WO! Filmkritik: Tenet

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Neulich in der Kinowelt Worms:

USA 2020

Regie und Buch: Christopher Nolan

Laufzeit: 151 min

FSK ab 12 Jahren

Bewertung: sehenswert

Egal wie der Film „Tenet“ am Ende an den Kinokassen und in der Meinung des Publikums abschneiden wird, Christopher Nolans jüngster Film dürfte jetzt schon ein Platz in den Annalen der Filmgeschichte sicher sein. Weniger aufgrund seiner durchaus vorhandenen Qualität, sondern vielmehr ob der Tatsache, das erste Blockbuster Spektakel nach der Corona bedingten Zwangspause zu sein. Schon jetzt dürfte den Produzenten klar sein, dass der Film es schwer haben wird, sein üppiges Budget von 225 Millionen Dollar wieder einzuspielen. Wie zu lesen ist, soll hierbei der Starregisseur selbst ein gewichtiges Wörtchen mitgeredet haben. Nolan bestand darauf, dass sein Film trotz Corona im Kino startet. Nolan dürfte neben Spielberg, Cameron oder Tarantino ohnehin einer der letzten gegenwärtigen Hollywood Regisseure sein, denen es gestattet ist, eine eigene Handschrift zu entwickeln und darüber zu entscheiden, wie und wann ihre Filme vermarktet werden. Insofern scheint es konsequent, dass Nolan es nicht zuließ, dass sein Film aufgrund der schieren Existenz eines Virus irgendwann in ungewisser Zeit einmal den Weg auf die Leinwand findet, sondern genau jetzt, als Symbol dafür, dass das Kino lebt, seinen Weg in die Lichtspielhäuser findet. Zugleich illustriert der Film, warum Filme eben zuerst ins Kino gehören und nicht auf einen Flatscreen zu Hause. Ob es Nolan und den Kinobetreibern mit „Tenet“ gelingt, die Zuschauer wieder ins Kino zu locken scheint fraglich. Weniger weil es rational gute Gründe gibt, den Gang ins Kino zu unterlassen, sondern vielmehr weil die Angst ein mächtiger Gegner ist. Zahlreiche Berichte über Aerosole in geschlossenen Räume tun ihr übriges, obwohl von wissenschaftlicher Seite zurzeit immer wieder darauf aufmerksam gemacht wird, dass Kinos im Infektionsgeschehen keine Rolle spielen. Dennoch fanden sich bisher auch in Worms nur wenig Zuschauer, um sich der Opulenz von Nolans Bilderwelten hinzugeben.

Bereits die ersten Mintuen des Films wirken dementsprechend, als hätte Nolan diese als einen zynischen Kommentar auf das aktuelle Geschehen vorweggenommen. Zunächst verschlägt es Film und Zuschauer nach Kiew, genauer gesagt in ein Opernhaus. Während die Ränge im Kino leer sind, schaut man als Zuschauer auf ausverkaufte Ränge innerhalb eines modernistischen Baus, in dem das Orchester auf der Bühne gerade seine Instrumente für eine Ode an die Kunst stimmt. Ein ohrenbetäubender Schuss beendet abrupt das künstlerische Treiben und setzt zugleich ein akustisches Signal für die ausgeklügelte Akustik moderner Soundspielereien. In der Handlung des Films stürmen Terroristen das Haus und töten sozusagen die Kunst. Man könnte es als Allegorie auf das Virus verstehen, dass Künstlern und Kulturtreibenden die Lebensgrundlage entzieht. Für „Tenet“ ist es wiederum der Beginn einer Spionagestory, die auf den ersten Blick die Blaupause für einen üblichen Bond-Film sein könnte. Nachdem Einsatz in Kiew, bei dem wir die Hauptfigur (John David Washington) kennenlernen, die schlicht und ergreifend nur Protagonist genannt wird, bekommt diese den Auftrag, nichts weniger als die Welt vor dem Untergang zu retten. Als sei das noch nicht brisant genug, wird er darüber aufgeklärt, dass man an verschiedenen Tatorten Gegenstände mit ungewöhnlichen physikalischen Eigenschaften entdeckt hat. Am Beispiel zweier Patronen bekommt der verdutzte Protagonist und das neugierige Publikum erklärt, dass es sich offenbar um „invertiertes“ Material handelt. Das heißt, durch einen technisch komplexen Vorgang wurde dieses so manipuliert, dass es sich rückwärts durch die Zeit bewegt. Kurzum, es scheint so, als hätten unsere Nachfahren aus der Zukunft uns den Krieg erklärt. Auf der Suche nach dem Ursprung des Materials stößt der Agent, der zwischenzeitlich mit dem Agenten Neil (Robert Pattinson) kooperiert, auf den russischen Waffenhändler Sator (Kenneth Branagh). Dieser ist wohl Dreh- und Angelpunkt dieser drohenden Apokalypse. Um Zugang zu dem mächtigen Sator zu erhalten, knüpft er Kontakt mit dessen Geliebten Kat (Elizabeth Debicki), die unter den Gewaltausbrüchen des Russen leidet.

Nolan wäre natürlich nicht Nolan, wenn er einfach nur einen Bond-Klon inszenieren würde. Auch in seinem jüngsten Spektakel beschäftigt sich der Brite mit seinen Lieblingsthemen der Wahrnehmung und der Abfolge der Zeit. Der interessante Kniff hierbei ist, dass die beiden Zeitebenen (Gegenwart und Zukunft) diametral zueinander verlaufen. Statt eines üblichen Zeitsprungs müssen die Figuren sozusagen in Echtzeit in die Vergangenheit reisen. Das sorgt regelmäßig für ein ungewöhnliches Seherlebnis, was man definitiv so noch nicht gesehen hat. Nolans Anspruch, sich seinem Action Sujet auf intellektuelle Weise zu nähern, wie einst bei „Interstellar“, weicht in „Tenet“ erfreulicherweise der Lust am Spektakel. Ganz in diesem Sinne betont der Regisseur gerne, dass er bei diesem Film großen Wert darauf legte, die Szenen „in echt“ zu drehen und auf optische Effekte soweit möglich verzichtete. Besonders ein Flugzeugcrash in Oslo sowie eine spektakuläre Verfolgungsjagd zeugen von dieser Freude am Bombast. Zugleich stehen diese Bilder auch für die Rückkehr des Kinos, denn sie veranschaulichen sowohl akustisch als auch visuell, dass nur Kino in der Lage ist, diese Ebenen im Sinne der Filmemacher widerzugeben und dem Zuschauer ein rauschhaftes Erlebnis zu garantieren. Während der Boden unter den Füßen bebt und die prachtvollen Bilder von Hoyte van Hoytema („Interstellar“, „Spectre“) einen schlicht überwältigen, hämmert Ludwigs Göranssons („Black Panther“) elektronisch dominierter Score unablässig im Ohr des Zuschauers und treibt den Puls nach oben. Das alles soll wahrscheinlich auch als Ablenkmanöver dienen, damit der Zuschauer über das etwas wacklige Zeitkonstrukt nicht allzu viel nachdenkt. Aber auch hier bleibt sich Nolan treu. Bereits in seinem Duell der Zauberer-Drama „Prestige“ legte der talentierte Brite seine Karten offen und erklärte, dass es die Kunst des Magiers sei, das Publikum abzulenken. Ein Kniff, den Nolan in „Tenet“ wiederholt anwendet.

Natürlich wird „Tenet“ nicht nur Freunde finden. Besonders jene, denen Nolans Filme zu technokratisch und unterkühlt vorkommen, dürften sich einmal mehr bestätigt fühlen, dass Nolan nur wenig Interesse an seinen Charakteren hat. Tatsächlich scheinen die handlungsgebenden Figure nur Spielbälle zu sein, die sich dem Storykonstrukt unterzuordnen haben, um diese zugleich voranzutreiben. Im Angesicht des drohenden dritten Weltkriegs erscheint das allerdings nur allzu konsequent. Es ist dann auch den hervorragend spielenden Darstellern zu verdanken, dass diese nicht nur zu reinen Schablonen verkommen. Die heimlichen Szenendiebe des Films sind zweifellos Elizabeth Debicki und Robert Pattinson. Letzterer litt Jahrelang unter den Folgen der Teenie-Schmonzette „Twilight“ und seiner Darstellung als Vampir Edward. Sein Neil hat zwar nicht besonders viel Background, wird aber unverschämt sympathisch gespielt und sorgt für den ein oder anderen Schmunzler, was angesichts des heiligen Ernstes, mit dem Nolan für gewöhnlich seine Geschichte erzählt, fast schon erstaunlich wirkt. Dericki verkörpert wiederum ihre Rolle mit einnehmender Eleganz und Ambivalenz. Ein großes Risiko ist immer wieder die Besetzung des eigentlich großartigen Kenneth Branagh. Getrieben von einem offensichtlich großen Ego, neigt der Brite gelegentlich zum Overacting. In Nolan, mit dem er nach „Dunkirk“ ein zweites Mal dreht, scheint er einen Regisseur gefunden zu haben, der in der Lage ist, sein „Shakespeare –Pathos“ entsprechend der Rolle zu lenken.  Branagh gelingt es mühelos, seine Figur diabolisch zu zeichnen, schließlich ist es dessen zynische Egozentrik, die die Welt ins Verderben führen soll. Dennoch schafft er es, seinem Sator eine gewisse Ambivalenz zu verleihen, die vermuten lässt, dass hinter dem sadistischen Millionär möglicherweise die Sehnsucht steht, akzeptiert und geliebt zu werden.

Fazit: „Tenet“ ist ein Kinocomeback, das jenen Wumms vermittelt, den Olaf Scholz` Maßnahmen vermissen lassen. Zweieinhalb Stunden lang zelebriert der Film die inszenatorische Ausdruckskraft des Kinos. Grundvoraussetzung für einen uneingeschränkt gelungenen Abend ist jedoch die Gabe, als Zuschauer über das ein oder andere Logikloch hinwegzuschauen. Wer dies schafft, wird belohnt mit einem faszinierenden Spionage Thriller mit deutlichem Hang zu Action und Science Fiction.

Text: Dennis Dirigo