Der mit den Worten tanzt

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Ein Abend mit dem Schriftsteller Albert Ostermaier

Autorin: Christine Ziegler, Co-Autor: Dennis Dirigo

19. September 2014
Lincoln Theater in Worms:

Albert Ostermaier war an diesem Abend ein gefragter Mann. Eben noch im Gespräch mit einer Wormser Tageszeitung, eilte der Schriftsteller, der das Buch für die Nibelungen Inszenierung 2015 verfasste, zu dem für WO! vorbereiteten Interviewtisch, um sich sofort zu entschuldigen, da er noch zum Soundcheck müsse. Gesagt getan und so hetzte der hochgewachsenen Autor los, um im Inneren des Lincoln Theaters zu verschwinden.

Nach einem kurzen Bühnentest kehrte er wieder zurück. Sichtlich gut gelaunt, braun gebrannt, so gar nicht wie man sich einen großen Literaten vorstellt. Auf seine Größe angesprochen, in Verbindung mit seinem Engagement als Torwart bei der Autorennationalmannschaft, betonte er nicht ohne Stolz, dass er genauso groß sei wie National- und Bayern Torwart Manuel Neuer – und dem wolle sich schließlich keiner nähern! Überhaupt ist Bayern München die zweite Leidenschaft des Wahlmünchners, was an seinem Zungenschlag unschwer zu überhören ist. Doch die erste große Leidenschaft sind freilich die Worte. Diese waren es schließlich auch, die ihn nach Worms zu den Nibelungen Festspielen brachten. Ostermaier gehörte mit knapp 20 Jahren zu den Shooting Stars der deutschen Literaturszene. Zahlreiche Preise und Engagements als Hausautor diverser Theater zeugen von diesem Talent und dem Respekt, der ihm entgegengebracht wird. Nach 24 Theaterstücken, 11 Lyrikbänden, 4 Opernlibretti und 2 Romanen nun also die Festspiele. Gleich zu Beginn des Gesprächs erklärte der sympathisch wirkende Autor lachend, dass er leider nichts über das neue Nibelungenstück erzählen dürfe. Zwar brenne es ihm unter den Fingernägeln, doch sei er verpflichtet, bis zur Pressekonferenz im November zu schweigen. Dennoch wird im Laufe des Gesprächs der ein oder andere Hinweis durchblitzen. Was bedeuten ihm die Nibelungen?, wollte WO! von ihm wissen. Mit dem Ton der Begeisterung erklärte der ganz in Schwarz gekleidete Autor, dass die Nibelungen für ihn fraglos einer der größten Texte der deutschen Literatur seien und stellte diesen gar auf eine Stufe mit Goethes „Faust“, für den er kürzlich in seinem Online Tagebuch ein feuriges Plädoyer schrieb. „Die Nibelungen“ ist einer der radikalsten Antikriegstexte. „Dagegen ist „Im Westen nichts Neues“ ein Fingerspiel“, führte er weiter aus. Mit überlegten Worten erklärte er, dass diese Geschichte eindrucksvoll darstelle, wie die Mechanismen des Krieges funktionieren. Als Triebfeder sieht er Rache, Gier und Neid und verweist darauf, dass dieses Stück vor rund 1000 Jahren geschrieben wurde, wir aber bis heute nicht wirklich schlauer geworden seien. Blitzschnell ist Ostermaier bei den aktuellen Konflikten unserer Zeit und zeigt Parallelen zwischen der Ukraine, dem Libanon und den Nibelungen auf. Ein bisschen klingt er in diesem Moment wie Dieter Wedel, ohne allerdings dessen lehrerhafte Attitüden zu besitzen. Ob das Stück in die ähnliche Richtung wie in diesem Jahr gehen werde, wollte WO! von ihm wissen. Lachend lehnt er sich zurück und erklärte, dass es, wenn schon, in die entgegengesetzte Richtung gehe. Kurz darauf steht auch schon die Tour-Managerin an Ostermaiers Seite und verweist freundlich, aber bestimmt auf den bevorstehenden Auftritt. Bleibt noch die Frage nach seiner Leidenschaft für Fußball und ob er sich vorstellen könne, gegen Wormatia Worms zu spielen? „Die sind im Moment doch viel zu gut, vielleicht gegen die AH!“ kommentierte er feixend diese Frage, betonte aber zugleich, dass er immer die Nähe zu Fußball suche. Also vielleicht doch ein kleines Spiel während seiner Zeit in Worms, auf die er sich übrigens sehr freue. Kaum war dies gesagt, entschwand er auch schon wieder im Innenraum des Lincoln Theaters, um kurz darauf auf der Bühne zu stehen.

Auf dem Programm standen Auszüge aus verschiedenen Texten des Autors, darunter auch eine Premiere. Zwar wurde nicht aus dem neuen Nibelungen Stück gelesen, aber immerhin aus seinem dritten Roman „Lenz im Libanon“, aus dem er zum ersten Mal vor einem Publikum zitierte. Allein diese Passage spiegelte eindrucksvoll Ostermaiers Tanz mit den Worten. Ostermaier ist ein Autor, der die große Geste, das Pathos im Wort nicht scheut. Dass seine Wurzeln im Verfassen von Rocksongtexten liegen, scheint in diesem Moment plausibel. Kraftvoll reiht er Wortassoziationen aneinander, verbindet im Stakkato die Gedanken zu einer schwindelerregenden Melange, die sich mit dem Wesen der selbsternannten „Gotteskrieger“ auseinandersetzen. Natürlich durfte auch ein Fußballtext nicht fehlen, der sich auf den WM Beißer 2014, Uruguays Luis Suarez, bezog. Ach so, die Texte, die an diesem Abend gelesen wurden, waren allesamt Figuren aus der Nibelungensage zugeordnet. Diese beiden Texte waren, wie könnte es anders sein, Hagen von Tronje gewidmet.

Fazit: Ein Abend mit dem Autor des kommenden Nibelungen Stücks, der deutlich machte, dass Albert Ostermaier ein Autor mit großen Ansprüchen an sich und das Publikum ist. Mit Mut zu einer expressiven Sprache schaffte er Bilder und Assoziationen, wie sie in der deutschen Literaturszene zurzeit nur von wenigen geschaffen werden.