Der OB der Herzen

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Der parteilose Peter Englert holt als Politikneuling 20,5%

Er stieg Anfang September als letzter OB-Kandidat ins Rennen ein und entfachte in kurzer Zeit die größte Euphorie in den Sozialen Netzwerken. Was viele anfangs noch für einen Scherz hielten, wurde für die etablierten Parteien am Wahlabend bitterer Ernst. Der parteilose Peter Englert holte famose 20,5% der Wählerstimmen und landete damit auf dem dritten Platz. Am Ende fehlten ihm nur 421 Stimmen zu Amtsinhaber Kissel, der stattdessen in die Stichwahl gegen Adolf Kessel einzog.

Erst flogen ihm die Stimmen der Wähler zu, dann auch noch die Herzen von Kissel und Kessel, die ihm noch am Abend gratulierten und Unisono bekannten, dass Peter Englert die OB-Wahl kräftig aufgemischt hatte. Tatsächlich muss man sich fragen, wie niedrig die Wahlbeteiligung erst ohne die Kandidatur von Englert, der jede Menge junge Leute zur Wahl animiert hatte, gewesen wäre? Als letzter von sechs Kandidaten warf Englert Anfang September seinen Hut in den Ring, glänzte aber als erster Kandidat mit kreativen Ideen und politischen Inhalten auf seiner Homepage. Mit den neuen Medien bestens vertraut, führte er einen modernen Wahlkampf, der nicht auf die üblichen Großflächenplakate setzte, sondern auf Interaktion mit den Wählern in den Sozialen Netzwerken. Bekanntlich richtet sich ein Großteil der Wähler bei seiner Wahlentscheidung nicht ausschließlich nach Argumenten, sondern in erster Linie nach Sympathie oder einfach nur Bekanntheit. Viele Wormser kennen den kauzigen Sänger der Döftels und haben den Initiator der Terence-Hill-Brücke ins Herz geschlossen, weil der trotz seiner jungen Jahre die Wormser Seele bereits erstaunlich gut kennt. Englert wiederum hat es in der Folge verstanden, seine politischen Anliegen ehrlich und überzeugend rüber zu bringen. Obwohl der Amtsinhaber genug Angriffsfläche bot, vermied Englert direkte Attacken auf den OB und führte einen fairen Wahlkampf. Er ließ sich selbst dann nicht aus der Ruhe bringen, als Kissel verbal über die Strenge schlug („Hanswurst“, „Flipper“) oder wenn er beim Straßenwahlkampf wegen seiner Frisur verbal angegriffen wurde. Vor allem aber ist sich Peter den gesamten Wahlkampf über treu geblieben und hat sich nicht vor den üblichen Politik-Karren spannen lassen. Für einen 28-Jährigen ist alleine das schon eine erstaunlich reife Leistung.

Gleichwohl machte auch Peter Englert in den zwei Monaten eine Entwicklung durch, die sich zunehmend in Respekt vor dem Amt und Angst vor seiner eigenen Courage äußerte, als er irgendwann registrierte, dass er tatsächlich gute Chancen besaß. War er zu Beginn des Wahlkampfes noch unverkrampft an die Sache rangegangen, wirkte er gegen Ende hin deutlich nachdenklicher. Im Endspurt des Wahlkampfs lag Englert ein paar Tage wegen einer fiebrigen Mittelohrentzündung flach und fehlte deswegen auch beim WZ-Forum im EWR-Kesselhaus vor 550 Besuchern. Vor dem Hintergrund, dass ihm am Ende nur 421 Stimmen zu Kissel fehlten, kann man zumindest mutmaßen, dass er dort mit einem überzeugenden Auftritt die fehlenden Stimmen hätte einheimsen können. Trotzdem überwog am Wahlabend die Erleichterung darüber, dass der Peter jetzt wieder schauspielern oder – wie schon eine Woche nach der Wahl geschehen – die Funzel mit seinen Döftels unsicher machen darf. Als Erbe seines Wahlkampfes wird womöglich irgendwann seine Idee „Silicon Worms“, ein Gründerzentrum in der Nähe der Hochschule für Start-Ups aus der IT- und Kreativbranche, umgesetzt. Auch die Verschuldung der Stadt und das damit verbundene Erbe für die nachfolgenden Generationen waren ein großes Thema in Englerts Wahlkampf. Er selbst ging, was Kostenbewusstsein angeht, mit gutem Beispiel voran. Die FWG Bürgerforum, die die Kandidatur des parteilosen Englert unterstützt hatte, stellte ihm ein Wahlkampfbudget von 3.000 Euro zur Verfügung. Am Abend des 4. November verkündete ein schelmisch grinsender Englert, dass er davon noch 500 Euro übrig habe. Nur mit einem Bruchteil des Werbeetats ausgestattet, den Kissel für seine umfangreiche Wahlkampagne aufgewendet hat, hätte ein politischer Nobody beinahe den Amtsinhaber geschlagen. Das ist eine historische Leistung, die Respekt verdient. So einer muss doch in die Politik, könnte man im Hinblick auf die Kommunalwahl im Mai meinen. Aber Englert wiegelt erst mal ab. Es war eine spannende und lehrreiche Erfahrung. Aber aktiv in die Politik einsteigen? Dazu waren die zwei Monate OB-Wahlkampf zu intensiv und manchmal auch niederschmetternd, um genug Lust auf Politik zu entwickeln. Aber wer weiß schon, was in acht Jahren ist?