Das kreative Erbe der Nibelungen

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Die Nibelungen-Festspiele und die Vorstellung eines Fünf-Jahres-Planes

Die Nibelungen-Festspiele und das Mannheimer Modehaus Engelhorn, das ist eine im letzten Jahr groß entflammte Liebe, die natürlich gepflegt werden möchte. Ganz in diesem Sinne fand das erste Pressegespräch zu dem bevorstehenden Stück „Siegfrieds Erben“ im Rahmen einer Gourmetlesung mit Kuratoriumsmitglied Mario Adorf statt.

Anlass des Gesprächs war nicht nur das neue Stück, sondern zugleich die Vorstellung eines Fünf-Jahres-Planes. In Sachen Transparenz, in Verbindung mit den Festspielen, ein bis dato einmaliger, aber begrüßenswerter Umstand. Vorgestellt wurden die Pläne von dem künstlerischen Leiter Thomas Laue, Intendant Nico Hofmann und OB Kissel. Unterstützung fanden sie in Kuratoriumsmitglied Mario Adorf, der anschließend in dem Modehaus vor 400 Besuchern aus seiner Biografie las. Der langfristige Plan ist natürlich unmittelbar mit der Vertragsverlängerung des Star-Produzenten und Intendanten Nico Hofmann verbunden. Hofmann ist für die akribische Planung seiner Projekte bekannt, anders ließe sich wahrscheinlich das Arbeitspensum des umtriebigen Produzenten, Dozenten, Intendanten und Geschäftsführer der UFA GmbH nicht organisieren. Neu ist an dem Plan, dass, entgegen der vergangenen drei Jahre, in jedem Jahr ein neuer Autor seinen Blick auf den Nibelungen-Mythos werfen wird. Bekannt ist, dass es in diesem Jahr der Bestseller-Autor Feridun Zaimoglu ist, der diese Aufgabe übernimmt. Statt wie in den vergangenen Jahren, alten Wein in neuen Schläuchen zu präsentieren, fasziniert der Autor, der das Stück zusammen mit seinem Autorenpartner Günter Senkel schrieb, mit einer neuen Perspektive und denkt die Sage einfach weiter. Thomas Laue, der in den letzten beiden Jahren als Dramaturg an die Seite des Autors Albert Ostermaier gestellt wurde, fand zumindest nur lobende Worte, zeigte sich beeindruckt und versprach ein ungewöhnliches Stück. Die Erzählung setzt unmittelbar nach dem unerbittlichen Gemetzel am Königshof des Hunnenkönigs Etzel ein. Nur wenige haben das Rachemassaker überlebt. Einer davon ist Etzel, den man darauf aufmerksam macht, dass er der einzig legitime Erbe des sagenumwobenen Nibelungenschatzes ist. Etzel reist also nach Worms und muss feststellen, dass es noch mehr Interessenten gibt. Unter anderem sind auch Siegfrieds Eltern, Siegmund und Sieglinde, angereist, sowie Ute, die Mutter der gemeuchelten Burgunder-Sippe und die zurückgelassene Brünhild. All diese Personen wollen den Schatz für sich beanspruchen. Eine mehr als explosive Situation für alle Beteiligten. Wie man hörte, versprach Nico Hofmann im Gespräch mit Radio Regenbogen für die männliche Besetzung einen Schauspieler, der direkt aus Hollywood käme. Man darf gespannt sein. Regisseur Roger Vontobel hatte jedenfalls bisher nichts mit Hollywood zu tun. Der Schweizer Regisseur tritt die Nachfolge von Nuran David Calis an und inszeniert zurzeit in der Nachbarstadt Mannheim die beiden Opern „Fidelio“ und „Aida“. Von dort bringt er Beleuchter, Ausstatter und einen Videokünstler mit. Natürlich gibt es in dem Stück auch eine musikalische Begleitung. Hierzu gab es in Mannheim einen kleinen Einblick bzw. eine Hörprobe. Eine exotische musikalische Note verspricht die Musik von Enkhjargal Dandarvaanching. Der in der Mongolei geborene Musiker verkörpert sozusagen den musikalischen Etzel. Mit virtuosem Spiel auf der Pferdekopfgeige Morin chuur und dazu passenden Unter- und Obertongesang beeindruckte der Musiker und sorgte zugleich für einen musikalisch faszinierenden Einblick. Da das neue Stück ebenso den Aufprall der Kulturen thematisiert, bietet es sich an, dies akustisch aufzugreifen. Hierfür sind die beiden Musiker und erfahrenen Theaterkomponisten Matthias Herrmann und Keith O’Brien zuständig und haben ein Streichersextett zusammengestellt. Beide stilistisch so unterschiedlichen Musikstile sollen zu einer eindrucksvollen Einheit vor dem Dom verschmelzen. Der wird in diesem Jahr mit seiner Illumination eine wahrscheinlich mehr als eindrucksvolle Kulisse bieten. Ebenfalls eine Premiere erlebt in diesem Jahr der Mario-Adorf-Preis. Angeregt von dem in Berlin lebenden Wormser Unternehmer und Kuratoriumsmitglied Harald Christ, wird dieser für besondere künstlerische Leistungen im Rahmen der jeweils aktuellen Inszenierung vom Kuratorium verliehen. Der politisch aktive Manager stiftet auch das Preisgeld für die nächsten fünf Jahre. Dotiert ist er jährlich mit 10.000 Euro. Christ betonte in diesem Zusammenhang, dass er sich deswegen bei der aktiven Auswahl des jeweiligen Künstlers aus der Abstimmung raushalten wird.

Im Jahr darauf, also 2019, wird das Stück mit dem derzeitigen Arbeitstitel „Überwältigung“ seine Premiere feiern. Autor ist Thomas Melle, der 2016 den viel beachteten Roman „Die Welt im Rücken“ verfasste. Der 1975 geborene Schriftsteller und Übersetzer entwickelt das Stück in enger Zusammenarbeit mit dem Chefdramaturgen Thomas Laue und Lilja Rupprecht, die Regie führt. Laue betonte, dass er besonders stolz sei, endlich wieder eine Frau in das männlich dominierte Festspiel-Universum einzubinden. Tatsächlich war die Regisseurin Karin Beier in den Jahren 2004 und 2005 die letzte weibliche Persönlichkeit, die kreative Verantwortung tragen durfte. Die in Hamburg geborene Regisseurin Rupprecht gehört zu den spannenden deutschen Theatertalenten. Ihr Handwerk lernte sie als Regieassistentin im berühmten Thalia Theater. Darauf folgte ein Studium der Regie in Berlin. Seitdem ist sie an den Bühnen Deutschlands sehr gefragt und bekannt für ihre unkonventionelle Herangehensweise. Zentrales Thema des Nibelungenstücks ist die Wirkmächtigkeit von Göttern und Schicksal und ihr Einfluss auf das menschliche Machtstreben.

Auch 2020 steht im Zeichen der Frau, genaugenommen von zwei, nämlich Kriemhild und Brünhild. Geschrieben wird das Stück, das – laut Laue – das Potential für ein modernes „Maria Stuart“-Drama hat, von einem Mann. Ferdinand Schmalz ist ein mehrfach preisgekrönter Autor. Offenbar haben besonders die Österreicher einen sehr speziellen Blick auf die beiden weiblichen Hauptpersonen. Bereits die erste Siegerin des Autorenwettbewerbs, Irina Diwiak, kam aus dem Alpenstaat und beschäftigte sich mit den beiden mächtigen Frauen. Schmalz hat schon mehrfach fürs Theater geschrieben. In diesem Jahr wird seine Adaption des „Jedermann“ am legendären Wiener Burgtheater uraufgeführt. Für sein Engagement in Worms verzichtet der Autor übrigens auf ein weiteres Jahr am Burgtheater.

Ein ganz besonderes Jahr verspricht 2021 zu werden. Denn da werden die Festspiele ganz im Zeichen des streitbaren Mönchs Martin Luther stehen. Passend zu der geplanten Ausstellung im Rahmen des Jubiläums 500 Jahre Wormser Reichstag, wird es ein Stück geben, das sich dem Reformator widmet. Ob dieses Stück von dem bekannten Autor Bernhard Schlink („Der Vorleser“) geschrieben wird, blieb an diesem Abend in Mannheim offen. Fest steht allerdings, dass eine Zusammenarbeit geplant ist, wie Nico Hofmann bekannt gab. Hofmann arbeitete mit dem Bestseller-Autor bereits 1991 zusammen. Damals verfilmte er dessen Roman „Selbs Justiz“ unter dem reißerischen Titel „Der Tod kam als Freund“. Möglicherweise ist Schlink auch der schreibende Höhepunkt von Hofmanns letztem Vertragsjahr. Wie Laue ausführte, soll in diesem Jahr die Spielfläche auf die gesamte Stadt ausgeweitet werden. Laue sah sogar eine Bühne auf dem Rhein; eine Vision, die auch schon Dieter Wedel hatte, die aber an Kosten und Logistik scheiterte. Spannend klingen die Pläne für die kommenden Jahre dennoch. Aber erstmal richtet sich die gesamte Aufmerksamkeit auf die Schlacht zwischen „Siegfrieds Erben“.