Friedhöfe, überfüllt waren. In New York stapelten sich verweste Leichen in Lastwagen. Über zwei Millionen Menschen haben sich in den USA bereits infiziert. 120.000 Todesopfer müssen sie schon beklagen, nur weil Donald Trump „Schwachsinn“ twittert und den Leuten empfiehlt, Desinfektionsmittel zu trinken, anstatt die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, wie es unsere Bundesregierung, wie es Angela Merkel getan hat. Ich bin froh, dass sie es ist, die versucht, uns durch diese Krise zu führen und nicht so ein Wahnsinniger wie Brasiliens Präsident Bolsonaro, der das Coronavirus bis heute nicht ernst nimmt. Die Folge: Eine Million infizierte und zigtausend Tote. Die Länder, die keine Maßnahmen ergriffen haben, haben durchschnittlich mehr Tote zu beklagen als wir.

WO! Ist Kultur unter den momentanen Bedingungen wirtschaftlich möglich?
In dieser Frage stört mich das Wort „wirtschaftlich“. Ich bin ja nicht Schauspieler geworden, um Geld zu verdienen. Meinen Beruf sehe ich als „Berufung“. Das ist mehr als ein Job. Das ist eine Sinnaufgabe. Mittlerweile dürfen wieder Veranstaltungen bis zu 250 Personen im Freien stattfinden.

Was bedeutet das für dich?
Zuerst ist es für diejenigen, die sich nach Kultur sehnen, eine willkommene Alternative. Besonders dann, wenn sie kein Angebot mehr vorfinden können, weil die Theater in ihren Zuschauerkapazitäten stark reglementiert werden. Für mich persönlich bedeutet es, dass ich wieder arbeiten kann. Natürlich auch, um meinen Lebenserhalt zu verdienen. Denn gerade unter den momentanen Corona-Bedingungen wird extrem deutlich, inwieweit wir auf Geld angewiesen sind.

WO! Künstler profitieren bisher kaum von den politischen Hilfs-Maßnahmen. Was müsste die Politik machen, um Künstler zu unterstützen?
Für uns Kulturschaffende artet dieser Ausnahmezustand allmählich in einer Katastrophe aus. Es trifft leider zu, dass die Politik einen Großteil der Branche links liegen lässt. Hier in Rheinland-Pfalz bekomme ich dies besonders zu spüren. Aber soll ich deswegen jetzt jammern? Wer jammert, erzieht sein Gehirn zu negativen Gedanken. Gleich nachdem bekannt wurde, dass „kleinformatige Darbietungen sowohl in geschlossenen Räumen, als auch im Freien bis zu 250 Zuschauer wieder zugelassen werden“, wurde ich aktiv. So kam auch das Arrangement „Lesung mit 3-Gang Menü“ am 15. Juli in Westhofen zustande.

WO! Sie lesen in „Gut Leben am Morstein“ aus Ihrer Autobiografie „1. Reihe Mitte – Ein Schaustellerleben“. Was erwartet die Gäste in Gut Leben?
Den Jahrmarkt, so wie ich ihn noch erinnere und versucht habe, in meinem Buch zu beschreiben, gibt es schon lange nicht mehr. Doch ich werde das speisende Publikum in Westhofen daran erinnern. Nicht nur an den „Mäusefresser“ Harry Wildong, auch an meine Großmutter Dorit Bauer, die einst mit ihrem Geschäft „Time Tunnel“ auf dem Backfischfest stand und deren Ausruf „Ei-ja-jei“ bis über die Wormser Stadtmauer hinaus zu hören war. Ich bringe auch eine Drehorgel mit und wir lassen im Weingarten von „Gut Leben am Morstein“ den Jahrmarkt wieder auferstehen. Durch die strengen Corona Auflagen befinden sich Schausteller zurzeit in existenziellen Schwierigkeiten. Und weil Großveranstaltungen, nach dem Willen mehrerer Bundesländer, auch noch länger verboten bleiben sollen, droht vielen Schaustellern der Ruin und damit dem gesamten Gewerbe. Darauf möchte ich aufmerksam machen, auch in Westhofen.

WO! Welche Projekte stehen bei Ihnen in nächster Zeit auf dem Programm?
Jetzt freu ich mich erst mal auf Westhofen. Danach, am 25. Juli um 21.00 Uhr, werden mein Pianist Jakob Vinje und ich in Wetzlar auf einer Naturbühne im Rosengärtchen (hoffentlich unter freiem Abend-Himmel) unsere „spoken word performance“ zu Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ aufführen. Sozusagen am Original-Schauplatz, ganz in der Nähe vom Lotte-Haus, wo der junge Johann Wolfgang seinen Briefroman geschrieben hat. Das wird sicher spannend. Nicht nur für uns und die Goethe-Fans, sondern erst recht für alle, die sich in der Schule durch „Werther“ quälen müssen (oder mussten) und diesem verknallten Selbstmörder bisher so gar nichts abgewinnen konnten.