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WENN DIE WAHRHEIT ZUR TARNUNG WIRD

Kritik zu „Biedermann und die Brandstifter“

05. März 2026 | Das Wormser Theater: 75 Jahre ist es her, dass der Autor Max Frisch die Parabel ersann, deren Handlung bereits auf kongeniale Weise im Titel vorweggenommen wird. Seitdem ist „Biedermann und die Brandstifter“ ebenso fester Bestandteil des Schulunterrichts als auch des Theaterrepertoires.

Der Fabrikant Biedermann ist der Inbegriff des gut bürgerlichen Geschäftsmannes, der von sich selbst glaubt, dass er ein guter Mensch ist, während er im selben Atemzug auch mal einen verdienten Mitarbeiter feuert und dessen Idee stielt. Schuld sind ohnehin immer die anderen. Peter Brause spielte diesen Biedermann mit einnehmendem Charme und einer gehörigen Portion augenzwinkernder Naivität. Biedermanns Leben droht sich dramatisch zu verändern, als er einen Obdachlosen aufnimmt, der ihm unverhohlen mitteilt, dass er ein Brandstifter sei. Obwohl Biedermann und seine Frau wissen, dass tatsächlich in der Stadt ein Feuerteufel umhergeht, nehmen sie den Mann und später auch einen Freund auf. Die beiden Männer planen indes das große Feuerinferno.

Frischs Stück ist ein gelungenes Beispiel für die Haltung vieler Menschen, die sich lieber heraushalten, bis sich die Fakten so zugespitzt haben, dass die Täter nicht mehr aufzuhalten sind und Biedermann stellvertretend für uns alle den Brandstiftern das finale Streichholz reicht. Nicht ohne Grund heißt das Stück im Untertitel „Ein Lehrstück ohne Lehre“, zeigt es doch die Unbelehrbarkeit des traurigen Helden Biedermann, der aus Feigheit sehend blind ist und seinem Untergang zu entkommen sucht, indem er ihn selbst mit inszeniert. In Anbetracht der aktuellen weltweiten Entwicklung, wo Menschen bereitwillig Autokraten helfen, die Welt in Brand zu setzen, strahlte das Stück eine geradezu beklemmende Intensität aus.

Fazit: Die Kunst des Autors und auch der Verdienst des Regisseurs war es, ein Moralstück ohne erhobenen Zeigerfinger zu schaffen, das wahrscheinlich nie an Aktualität verlieren wird. Abgerundet wurde die intensive und gut gespielte Inszenierung von einem schlichten, aber stimmigen Bühnenbild, das zwischen bürgerlichen Idealvorstellungen, direkt importiert
aus dem Quelle Katalog der 60er Jahre, und einem Vorhof zur Hölle pendelte.

Text: Dennis Dirigo Foto: Andreas Stumpf